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  • Walter Gasperi

Filmbuch: John Badham


45 Autor*innen bieten in der im Fenomena Filmbuch Verlag erschienenen weltweit ersten Monographie zu John Badham einen umfassenden Einblick in das Schaffen des Regisseurs von "Saturday Night Fever" und "Wargames", der vielfach nur als solider Handwerker angesehen wird.


Den John Travolta-Erfolgsfilm "Saturday Night Fever" (1977) und "Wargames" (1983), in dem ein Teenager durch Zugriff auf einen Militärcomputer fast einen Atomkrieg auslöst, verbindet man vielleicht mit John Badham. Aber damit dürfte es sich auch schon haben.


Den letzten Film fürs Kino hat der 1939 geborene Amerikaner 1997 mit dem arg gescholtenen Kunstfälscherfilm "Incognito" gedreht. Seither arbeitet Badham nur noch fürs Fernsehen. So stehen auch den 16 Kinofilmen, die zwischen 1976 und 1997 entstanden, ungleich mehr Beiträge für Fernsehserien und Fernsehfilme gegenüber. Dies schlägt sich auch in der von Michael Flintrop herausgegebenen Monographie nieder, wenn die Präsentation der Kinofilme rund 60 Seiten, die der Fernseharbeiten aber rund 100 in Anspruch nimmt.


Nicht nur das Cover des Buchs erinnert dabei an die bei Bertz & Fischer erscheinenden Reihen "Deep Focus" und "Reihe film", sondern auch der Aufbau. Zufall ist das keiner, denn offen erklärt der Herausgeber, dass es für ihn als Autor der Bertz & Fischer-Bücher über Dario Argento und Joe Dante naheliegend gewesen sei, dies zu übernehmen und dass es für Cover und Struktur eines Buches keinen urheberrechtlichen Schutz gebe.


So werden zunächst auf 200 Seiten in 12 Essays und einem Interview mit John Badham spezielle Aspekte seiner Filme beleuchtet. Marcus Stiglegger arbeitet so Bewegung und Dynamik sowie Überwachungsszenarien und Paranoia, aber auch Wachstumsprozesse der Figuren als wiederkehrende Motive heraus.


Sascha Westphal setzt sich mit der Position Badhams zwischen Autorenfilmer und Handwerker auseinander und fokussiert auf der Bedeutung von Maschinen und Mechanik sowie dem Freiheitsstreben der Protagonisten. Herausgeber Michael Flintrop bietet dagegen einen Überblick über die Regiekarrieren von Badhams ehemaligen Weggefährten Rob Cohen, D.J. Caruso und Gregg Champion.


Wieland Schanebeck wiederum untersucht das Männlichkeitsbild in den Filmen des Amerikaners, während Nils Bothmann auf Badhams Umgang mit den Genres blickt, die nicht nur rezipiert, sondern auch ironisiert, parodisiert und hybridisiert werden.


Ivo Ritzer arbeitet die Medienreflexivität in "Stakeout – Die Nacht hat viele Augen" (1982), "Another Stakeout – Die Abservierer" (1993) sowie "The Hard Way – Auf die harte Tour" (1991) heraus und Oliver Nöding zeigt auf, dass sich Badham bei seiner Thematisierung von Überwachung und Überwachungstechnologie als skeptischer Humanist erweist.


Während Andreas Rauscher den Umgang Badhams mit dem Videospiel in "Wargames" (1983) analysiert und insgesamt Einblick in die Geschichte von Videospielen im Film bietet, deckt Heiko Nemitz durch einen detaillierten Vergleich von Luc Bessons "Nikita" und Badhams Remake "Point of no Return" (1993) auf, wie unterschiedlich die beiden Filme trotz nur minimaler Abweichung in der Handlung sind. Für Nemitz steht hier nämlich dem Nihilismus bei Besson der Humanismus bei Badham gegenüber.


Stefan Borsos bietet nicht nur spannende Einblicke in die frühen Fernseharbeiten Badhams, sondern plädiert auch grundsätzlich für eine Neubewertung und Wertschätzung der vielfach kaum beachteten Fernseharbeiten berühmter Regisseur.


Spannende Einblicke in die Entwicklung des Amerikaners zum Regisseur, die Genese einzelner Projekte und die Gründe und Folgen von Umbesetzungen von Drehbuchautoren und Kameraleuten bietet ein über 20-seitiges Interview Michael Flintrops, Markus Stigleggers, Heiko Nemitz´, Dragana Latinovics und Maximilian Scholz´ mit dem Regisseur.


Nicht zuletzt durch die Vielzahl verschiedener Autoren bieten nicht nur die Essays, sondern auch die sich daran anschließenden drei bis fünfseitigen Filmanalysen ausgesprochen vielfältige und spannende Einsichten. Da wird Badhams Kinodebüt "The Bingo Long Traveling All-Stars & Motor Kings" (1976) ebenso in den Kontext des Subgenres Baseballfilm eingeordnet wie "Saturday Night Fever" (1978) ins New Hollywood. Bei "Dracula" (1979) wird auf der Rolle der Frauen fokussiert, während Hans-Jürgen Wulff bei "Whose Life Is It Anyway?" (1981) sich besonders mit Soundtrack, Farb- und Lichtdramaturgie beschäftigt.


Aber eben nicht nur Badhams Kinofilme, sondern auch alle seine Fernseharbeiten werden ausführlich analysiert, in ihren Kontext gestellt und Abweichungen vom Muster herausgearbeitet. Einzelne Folgen zu den Serien "Die Straßen von San Francisco", (1973) "Cannon" (1973) oder "Kung Fu" (1973) werden dabei ebenso berücksichtigt wie seine fürs Fernsehen gedrehten Remakes des Western "Three Godfathers" als "The Godchild" (1974) und von Henri-Georges Clouzots Thriller "Die Teuflischen" unter dem Titel "Reflections of a Murder" (1974) oder sein Biopic über den Stuntman "Evil Knivel". Von Badhams Anfängen in den frühen 1970er Jahren bis zu seinen Folgen zu 2010er Serien wie "Supernatural" (2005 – 2020), "12 Monkeys" (2015 – 2018) oder "Arrow" (2012 – 2020) spannt sich der Bogen.


Abgerundet wird die großartige Monographie, die das Werk Badhams in wohl allen Facetten und fundiert auslotet, durch eine 20-seitige, leider etwas unübersichtliche Bibliographie. Verwiesen wird dabei sowohl auf Texte von John Badham als auch auf Essays zu und Interviews mit dem Porträtierten und natürlich auch auf zahlreiche Texte und Rezensionen zu den einzelnen Filmen.


Mustergültig ist auch die ausführliche Filmographie, die auf 40 Seiten alle Infos zu Kino- und Fernsehserien bietet vom jeweiligen Filmteam über die jeweilige Länge bis zum Termin der Uraufführung. Abschließend fehlt auch ein Namens- und Filmindex nicht, der das problemlose Nachschlagen ermöglicht. – Jetzt schon darf man so gespannt sein auf die angekündigten weiteren Bände unter anderem zu Bruce Beresford, Michael Winner, John Landis, Richard Fleischer und John Frankenheimer.

Michael Flintrop (Hg.), John Badham. Blick und Bewegung, Directors 1, Fenomena Filmbuch Verlag, Braunschweig 2022, 450 S., € 34, ISBN 978-3-00-068235-3



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