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  • AutorenbildWalter Gasperi

Filmbuch: Die Erfindung des Abenteuers


Auf 140 Seiten bietet Thomas Koebner einen Streifzug durch die Welt des Abenteuers und Abenteurers in Literatur und Film von "The Last of the Mohicans" über "The Treasure of Sierra Madre" bis zu "Aguirre, der Zorn Gottes" und dem "Indiana Jones-Zyklus": Eine anregende Lektüre.


Nach einem Buch über "Inseln, Wunschland, Wildnis, Weltferne" in Literatur und Film widmet sich Thomas Koebner nun der Welt des Abenteuers und des Abenteurers. Einleitend stellt der Filmwissenschaftler nicht nur die Grundelemente des Abenteuers vor, das der Bestätigung des Helden und der Selbsterfahrung diene und meist mit der Rückkehr des veränderten Helden ende, sondern zeigt auch auf, dass diese "unfertigen Existenzen", die die extravaganten Begebenheiten und Grenzerfahrungen brauchen und an ihnen wachsen, sich nach ihren Erfahrungen kaum mehr in die bürgerliche Gesellschaft einfügen können.


Stark maskulin dominiert sei dieses Genres, auch wenn es im wirklichen Leben auch Abenteurerinnen gebe und Michelangelo Antonioni in "L´Avventura" vom Abenteuer einer neuen Liebe erzähle.


So stehen auch in den folgenden knapp 40 jeweils zwei bis vierseitigen Roman- und Filmbeschreibungen meist Männer im Zentrum, einzig in Nicolas Roegs "Walkabout" (1971) und E.M. Fosters Roman "A Passage to India" (1924) sowie dessen Verfilmung durch David Lean (1984) spielen Frauen zentrale Rollen.


In fünf Abschnitten spannt Koebner den Bogen vom Wilden Westen über Seefahrer- und Wüstenabenteuer bis zu Weltreisen und Erfahrungen jenseits der bürgerlichen Welt. Den Schwerpunkt bilden Romane, mit denen teils Verfilmungen verglichen werden, selbstständige Filme sind mit Josef von Bakys "Münchhausen", Henri-Georges Clouzots "Le salaire de la peur", Jonathan Demmes "Something Wild", Werner Herzogs "Aguirre, der Zorn Gottes", "Fellinis Casanova" und Steven Spielbergs "Indiana Jones-Zyklus" eher dünn gesät.


Die Roman- und Filmbeschreibungen sind immer sehr genau, wenden den Blick auf markante Details, bieten aber auch immer Lesegenuss. So wird der Detailgenauigkeit der Naturbeschreibungen bei James Fennimore Coopers "The Last of the Mohicans" und "The Deerslayer" die Stereotypie in der Landschaftsbeschreibung bei Karl Mays "Winnetou" gegenübergestellt. Der Lichtgestalt Old Shatterhand, der eine Beziehung zu den Apachen aufbaut, steht wiederum in Mays "Durch die Wüste" Kara Ben Nemsis kolonialistisch verächtlicher Blick auf andere Völker gegenüber.


In Edgar Allan Poes "The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket" entdeckt Koebner eine Horrorgeschichte, die in eine Seefahrergeschichte verpackt ist und in der auch die bei diesem Autor wiederkehrende Angst, lebendig begraben zu werden, eine wichtige Rolle spielt. Parallelen findet der Autor zwischen Kapitän Ahab in Herman Melvilles "Moby Dick" (1851), Nemo in Jules Vernes "Vingt mille lieus sous les mers" (1869/70) und dem "Seewolf" (1904) Wolf Larsen in Jack Londons Roman.


Bei B. Travens "Das Totenschiff" (1926) und Josef von Bakys Film "Münchhausen" (1943) wird jeweils auch die Frage aufgeworfen, ob diese Werke überhaupt in den Bereich Abenteuer fallen. Bei Traven gebe es zwar die freie Entscheidung des Protagonisten für die Seefahrt, doch was dann folge sei ein einziges Martyrium, bei dem es kein selbstbestimmtes Handeln gebe. Bei "Münchhausen" dagegen sorge die Fantastik, mit der Probleme gelöst werden, dafür dass dem Helden weder Mut noch Energie, die für ein Abenteuer essentiell seien, abverlangt würden.


Keine Zeit für Abenteuer habe aber auch Phideas Fogg in Jules Vernes "Le tour du monde en quatre-vingts jours" (1873), da es hier um eine Wette gehe und jedes Hindernis ein Störfall sei, den Fogg wenn möglich mit seinem Geld behebe.


Wie Koebner in Jules Vernes Nemo ("Vingt mille lieus sous les mers") nicht nur einen Niemand, sondern speziell mit dem "N" auf der Flagge auch einen Verweis auf Napoleon sieht, so spekuliert er bei Joseph Conrads "Heart of the Darkness", ob Kurtz womöglich ein Alter Ego des Autors sei, da doch die Abkürzung von Conrads polnischem Namen Korzeniowski auffällig an den Namen des Protagonisten Kurtz erinnere.


Plastisch wird auch die Darstellung der afrikanischen Völker und Kulturen in Sir Henry Rider Haggards Romanen "King Solomon´s Mines" (1885) und "She" (1886) herausgearbeitet, während bei Nicolas Roegs Film "Walkabout" der Fokus auf das Spannungsfeld von moderner Welt und ursprünglichen Aborigines, aber auch zwischen bürgerlicher Normierung und Natürlichkeit gelegt wird.


Den wilden Abenteuern des "Indiana Jones" steht wiederum das Scheitern des Protagonisten von Werner Herzogs "Aguirre, der Zorn Gottes" (1972) gegenüber, der auf der Suche nach dem sagenhaften El Dorado nicht nur seine Begleiter und seine Tochter verliert, sondern auch selbst in den Wahnsinn driftet. Aber auch die vier Protagonisten von Henri-Georges Clouzots existentialistischem Klassiker "Le salaire de la peur" (1953), die sich auf einen lebensgefährlichen Sprengstofftransport einlassen, um einem Leben in einem tristen südamerikanischen Kaff zu entkommen, überstehen dieses Abenteuer nicht.


Reich ist dieses Buch nicht nur durch die Fülle der Roman- und Filmbeschreibungen, sondern auch durch den genauen Blick Koebners und die vielfältigen Hintergrundinformationen und Assoziationen. – Anregende Lektüre wird so geboten, die auch Lust wecken kann, den einen oder anderen Roman oder Film wieder oder erstmals zu lesen oder zu sehen.


Thomas Koebner, Die Erfindung des Abenteuers, Schüren Verlag, Marburg 2023, 140 S., € 18, ISBN 978-3-7410-0447-6


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