• Walter Gasperi

Filmbuch: Christian Petzold - YELLA


Der zweite Band der Reihe "Film I Lektüren", die im Münchner Verlag edition text + kritik erscheint, widmet sich Christian Petzolds "Yella". Auf knapp 100 Seiten analysiert der Kultur- und Medienwissenschaftler Brad Prager detailreich diesen psychologischen Thriller und deckt vielfältige Einflüsse und Beziehungen auf.


Ausgehend von der Rezeption "Yellas" als ein Film über die Auswirkungen der deutschen Wiedervereinigung und des Risikokapitalismus macht Brad Prager, der an der University of Missouri Professor für German Studies sowie für Film Studies ist, von Anfang an klar, dass angesichts der Erzählweise tiefer gegraben werden müsse. In den vier Kapiteln "Ein Hitchcockianer", "Yellas Heimkehr", "Unter der Oberfläche" und "Yellas Erwachen" arbeitet der Autor so die vielfältigen Einflüsse und Petzolds ausgefeilte Bild- und Tonsprache heraus.


Zentrale Rolle spielen dabei – wie schon der Titel des ersten Kapitels andeutet – die Filme Alfred Hitchcocks. Vor allem in dessen "Marnie" (1964) sieht Prager ein wichtiges Vorbild und zeigt, unterstützt auch durch Filmstills, Parallelen in der Bildsprache und der Farbdramaturgie auf.


Eine wichtige Rolle spielen aber auch Ambrose Bierces Kurzgeschichte "An Occurrence at Owl Creek", in der ein Mann, der gehängt wird, im Moment seines Sterbens ein glückliches Leben imaginiert, und Hank Harveys Kultfilm "Carnival of Souls" (1963). Ein weiteres Vorbild sieht Prager aber auch im Klassiker "The Wizard of Oz", bei dem - wie bei "Yella" - einer Rahmenhandlung in der Realität eine Binnenhandlung in einer Traumwelt gegenübersteht. Auch hier werden die visuellen Parallelen mit Filmstills unterstützt.


Gleichzeitig wird aber auch dem männlichen Blick auf die Protagonistin in "Marnie" die weibliche Perspektive in Petzolds Film gegenübergestellt, dessen von Nina Hoss gespielte Titelfigur zudem im Gegensatz zu Marnie immer wieder signalisiert, dass sie sich bewusst ist, dass sie beobachtet wird.


Die Farbdramaturgie, bei der schon beim Titelinsert mit dem roten Schriftzug "Yella" vor dem Hintergrund des blauen Flusses das Spannungsfeld von Eros und Thanatos aufgebaut wird, analysiert Prager ebenso wie die semi-subjektive Perspektive. Auch hier werden Parallelen zu Hitchcocks "The Wrong Man" und die Unterschiede zu Robert Montgomerys konsequent mit subjektiver Kamera gedrehtem Film noir "The Lady in the Lake" herausgearbeitet. Aber auch die Einflüsse von Filmen Fritz Langs wie "House By the River" oder "Secret Beyond the Door" und von Petzolds Lehrern Hartmut Bitomsky und Harun Farocki, dessen Film "Nicht ohne Risiko" eine wichtige Inspirationsquelle für "Yella" war, werden ausführlich analysiert.


Der außergewöhnliche Name der Protagonistin lässt Prager wiederum nicht nur Beziehungen zum griechischen "ela" und zum Arabischen "Yalla", die jeweils Bewegungen vermitteln und damit mit Yellas Weg vom Osten nach Westen korrespondieren, herstellen, sondern auch zur Schauspielerin Yella Rottländer, die in Wim Wenders´ Roadmovie "Alice in den Städten" eine Hauptrolle spielte. Gleichzeitig wird der Reise als Weg der Selbstfindung in Wenders´ 1974 entstandenem Film die Jobsuche als Beweggrund für Yellas rund 30 Jahre später spielende Reise gegenübergestellt.


Ausführlich untersucht Prager auch die beiden Männerfiguren Ben und Philipp und die unterschiedliche Beziehung Yellas zu ihnen. Nicht fehlen darf aber auch der Blick auf die Parallelen zu Petzolds anderen Filmen von den wiederkehrenden Autoszenen über die Rolle des Wassers bis zum Musikeinsatz.


Konsequent wird dabei herausgearbeitet, dass sich Petzold zwar am klassischen Kino orientiert, aber nicht auf dessen Realismus abzielt, sondern das Kino als Zeichenwelt versteht, in dem durch Geräusche, Farben und die Darstellung der Zeit eine eigene Welt geschaffen wird.


Bei seiner Analyse bleibt Prager immer nah am Film und entwickelt seine Schlüsse und Erkenntnisse aus der detaillierten Schilderung von Szenen. Sehr anschaulich und nachvollziehbar ist damit seine Darstellung und weckt große Lust nicht nur "Yella", sondern zumindest auch einige der genannten Vorbilder und Einflüsse erstmals oder nochmals zu sehen. Gespannt sein darf man aber auch auf den nächsten Band der „Film | Lektüren“, der sich Terrence Malicks "The New World" widmen wird und im Herbst erscheinen soll..


Brad Prager, Film | Lektüren 2: Christian Petzold: YELLA. Edition text + kritik, München 2021. 94 S., € 20, ISBN 978-3-96707-415-4