• Walter Gasperi

Filmbuch: Asghar Farhadi (Film-Konzepte 55)


Mit dem Goldenen Bär für "Nader und Simin" und zwei Oscars für "Nader und Simin" und "The Salesman" ist Asghar Farhadi der derzeit erfolgreichste und angesehenste iranische Regisseur. Im 55. Band der Reihe Film-Konzepte wird anschaulich und detailliert Farhadis bisheriges Werk analysiert.


Erstmals widmet sich ein Band der bei etk – text und kritik erscheinenden Reihe Film-Konzepte einem iranischen Regisseur. Im Gegensatz zu anderen, teilweise sehr theorielastigen und akademischen Bänden, ist dieser nicht nur sehr gut lesbar, sondern legt auch nicht den Fokus auf spezielle Aspekte in Farhadis Werk, sondern analysiert chronologisch nicht alle, aber fünf zentrale Werke des 1972 geborenen Iraners. Wieso als Titelbild allerdings gerade ein Filmstill aus „Alles über Elly“ (2009) gewählt wurde, obwohl diesem Film kein eigenes Kapitel gewidmet ist, ist nicht ganz nachvollziehbar.


Herausgeber Jörn Glasenapp blick in seinem einleitenden Artikel auf Farhadis Gesamtwerk und stellt, ausgehend vom Oscar für „The Salesman“ (2016), den frühen Filmen, in denen das Bild eines archaisch-fremden und traditionsbewussten Iran gezeichnet wird, das moderne und westlich anmutende Bild in den Filmen seit „Alles über Elly“ gegenüber. In der Hinwendung zu universellen und der Zurückdrängung von für den Iran spezifischen Themen sieht Glasenapp einen wesentlichen Grund für Farhadis weltweiten Erfolg.


Ausführlich arbeitet der Autor auch heraus, wieso der iranische Meisterregisseur ein Realist, aber kein Neorealist ist, widmet sich der Blicklenkung durch Schärfenverlagerung und der Schulung durchs und den Einfluss des Theaters, speziell der Stücke Ibsens, die sich nicht nur in der Dialoglastigkeit, sondern auch im genau konstruierten Räderwerk seiner Filme zeigt.


Anschaulich zeigt Glasenapp auch auf, wie die Macht des Vergangenen sich durch die Filme Farhadis zieht, im Zentrum immer wieder Studien des menschlichen Zusammenlebens stehen, auf die der Zuschauer wie in einen Spiegel blickt, auf sich selbst zurückgeworfen wird und die Position des Richters einnimmt, der selbst ein Urteil über die Protagonisten fällen muss.


Sahar Daryab stellt anschließend Farhadis erste Langfilme „Tanz im Staub“ (2003) und „Die schöne Stadt“ (2004) als Tragödien des Alltäglichen dar, die im positiven Sinne theatralisches Kino bieten, bei dem telling (Dialoge) wichtiger ist als showing (Bilder), klare Bedeutungszusammenhänge zwischen den Szenen bestehen und es keine überflüssigen Bilder gibt, sondern alles auf das Ganze abzielt. Im Zentrum stehen dabei immer moralisch unentscheidbare Situationen, die zu Gewissensqualen der Protagonisten führen, die sich verantwortlich fühlen und es allen recht machen wollen.


Quer durch das Werk Farhadis und die Beiträge werden immer wieder diese moralisch unentscheidbaren Situationen thematisiert, aber auch die sogenannte „Hydra-Dramaturgie“, bei der sich analog zur Hydra, bei der für jeden abgeschlagenen Kopf zwei nachwachsen, aus jeder Problemlösung ein größerer Konflikt ergibt.


Ausführlich widmet sich letzterem Felix Lenz in seinem Beitrag zu „Nader und Simin“, in dem die Leerstellen ständig neue Unsicherheit oder Offenheit erzeugen. Detailliert arbeitet der Autor auch heraus, wie Farhadi eine Ehe als Schauplatz benützt, um Individuum und Gesellschaft zu beleuchten, und wie Brecht´sche Strategien zur Herstellung von Distanz mit realistischeren Prämissen überformt werden. Der kristallinen Sehkraft stehe hier immer wieder eine Verdeckung von Situationen durch Türen oder Milchglasscheiben gegenüber, die dem Zuschauer, der sich in der Beobachterrolle befindet, eine eindeutige Entscheidung unmöglich machen.


Katharina Stahl stellt dagegen „Le passé“, Farhadis ersten außerhalb seiner Heimat gedrehten Film, als postmoderne Krimierzählung vor, in der der eine Protagonist ein „Detektiv der Gefühle“ ist, der den Rissen in der Patchworkfamilie seiner Ex-Frau nachspürt, während den anderen Protagonisten die Trauer über seine im Koma liegende Frau zu Recherchen anregt. Auch Stahl arbeitet mittels ihrer ausführlichen Filmbeschreibung nicht nur die Unbehaustheit und Kommunikationslosigkeit der Charaktere, sondern auch wieder die Last der Vergangenheit, die Uneindeutigkeit der Situation und die Ambivalenz von Zweifel und Erkenntnis heraus.


Abschließend zeigt Corina Erk in ihrer Analyse von „The Salesman“ nochmals die große Konsistenz von Farhadis Werk mit der Instabilität und Verwundbarkeit von Beziehungen als Kernthema auf. Auch hier geht es nämlich um das Zerbröckeln einer Ehe, um vermeintlich alltägliche Situationen, die ins Ausweglose kippen und die Handlung wird wiederum um eine Leerstelle konstruiert, sodass sich der Zuschauer wiederum aus Bruchstücken das Puzzle zusammensetzen muss.


Neben Momenten der mehr oder weniger verdeckten Kritik an der restriktiven iranischen Gesellschaft arbeitet Erk auch differenziert heraus, wie inhaltliche und strukturelle Elemente von Arthur Millers „Death of a Salesman“, den der Protagonist im Film an einem Theater inszeniert, in die Filmhandlung einfließen.


Die fundierten und sehr klaren Analysen, die dichte Querverbindungen zwischen den Filmen Farhadis herstellen, sorgen für einen ausgesprochen gelungenen Band, der mit seinen vielfältigen Informationen auch Interesse weckt zu einer neuen Sichtung der vorgestellten Filme. Etwas schade ist allerdings, dass nicht nur „Alles über Elly“, sondern auch Farhadis bislang letzter, in Spanien entstandener Film „Offenes Geheimnis“, der freilich bei der Kritik nicht besonders gut ankam, kaum berücksichtigt wird.



Jörn Glasenapp (Hg.), Film-Konzepte 55: Asghar Farhadi. Edition text + kritik, München 2019. 108 S., € 20, ISBN 978-3-86916-859-3