• Walter Gasperi

Ein Wegbereiter des Neuen österreichischen Films: Wolfram Paulus

Aktualisiert: Sept 16


Am 28. Mai dieses Jahres starb Wolfram Paulus, der 1986 mit dem schwarzweißen Weltkriegsdrama "Heidenlöcher" ein zentrales Werk des Neuen österreichischen Films schuf, nach schwerer Krankheit im Alter von 62 Jahren. Nun widmen das Filmarchiv Austria (1.9. bis 12.10.) und das Salzburger DAS KINO (18.9. bis 11.10.) Paulus eine Retrospektive.


In kontrastreichem Schwarzweiß filmte Paulus sein Langfilmdebüt "Heidenlöcher" (1986). Markant heben sich die schwarzen Bäume und die Kleidung der Protagonisten vom Schnee ab. Ganz auf die Welt eines Salzburger Bergdorfs konzentriert er sich in dieser auf einem wahren Fall beruhenden Geschichte eines Deserteurs, der sich im Zweiten Weltkrieg zwei Jahre lang in den Höhlen in der Nähe seines Heimatdorfs versteckte.


Nicht nur das strenge Schwarzweiß und die Winterstimmung, sondern auch die fragmentierte Erzählweise, in der der Einfluss des von Wolfram Paulus verehrten Robert Bresson zu spüren ist, erzeugen ein frostiges Klima der emotionalen Kälte und der Angst vor dem Zugriff der Gestapo.


Fast dokumentarisch werden die Verhältnisse im Dorf geschildert, in dem den regimetreuen Behörden einige wenige gegenüberstehen, die den Deserteur heimlich mit Nahrung versorgen. Als dritte Gruppe kommen osteuropäische Zwangsarbeiter dazu, die anstelle der eingezogenen Männer die älteren Bauern bei der Holzarbeit unterstützen sollen. Untergebracht sind sie in einem KZ ähnlichen Lager und träumen wie der Deserteur von Freiheit und einer besseren Welt.


Wortkarg ist die Inszenierung, der am 12. August 1957 im salzburgischen Großarl geborene Regisseur erzählt in Bildern, presst keine Geschichte hinein, sondern diese ergibt sich vielmehr aus genau beobachteten Szenen. Er folgt der Aufforderung Bressons, den er auch persönlich kennenlernte: "Beobachte, sammle Eindrücke, nimm auf, so viel du kannst!"


Ein Heimatfilm ist "Heidenlöcher", mit dem Paulus in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen wurde und für den er den Bayrischen ebenso wie den Wiener Filmpreis erhielt, in der Fokussierung auf der ländlichen Gesellschaft und der Verwendung von Salzburger Dialekt. Doch keinen größeren Gegensatz zu den kitschigen Heimatfilmen der 1950er Jahre könnte man sich vorstellen als dieses beklemmende Debüt, in dem die Emotionen förmlich im oder unter dem Schnee erstarrt sind.


Der bekannteste Film von Paulus sollte dieses Weltkriegsdrama bleiben. Sein Vater, der auf Normal 8 nicht nur Reise- und Kinderfilme drehte, sondern unter anderem auch Franz Kafkas Kurzgeschichte "Vor dem Gesetz" verfilmte, hatte bei Wolfram früh die Leidenschaft für Film und Kino geweckt. Schon mit 15 begann er auf Super 8 Kurzfilme über die Kindheit und die Arbeit der Bergbauern zu drehen.


Von 1977 bis 1982 besuchte er dann die Hochschule für Film und Fernsehen in München. Für seinen 30-minütigen Diplomfilm "Wochenend" (1982) gewann er nicht nur mehrere Auszeichnungen, sondern nahm mit der Geschichte eines Grundwehrdieners, der sich in ein winterliches Bergdorf zurückzieht, schon die Welt seines Langfilmdebüts "Heidenlöcher" vorweg.


Wie diese beiden Filme entwickelte Paulus auch "Die Ministranten (1989), mit dem er nach "Nachsaison" (1987) die sogenannte "Salzburger Trilogie" abschloss, aus der Zeit und dem Raum heraus. Spürbar von persönlichen Erfahrungen ist so "Die Ministranten" geprägt, in dem von einer Gruppe von etwa Zehnjährigen erzählt wird, die Anfang der 1960er Jahre im salzburgischen Lungau eine Bande bilden und sich mittels Karl-May-Romanen Wissen aneignen wollen, um im Kampf gegen eine andere Bande zu bestehen.


Ganz auf Augenhöhe mit seinen jungen Protagonisten ist Paulus, Erwachsene kommen nur am Rande vor. Auf große Dramatisierung wird verzichtet, vielmehr fügen sich kleine Szenen zu einem Bild dieser Zeit, aber auch das Ende der Kindheit, das Erwachen pubertärer Gefühle und mit einem starken Mädchen das Aufbrechen tradierter Geschlechterrollen spielt herein.


Weniger eine stringent aufgebaute klassische Kinogeschichte will Paulus dabei erzählen, sondern "was ich wirklich will mit meinen Filmen: Meine Welt, in der ich lebe, anschauen und auf der Ebene des Films wiedergeben. Mehr ist es nicht." Wie ihn bei der fragmentierten Erzählweise, bei der Detailaufnahmen speziell von Händen eine große Rolle spielen, Robert Bresson beeinflusste, so ist im genauen realistischen Blick auf die Kinder und die frühen 1960er Jahr in "Die Ministranten" sowie in der bevorzugten Arbeit mit Laiendarstellern auch das Vorbild Pier Paolo Pasolini erkennbar.


Nach diesem viel beachteten Karrierestart wurde es aber schon Anfang der 1990er Jahre wieder ziemlich still um den Salzburger - wohl auch weil er in der Folge vorwiegend fürs Fernsehen arbeitete. Daneben entstanden aber auch weiterhin Kinofilme wie die Beziehungskomödie "Du bringst mich noch um" (1994) oder der Abenteuerfilm "Blutsbrüder teilen alles" (2012), in dem es um die Kinderlandverschickung von zwei Salzburger Jungen während des Zweiten Weltkriegs in einen tschechischen Kurort geht.


Nicht nur in diesem Film, sondern immer wieder fokussierte Paulus auf Kindern und auch in seinem letzten abgeschlossenen Projekt "Heldenzeitreise" arbeitete er mit SchülerInnen in sechs Episoden, die sich von der Zeit der Kelten über das Mittelalter bis zur NS-Zeit und zur Gegenwart spannen, lokale Geschichte mit dem Ziel auf, einen Beitrag zur kulturellen Identität speziell für Jugendliche der Region zu leisten. – Es gibt also noch viel zu entdecken im Werk des am 28. Mai allzu früh verstorbenen Regisseurs und die Retrospektiven in Wien und Salzburg bieten Gelegenheit dazu.


Filmarchiv Austria, Wien: 1.9. - 12.10.

DAS KINO, Salzburg: 18.9. - 11.10.


Trailer zu "Heidenlöcher"