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  • AutorenbildWalter Gasperi

Ein Mann namens Otto


Marc Forsters rund erzähltes Remake des schwedischen Erfolgsfilms "Ein Mann namens Ove" folgt inhaltlich Punkt für Punkt dem Original. Immerhin bietet das Feelgood-Movie Tom Hanks als griesgrämigem und verbittertem Kleinbürger, der langsam Herzlichkeit und Lebensfreude entwickelt, eine Paraderolle.


2015 gelang Hannes Holm mit der Verfilmung von Fredrik Backmans Bestseller "Ein Mann namens Ove" ein beachtlicher Publikumserfolg (Rezension siehe unten). Im Remake von Bond-Regisseur Marc Forster ("James Bond 007: Ein Quantum Trost") wird aus "Ove" zwar "Otto" und an die Stelle einer schwedischen Kleinstadt tritt eine Vorstadt von Pittsburgh, doch davon abgesehen hält sich der Deutsch-Schweizer fast sklavisch an die Vorlage. Nicht mehr weit ist hier der Weg zu einem sogar jede Einstellung kopierenden Eins-zu-Eins Remake wie Gus Van Sants "Psycho"-Neuverfilmung (1998).


Wie im Original hat Otto vor kurzem seine Frau verloren und möchte sein Leben mehrfach beenden, doch entweder missglückt der Selbstmordversuch oder er wird dabei von Nachbarn gestört. Hier wie dort patrouilliert der pedantische Rentner, der wohl nicht zufällig einen urdeutschen Namen trägt, durch die Reihenhausanlage und kontrolliert Mülltrennung und Parkordnung. Selbst die Diskussionen mit einem Nachbarn um Automarken wurden übernommen, aus Saab gegen Volvo wurde freilich Ford gegen Chevrolet.


Statt einer persischen Familie zieht bei Forster aber eine Latino-Familie in unmittelbarer Nachbarschaft ein. Hier wie dort ist die Frau (Mariana Treviño) schwanger und bringt mit ihrer Offenheit beim verbitterten Otto langsam etwas in Bewegung.


Auch in der Erzählweise orientiert sich das Remake konsequent am Original, wenn die im Winter spielende Gegenwartshandlung immer wieder durch in warmes Licht und Farben getauchte Rückblenden unterbrochen wird, die Einblick in die Beziehung Ottos zu seiner großen Liebe Sonja bieten und in denen Tom Hanks´ Sohn Truman den jungen Protagonisten spielt.


Änderungen nimmt Forster, um den es nach fulminantem Karrierestart mit dem Todesstrafe-Drama "Monster´s Ball" (2001) und der Peter-Pan-Geschichte "Finding Neverland – Wenn Träume fliegen lernen" (2004) im letzten Jahrzehnt ruhig wurde, fast nur in Details vor. So wird aus einem schwulen Ex-Schüler von Sonja hier ein Transgender-Teenager, statt an Behörden wird an Immobilien-Unternehmen, die nur an ihren Profit denken, Kritik geübt, und statt einer Zeitung spielen Social-Media eine nicht unwichtige Rolle.


So wird nicht nur von der Wandlung eines Griesgrams und vom Wert der Menschenfreundlichkeit und Solidarität erzählt, sondern auch für Toleranz gegenüber Randgruppen plädiert und in klassisch amerikanischer Manier der Kampf und Sieg der Kleinbürger:innen gegen den scheinbar übermächtigen Immobilien-Hai gefeiert.


Rund, aber auch sehr glatt ist das inszeniert. Reichlich schematisch werden die Rückblenden eingestreut, aber geschickt hält Forster doch die Balance zwischen Witz und Ernst. Sein größter Trumpf ist dabei zweifellos die Besetzung der Hauptrolle mit Tom Hanks, der diesen Otto mit sichtlichem Vergnügen spielt und in Mariana Treviños Latino-Mutter auch einen lebensfrohen und agilen Gegenpol hat.


Nie können bei diesem Schauspieler freilich Zweifel daran aufkommen, dass sich hinter der rauen Schale im Grunde doch ein herzensguter Kern verbirgt. Mit zahlreichen Rollen vom reinen Tor in "Forrest Gump" (1993) über den Anwalt, der gegen seinen früheren Arbeitgeber klagt, in "Philadelphia" (1992) bis zum Piloten, dem eine Notwasserung auf dem Hudson River gelingt, in "Sully" (2016) und dem freundlichen – realen – TV-Moderator Fred Rogers in "A Beautiful Day in the Neighborhood – Der wunderbare Mr. Rogers" (2019) etablierte er sich als Idealbesetzung für aufrechte und menschenfreundliche Amerikaner.


Sein Otto ist nun ein weiteres Puzzle im Gesamtwerk dieses Schauspielers, der quasi ein James Stewart unserer Tage ist, aber bislang noch nie die Zerrissenheit zeigte, die Stewart in den Filmen Anthony Manns oder Alfred Hitchcocks, vor allem in "Vertigo" an den Tag legte. – Er ist eben der nette Onkel von nebenan und ihm zuzusehen macht einige Freude. Warm ums Herz kann einem so bei diesem Feelgood-Movie trotz seiner Sentimentalität werden. Wirklich haften bleibt aber nicht viel.


Ein Mann namens Otto USA / Schweden Regie: Marc Forster mit: om Hanks, Mariana Treviño, Rachel Keller, Manuel Garcia-Rulfo, Truman Hanks, Christiana Montoya, Alessandra Perez Länge: 126 min.


Läuft derzeit in den Kinos


Trailer zu "Ein Mann namens Otto"


Rezension zu "Ein Mann namens Ove"

Ein Mann namens Ove (Kultur-online, 12.4. 2016)
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