Digger


Ein Richtung Europa driftender gewaltiger Eisberg, ein superreicher Ölbaron, ein todkranker US-Präsident und seine Generäle sowie auf der anderen Seite Warner vor der globalen Katastrophe: Alejandro González Iñárritu ist am Puls der Zeit, aber seine Satire bietet mehr lahmen Klamauk als wirklichen Biss.
Das Ensemble ist exquisit: Ein kaum wiederzuerkennender Tom Cruise als alter Ölbaron Digger Rockwell, Sandra Hüller als seine Schwester, die ein Unternehmen für Nachhaltigkeit leitet, John Goodman als US-Präsident und Riz Ahmed als Diggers Umweltbeauftragter. – Spielen können diese Stars zweifellos, doch mit ihrem bewussten extremen Overacting werden ihre Figuren nicht zu Charakteren aus Fleisch und Blut, sondern zu Karikaturen – und "Digger" bleibt trotz seines Einfallsreichtums leblos.
Das Vorbild von Stanley Kubricks pechschwarzer Satire "Dr. Strangelove: or or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb" (1964) ist vor allem in den Szenen unübersehbar, in denen Digger mit dem US-Präsidenten und den Militärs berät, wie die Katastrophe abgewendet werden könnte. Diese droht nämlich, weil sich ein gewaltiger Eisberg von der Arktis gelöst hat und Richtung Europa driftet.
Interessiert Digger zunächst nur seine bedrohte Bohrplattform, erkennt er langsam doch den Ernst der Lage und sucht nach Lösungen. Wichtiger ist ihm aber doch seine Katze, die seit Jahren bei ihm im Bett schläft, nun aber todkrank ist. Nur eine Aschenurne wird schließlich noch von ihrer früheren Existenz zeugen. Auf diese Hinfälligkeit, aber auch auf die Allmachtsfantasien Diggers verweisen aber auch die zahlreichen Trophäen von Nashorn bis zu Hirschgeweih in seinem weiträumigen Anwesen.
So klar freilich die Stoßrichtung Iñárritus zunächst scheint, so sehr bringt er doch mit einem abrupten Bruch nach etwa 30 Minuten, der nicht verraten werden soll, eine zweite Ebene ins Spiel. Allzu viel bringt diese Wendung aber kaum, denn weiterhin bleiben die drohende globale Katastrophe und die unterschiedlichen Reaktionen von Digger, der US-Administration und dem Umweltbeauftragten im Zentrum.
So ernst und real die angesprochenen Gefahren sind, so wenig Biss entwickelt "Digger" letztlich. Giftig versprüht der Oscar-Preisträger zwar Spott nicht nur über den Ölbaron, Politik und Militärs, sondern auch über die Warner vor einer globalen Katastrophe, aber viel zu laut und zu grell ist seine Inszenierung, als dass er damit wirklich packen und schockieren könnte. Auffallend ist freilich, dass die heute so präsenten und die Entwicklungen vielfach bestimmenden Tech-Bosse komplett ausgespart werden. Will Iñárritu sich nicht deren Zorn auf sich ziehen?
Während bei Kubricks "Dr. Strangelove" mit knochentrockener Erzählweise und pechschwarzem Humor immer wieder der Schrecken des absurden Agierens der Entscheidungsträger das Lachen des Publikums gefrieren lässt, dominieren bei Iñárritu Schreiduelle und Overacting, die seinem Film bei aller Nähe zur Realität jede Ernsthaftigkeit rauben. Durchaus treffend wäre folglich auch der ursprünglich geplante Titel "Blah, Blah, Blah" gewesen, denn einerseits reagieren die Zuhörer:innen bei einer Diggers Rede mit diesem Ruf, andererseits bietet "Digger" auch vorwiegend die Phrasen, die Politiker, Wirtschaftsbosse und Umweltaktivist:innen heute in den Medien dreschen.
Zwischentöne sind nicht die Sache des Mexikaners, sondern teilweise wie in Ruben Östlunds "Triangle of Sadness" greift er lieber zum Holzhammer, orientiert sich andererseits aber speziell beim Auftritt Diggers in einem Hörsaal oder Kongresssaal mit dem ganz in fahles Grau getauchtem Publikum an den Tragikomödien eines Roy Andersson.
An Einfällen mangelt es diesem Film, der trotz Produktionskosten von 125 - oder aufgrund von Verzögerungen sogar 160 bis 180 - Millionen Dollar in der Beschränkung auf wenige Innenräume nicht von ungefähr an einen Theaterfilm erinnert, sicherlich nicht, aber die einzelnen Szenen fügen sich nicht zu einer überzeugenden Handlung, sondern bleiben Stückwerk. Großtuerisch will der fünffache Oscar-Preisträger (Regie, Drehbuch und bester Film für "Birdman", 2015; Regie für "The Revenant", 2018; Special Achievement Award für "Carne y arena", 2018) klotzen. Spektakulär ist die Ausstattung des von "Bond Film"-Production Designer Dennis Gessner angeführten Teams, doch Drive entwickelt "Digger" so wenig wie Iñárritus letzter Film "Bardo" (2022).
Auch wenn sich der 64-jährige Tom Cruise förmlich die Seele aus dem Leib spielt und konsequent gegen sein "Mission-Impossible"-Image anspielt, um nach vier Oscar-Nominierungen doch endlich die begehrte Statuette zu gewinnen, ziehen sich die 128 Minuten dieser Farce dennoch langatmig dahin, denn zu platt, zu wenig pointiert und letztlich auch leider auch zu altbekannt aus den Nachrichten ist das, was hier geboten wird.
Digger
USA / Großbritannien / Mexiko 2026
Regie: Alejandro González Iñárritu
mit: Tom Cruise, Riz Ahmed, John Goodman, Sandra Hüller, Michael Stuhlbarg, Jesse Plemons
Länge: 128 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cineplexx Hohenems und im Skino Schaan.
Trailer zu "Digger"




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