• Walter Gasperi

Bardo, False Chronicle of a Handful of Truths - Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll ...


Alejandro González Iñárritu auf Ego-Trip: Ein renommierter mexikanischer Journalist und Dokumentarfilmer reflektiert in einer Mischung aus Traum und Realität seine Lebenssituation. – Spektakulär inszeniert, aber in seiner Selbstbezogenheit auch langatmig und leer.


Aus einer persönlichen Krise und künstlerischen Sackgasse hat Federico Fellini 1963 mit "Otto e mezzo" ("Achteinhalb") einen seiner größten Filme gemacht. In der Nachfolge des Italieners drehte Woody Allen 1980 die autobiographisch gefärbte Tragikomödie "Stardust Memories", in der ein für seine Komödien berühmter Filmemacher keine komischen Filme mehr drehen möchte.


Bei Alejandro González Iñárritus "Bardo" stellt sich der autobiographische Bezug schon durch die Besetzung der Hauptfigur mit Daniel Giménez Cacho ein. Denn schon physiognomisch sieht dieser Schauspieler in der Rolle des erfolgreichen mexikanischen Journalisten und Dokumentarfilmers Silverio Gama mit Körperbau, Bart und Frisur wie ein Doppelgänger des zweifachen Oscar-Preisträgers ("Birdman", 2014; "The Revanant", 2015) aus.

Zentraler als die äußere Ähnlichkeit sind aber die inhaltlichen Parallelen zwischen der Filmfigur und dem mexikanischen Regisseur. Wie Iñárritu, der mit der Netflix-Produktion "Bardo" erstmals seit seinem fulminanten Debüt "Amores perros" (2000) wieder einen Film in Mexiko drehte, ist Gama am Beginn des Films nämlich nach mehrjähriger Arbeit in den USA in die Heimat zurückgekehrt. Beide verbindet auch der berufliche Erfolg und im heftigen Disput Gamas mit einem Journalisten-Kollegen kann man eine Reminiszenz an Iñárritus Streit mit seinem früheren Drehbuchautoren Guillermo Arriaga sehen.


Fantastisch ist schon die Eröffnungsszene, in der man in der Wüste nur den langen Schatten des Protagonisten sieht. Die sehr bewegliche Kamera von Darius Khondji folgt diesem Schatten aus subjektiver Perspektive des Mannes, wenn er mehrfach zu einem Sprint ansetzt, vom Boden abhebt und dann doch wieder ziemlich hart aufschlägt, bis er doch hoch über der Wüste fliegt: Es scheint, dass dieser Mann verbissen darum kämpft, jeder Erdgebundenheit zu entkommen.


Eine durchgängige, lineare Handlung entwickelt sich nach diesem Auftakt kaum. Einzig durch Gama wird die Szenenfolge, in der sich Realistisches mit Surrealem mischt, zusammengehalten. Auf realistischer Ebene wird zwar von der Rückkehr der Familie nach Mexiko, einer großen – und ausführlich geschilderten – Feier, bei der ein Preis an den erfolgreichen Journalisten verliehen wird sowie einen Familienurlaub in einem Luxusresort am Meer erzählt, aber dazwischen schieben sich immer wieder Träume, Erinnerungen und spätere Ereignisse ein.


So sitzt Gama bald in einer U-Bahn in L. A., die überflutet wird, als ihm sein Wassersack mit zwei Axelotl aus den Händen rutscht, und bruchlos geht die Überflutung in seine Wohnung über, in der sich später wieder überall Sand ausbreitet. Dazu kommen Begegnungen mit dem verstorbenen Vater, in denen Gama zum kleinen Kind wird, und Erinnerungen an ein Dokumentarfilmprojekt über die Flüchtlingsströme an der mexikanisch-us-amerikanischen Grenze.


Nicht nur in dieser Szene schneidet Iñárritu das mexikanisch-us-amerikanische Verhältnis an, sondern auch wenn in den Nachrichten mehrfach berichtet wird, dass Amazon den mexikanischen Bundesstaat Baja California kauft, oder wenn Gama bei seiner Einreise in die USA einen Streit mit dem Zollbeamten beginnt, weil er sich zu wenig respektvoll behandelt fühlt. Andererseits wird Diskriminierung der Indigenen und der Unterschicht in Mexiko sichtbar, wenn die Hausangestellte der Gamas im Luxusresort nicht an den Strand darf.


Doch diese gesellschaftskritischen Akzente werden nicht weiter vertieft, denn im Zentrum steht Gama – oder eben Iñárritu – und dessen Situation. So fulminant die einzelnen Szenen dabei inszeniert sind, so aufregende Bilder Kameramann Darius Khondji findet, so langatmig ist "Bardo" doch in der Selbstbespiegelung Gamas bzw. Iñárritus.


Wie schon frühere Filme des Mexikaners, speziell "The Revenant", leidet auch "Bardo", dessen Titel aus dem tibetischen Totenbuch entnommen ist, in dem es einen Zwischenzustand oder Zwischenreich bezeichnet, an hemmungsloser Überinszenierung. Blies Iñárritu im Western "The Revenant" eine im Grunde simple Rachegeschichte mit spektakulären Bildern auf über 150 Minuten auf, so zielt auch hier jede Szene darauf ab, dem Publikum vor Augen zu führen, wie großartig der Mexikaner inszenieren kann.


Die Form steht hier über dem Inhalt. Nebensächlich scheint, was erzählt wird und weil Iñárritu auch kein wirkliches Interesse für seinen narzisstischen und arroganten Protagonisten wecken kann, ermüdet die eitle Nabelschau. Daran ändert auch nichts, dass der Mexikaner den Film nach seiner Premiere beim Filmfestival von Venedig überarbeitet und von 174 Minuten auf 159 Minuten gekürzt hat.


Bardo, False Chronicle of a Handful of Truths Mexiko 2022 Regie: Alejandro González Iñárritu mit: Daniel Giménez Cacho, Griselda Siciliani, Ximena Lamadrid, Íker Sánchez Solano, Andrés Almeida, Francisco Rubio Länge: 159 min.



Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.


Trailer zu "Bardo, False Chronicle of a Handful Truths"