• Walter Gasperi

Die Farbe aus dem All


Der Einschlag eines Meteoriten und die von ihm ausgehende Farbe verändert das Verhalten einer Familie. Richard Stanleys atmosphärisch sehr dichte und visuell großartige Verfilmung einer Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft ist bei Koch Media auf DVD und Blu-ray sowie in einem Mediabook erschienen.


Schon mehrfach wurde H. P. Lovecrafts 1927 erschienene Kurzgeschichte verfilmt, in Deutschland ebenso wie in Italien, Großbritannien und den USA. Der 1966 geborene Südafrikaner Richard Stanley meldet sich mit seiner Adaption nun nach 20 Jahren Leinwandabsenz mit einem Spielfilm zurück. Anfang der 1990er Jahre machte Stanley mit dem Science-Fiction-Film "M.A.R.K. 13 – Hardware" und dem Horrorfilm "Dust Devil" auf sich aufmerksam, doch schon beim folgenden "D.N.A. – Die Insel des Dr. Moreau" (1996) wurde er als Regisseur durch John Frankenheimer ersetzt. In den folgenden zwei Jahrzehnten konnte er nur zwei Dokumentarfilme drehen und schrieb Drehbücher.


In "Die Farbe aus dem All" versetzt Stanley den Zuschauer mit den ersten Bildern in einen märchenhaft-nebelverhangenen Wald, während aus dem Off ein Ich-Erzähler über die Schönheit der Natur und ihre Zerstörung spricht. Erst am Ende wird wieder dieses Voice-over einsetzen und kommentierend und reflektierend auf die Ereignisse zurückblicken.


In dieser heilen Welt führt der Teenager Lavinia (Madeleine Arthur) am Ufer eines Sees ein archaisches Ritual durch, mit dem sie offenbar die Kräfte des Bösen bannen und die Mutter, die eine Krebstherapie hinter sich hat, heilen will. Der Schimmel, den Lavinia bei sich hat, verstärkt das Märchenhafte dieser Szene, doch mit einem jungen afroamerikanischen Hydrologen, der die Wasserqualität wegen des Baus eines Staudamms untersucht, bricht die Realität in diese Fantasy-Szenerie ein.


Unauffällig in die Gegenwart verlegt hat Stanley Lovecrafts Vorlage, schafft atmosphärische Dichte mit seinem Gespür für große Kinobilder und der Konzentration auf diese Waldregion, in die sich Lavinias Familie zurückgezogen hat. Mit ihren beiden Brüdern und ihren Eltern lebt sie hier im Landhaus ihres verstorbenen Großvaters. Während sich der Vater (Nicolas Cage) dem Gemüseanbau und der Haltung von Alpakas widmet, arbeitet die Mutter von zuhause aus als Brokerin.


Als Teenager, der ständig widerspricht, nervt Lavinia zwar ihre Eltern, aber das wirkt mehr spielerisch und insgesamt vermittelt die Familie einen harmonischen Eindruck. Doch dann schlägt eines Nachts im Garten ein Meteorit ein und sorgt mit seinen violett und grün fluoreszierenden Farben, die sich immer wieder im Anwesen ausbreiten, für Veränderungen bei Mensch und Tier.


Da beginnt nicht nur der Hund aggressiv zu bellen und der Vater zwischen Fürsorglichkeit und cholerischen Anfällen abrupt zu wechseln, sondern Lavinia beginnt auch ihre Rituale gegen sich selbst zu richten und nicht nur die Alpakas im Stall, sondern auch die Mutter und der jüngste Sohn beginnen auch physisch zu mutieren…


Wie im Labor erkundet Stanley, wie sich in dieser abgeschotteten Welt diese Familie durch äußere oder außerirdische Einflüsse verändert. Nicht einmal das gewohnte Overacting von Nicolas Cage stört hier, sondern passt zu den extremen Stimmungsschwankungen des von ihm gespielten Vaters. Auch der Aufbau folgt durchaus den Konventionen des klassischen Horrorfilms, wenn der langsame Zerfall einer scheinbar heilen Familie geschildert wird. Blutige Szenen fehlen gegen Ende zwar nicht, in erster Linie setzt Stanley aber auf leise Schockmomente und vor allem auf eine Atmosphäre der Verunsicherung und mixt Charakterstudie am Ende mit einem Körperhorror, der an die Filme David Cronenbergs erinnert.


Mit seiner ungewöhnlichen und aufregenden Bildsprache und starker, die Atmosphäre geschickt unterstützender Elektro-Musik zieht Stanley, der am Beginn seiner Karriere auch Musikvideos drehte, den Zuschauer intensiv in die Handlung hinein. Ein Happy End darf man dabei nicht erwarten und auch das Mysteriöse wird nicht aufgeklärt . – Zu hoffen bleibt freilich, dass man auf den nächsten Film dieses Regisseurs nicht wieder 20 Jahre warten muss.


An Sprachversionen bietet die bei Koch Media auf Blu-ray, DVD und in einem Mediabook erschienene Horror-Science-Fiction-Film die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie Untertitel in diesen beiden Sprachen. Die Extras umfassen neben dem Kinotrailer und einer Bildergalerie einen 13-minütigen Zusammenschnitt von entfallenen Szenen.


Trailer zu "Die Farbe aus dem All"