• Walter Gasperi

Diagonale ´22: Enttäuschte Glücksversprechen am Sehnsuchtsort

Aktualisiert: 11. Apr.


Von der Sehnsucht nach einem besseren Leben in der Fremde erzählen bei der 25. Diagonale in Graz die Dokumentarfilme "Room Without a View" von Roser Corella und "Good Life Deal" von Samira Ghahremani. Doch weder erfüllen sich die Glücksvorstellungen für äthiopische Hausmädchen im Libanon noch die eines österreichischen Frühpensionisten in Thailand.


250.000 Hausmädchen aus den Philippinen, aus Bangladesch und vor allem aus Äthiopien leben im Libanon. 600 neue kommen jede Woche dazu. Die Versprechungen eines guten Gehalts, eines freien Tages pro Woche, von Urlaubsanspruch und einer guten Unterkunft haben sie in die Fremde getrieben, doch das vermeintliche Paradies entpuppt sich als Hölle, aus der pro Woche zwei durch Selbstmord zu entkommen versuchen.


Die gebürtige Spanierin Roser Corella durchleuchtet in ihrem Dokumentarfilm "Room Without a View" mit multiperspektivischem Ansatz detailreich ein ausbeuterisches System, in dem der Mensch zur Ware degradiert wird. Zu Schwarzfilm hört man so mehrfach Telefonate mit einer Agentur, die Hausmädchen vermittelt. Unumwunden erklärt der Vermittler dabei, dass die Anstellung einer Haushaltshilfe wie der Kauf einer Wassermelone sei: Erst im Nachhinein wisse man, ob man eine gute oder schlechte Frucht gekauft hat. Er gibt den Arbeitgeber*innen aber auch den Tipp, den Hausmädchen sofort nach Ankunft den Reisepass abzunehmen, um so eine Flucht unmöglich zu machen.


Die Hausmädchen selbst geben in Interviews bewegenden Einblick in ihr Schicksal, wenn sie von endlosen Arbeitstagen, Beraubung jeder Freiheit und Freizeit, unzumutbarer kleiner Kammer, aber auch von Schlägen und schließlich auch von sexuellem Missbrauch berichten. Aber auch Hausherrinnen kommen zu Wort, die in ihren Angestellten Objekte sehen, die ein Werkzeug ersetzen und über die sie voll und ganz verfügen können.


Ursachen für die völlige Versklavung von Hausmädchen sieht Corella in der libanesischen Gesellschaft, in der von den Hausherrinnen erwartet wird, dass sie neben einem Job auch den Haushalt perfekt führen und die Kinder erziehen. Groß ist der Druck auch auf ihnen, denn gegenüber Nachbarn und Bekannten will man immer gut dastehen und sich keine Blöße geben.


Unterlegt sind diesen Interviews immer wieder Totalen von Beirut und Ansichten von Fassaden von Wohnblocks. So wenig nach außen etwas sichtbar ist, so sehr spielen sich hinter der Fassade Tragödien ab. Doch "Room Without a View" macht auch Hoffnung auf Veränderung, wenn die Hausmädchen ihr Schicksal in einer Radiosendung thematisieren, wenn ein Theaterstück die Ausbeutung aufarbeitet und die jungen Frauen nach einem Selbstmord gegen die menschenunwürdigen Bedingungen demonstrieren. Gleichzeitig zeigt die Schlussszene aber auch, dass für junge Äthiopierinnen der Libanon weiterhin ein Sehnsuchtsort mit der Hoffnung auf die Erfüllung des Traums vom besseren Leben ist.


Durchleuchtet Corella die allgemeine Situation von Hausmädchen im Libanon fokussiert Samir Ghahremani in "Good Life Deal" ganz auf dem auf einen Rollstuhl angewiesenen Österreicher Gerhard. Wohnung und weiteren Besitz hat der Frühpensionist verkauft und hofft jetzt auf einen glücklichen Lebensabend in Thailand mit der Taxifahrerin Amy.


Für sie beide hat er in Chiang Mai ein schmuckes Häuschen gekauft, ihr Geschäft für den Handel mit Silberwaren finanziert er und kauft ihr auch einen Mercedes. Ein Pool soll im Garten errichtet werden und Amy schlägt vor, dass man auch das Haus nebenan kaufen könnte. Sie genießt den Luxus, doch gegenüber Gerhard wird sie zunehmend distanzierter und entzieht sich ihm ganz. - Am Ende steht eine Anzeige wegen Betrugs.


Auf Interviews und Off-Kommentar verzichtet Ghahremani. Sie beschränkt sich darauf, ihren Protagonisten mit der Kamera zu begleiten, ist nahe an ihm dran und erzählt schlüssig, wie sein Glaube mit Geld auch das Glück kaufen zu können langsam zerbröckelt. Dass Gerhard dies mit der Nachbarin gelingt, die am Ende in Inserts als potentielle Nachfolgerin Amys auftaucht, darf man bezweifeln.


Weitere Berichte zur Diagonale ´22:

Vorschau auf die Diagonale ´22

"Märzengrund" von Adrian Goiginger, "Alpenland" von Robert Schabus

"Für die Vielen - Die Arbeiterkammer Wien" von Constantin Wulff, "Alice Schwarzer von Sabine Derflinger, "Sonne" von Kurdwin Ayub, "Para:dies" von Elena Wolff