• Walter Gasperi

Der Untergang der Titanic


Jean Negulesco verbindet in seinem 1953 gedrehten Drama die Schiffskatastrophe, die am 15 April 1912 über 1500 Menschen das Leben kostete, mit einer privaten Ehe- und Familiengeschichte: Hollywood-Kino klassischer Schule, das bei Pidax Film auf DVD und Blu-ray erschienen ist.


Ansatzlos setzt „Der Untergang der Titanic“ mit dem Abbrechen eines Eisberges vom Packeis ein, um dann zum Start der Jungfernfahrt des Luxusdampfers zu wechseln. Sinn machen die Bilder vom Polarmeer nur, wenn man sich der folgenden Ereignisse bewusst ist. Ganz offensichtlich setzt Jean Negulesco die Kenntnis der Katastrophe voraus. Er weiß sehr wohl, dass hier kaum Spannung durch den Untergang der Titanic aufgebaut werden kann, sondern allein durch persönliche Schicksale.


Gekonnt verknüpft der rumänischstämmige Hollywood-Regisseur mehrere Erzählfäden, bietet Einblick in die Arbeit des Kapitäns und seiner Crew, zeigt feiernde arme Leute im Unterdeck und lässt auch kurze Bilder von den Heizern nicht aus, die Kohlen in die Öfen schaufeln. Im Zentrum aber steht die High-Society, die im prächtigen Speisesaal diniert, sich mit Kartenspiel die Zeit vertreibt, Lose für eine Lotterie kauft oder einen Gottesdienst besucht..


Den Fokus richtet Negulesco dabei auf die Familie Sturges. Allein will Julia Sturges (Barbara Stanwyck) mit ihrer fast erwachsenen Tochter Annette und dem etwa zehnjährigen Sohn Norman zurück nach Amerika reisen, doch auch ihr Mann (Clifton Webb), von dem sie sich trennen will, kann sich noch ein Ticket für die Überfahrt beschaffen. So entwickelt sich an Bord ein Ehekrieg, bei dem die Frau ihrem Mann seine Arroganz und Eitelkeit vorwirft und nicht nur erklärt, dass sie die Kinder seinem Einfluss entziehen will, sondern auch ein Geheimnis lüftet.


Eine Paraderolle für Barbara Stanwyck ist diese Julia Sturges, die längst erkannt hat, welchen Fehler sie gemacht hat, als sie vor 20 Jahren diesen Richard wegen seines Geldes geheiratet hat. Genüsslich spielt auch Clifton Webb Richard als gefühlskalten Egoisten, der glaubt mit Geld alles kaufen zu können, und in der Tochter Annette wird auch schon sichtbar, wie sein Charakter abgefärbt hat.


Eher beiläufig werden dagegen mit Eisschollen im Meer und der telegraphischen Meldung eines Eisbergs Hinweise für die sich nahende Katastrophe gesetzt, zu der es erst nach rund 70 Minuten – also zwei Drittel des Films – kommt. Mit beeindruckender Tricktechnik sind diese Szenen gefilmt und schweres emotionales Geschütz fährt Negulesco auf, wenn während des Untergangs die Schiffskapelle „Näher mein Gott zu dir“ spielt.


Das Spektakel, das sich bei solchen Katastrophenfilmen oft in den Vordergrund drängt, bleibt sehr reduziert, im Zentrum bleiben die Menschen vom Kapitän, der trotz der aussichtslosen Lage nach außen ruhig Befehle erteilt, über einen alkoholkranken Priester bis zur Familie Sturges. Hier erzählt Negulesco freilich auch von einer Läuterung des zunächst so unsympathisch gezeichneten Richard, der angesichts der Katastrophe Selbstlosigkeit und Empathie entwickelt, und gleichzeitig auch von einer Wandlung seiner zunächst als arrogant präsentierten Tochter.


Etwas zu bruchlos und einfach erfolgen zwar diese persönlichen Entwicklungen, aber insgesamt bietet „Der Untergang der Titanic“ dank der flüssigen Erzählweise, der sicheren Verknüpfung der Erzählfäden und nicht zuletzt dank der brillanten Qualität der Schwarzweiß-Bilder zwar nicht herausragende, aber doch sehr solide Hollywood-Unterhaltung klassischen Stils.


An Sprachversionen bieten die bei Pidax Film erschienene DVD und Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung. Extras fehlen leider.


Trailer zu "Der Untergang der Titanic"