• Walter Gasperi

Der Klavierspieler vom Gare du Nord – Au bout des doigts


Der Direktor des Pariser Konservatoriums entdeckt am Gare du Nord einen hochbegabten jungen Klavierspieler aus der Banlieue und nimmt ihn unter seine Fittiche. Ausgangspunkt eines vorhersehbaren, aber dank kompakter und eleganter Inszenierung dennoch bewegenden Musikdramas.


In Frankreich scheint es auf Bahnhöfen öffentliche Klaviere zu geben, an denen jeder spielen kann. Hier entflieht auch der 20-jährige Mathieu (Jules Benchetrit), der einst bei einem Nachbarn das Klavierspiel gelernt hat, seinem Alltag in der Banlieue. Auf Anhieb fasziniert ist Pierre Geithner (Lambert Wilson), der Direktor des Pariser Konservatoriums, von diesem Spiel.


Der Schnitt stellt sofort eine Beziehung zwischen den beiden Männern her, intensiviert sie sukzessive, bis die Polizei auf Mathieu aufmerksam wird und er flüchten muss. So groß nämlich seine Leidenschaft fürs Klavierspiel auch ist, so hängt er doch sonst mit seinen Kumpels aus der Unterschicht herum und begeht mit ihnen auch Einbrüche.


Als er bei einer dieser Diebestouren gefasst wird, weil er in der Villa so ins Klavierspiel versunken war, dass er das Eintreffen der Polizei gar nicht bemerkte, kümmert sich Pierre darum, dass Mathieu nicht ins Gefängnis muss, sondern die Strafe als Sozialdienst als Putzmann im Konservatorium ableisten kann.


Neben dem Sozialdienst drängt Pierre den begnadeten Musiker zu einem Klaviertraining und gibt ihn dafür in die Hände einer gefürchteten Lehrerin (Kristin Scott Thomas): Endlich wieder einmal soll das Pariser Konservatorium bei einem großen internationalen Klavierwettbewerb gewinnen. Mächtig unter Druck setzt deshalb auch der Vorstand Pierre und hält wenig von seiner Wahl Mathieus als Teilnehmer.


Pflegeleicht ist freilich auch Mathieu nicht, ist kein folgsamer Schüler, sondern zeigt sich als widerspenstiger junger Mann mit eigenem Willen. Spannungen und Konflikte sind damit vorhersehbar, andererseits verliebt sich Mathieu in eine schwarze Cellistin, die ihn in seinem musikalischen Weg bestärkt.


Vorhersehbar ist die Geschichte, Ludovic Bernard hat sie aber kompakt und mit Drive inszeniert. Hier gibt es keine überflüssige Szene, wie am Reißbrett entworfen wirkt das Drehbuch, keine Leerstellen gibt es, keinen Moment zum Ausruhen oder um sich umzuschauen.


Visuell arbeitet Bernard dabei durchgängig mit aufgeräumten Hochglanzbildern. Hier gibt es keinen Schmutz und Dreck, alles wirkt klinisch sauber, perfekt aufeinander abgestimmt sind immer Licht und Farben, wenn beispielsweise die Klavierstunde in einem weißen Raum vor breiter Fensterfront stattfindet und nur die schwarzen Kleider von Mathieu und der Lehrerin sowie der schwarze Flügel für einen markanten – und den einzigen - farblichen Kontrast sorgen.


Dramatisches Potential entwickeln Bernard und sein Co-Drehbuchautor Johanne Bernard nicht nur durch den Gegensatz zwischen den beiden älteren und erfahrenen Mentoren und ihrem jungen Schützling, sondern natürlich auch durch das soziale Spannungsfeld zwischen Hochkultur und Banlieue. Der Luxuswohnung von Pierre steht die kleine Sozialwohnung gegenüber, in der Mathieu mit seiner Mutter und seinen Geschwistern wohnt, und den aus der Oberschicht stammenden Studenten am Konservatorium Mathieus Kumpel, die auf der Straße herumhängen und sich mit Diebstählen durchschlagen.


Überkonstruiert wirken aber die zahlreichen Wendungen im Finale ebenso wie das private Trauma Pierres, das nur notdürftig angerissen wird. Und auch bei der Musik, die in diesem Film natürlich eine zentrale Rolle spielt, setzt Bernard auf Dichotomie. Zwar dominiert am Konservatorium und beim Spiel Mathieus klassische Musik, doch wenn sich der Film der Liebesgeschichte Mathieus zuwendet, wird auch – wohl auch als Zuckerl für ein jüngeres Publikum – auf Popsongs zurückgegriffen.


Es ist freilich neben dem stark aufspielenden und sich bestens ergänzenden Trio Wilson, Scott Thomas und dem Newcomer Benchetrit nicht zuletzt die Musik die „Der Klavierspieler vom Gare du Nord“ trägt. Von Bach über Brahms bis zu dem als äußerst schwer zu spielenden 2. Klavierkonzert von Rachmaninov spannt sich hier der Bogen.


Musikalischer Genuss ist damit garantiert und lässt dann doch über die vorhersehbare und reißbretthafte Handlung mit der doch altbekannten Lehrer-Schüler-Geschichte, die auch ein entschiedenes Plädoyer für Fleiß und Einsatz bietet, hinwegsehen.


Läuft derzeit im Kinok in St. Gallen 22.7.: Kinotheater Madlen, Heerbrugg


Trailer zu "Der Klavierspieler vom Gare du Nord"