top of page
  • AutorenbildWalter Gasperi

Das Geständnis - L´aveu (1970)


Costa-Gavras zeichnet in seinem 1970 entstandenen Politthriller erschütternd den stalinistischen Schauprozess gegen den tschechischen Kommunisten Artur London nach. Bei Film- und Fernsehjuwelen ist der mit Yves Montand und Simone Signoret stark besetzte Spielfilm neu auf Blu-ray (und schon vor längerem auf DVD) erschienen.


Weltberühmt wurde der griechisch-französische Filmregisseur Constantin Costa-Gavras 1969 mit dem Politthriller "Z", in dem er packend von der Errichtung der griechischen Militärdiktatur in den 1960er Jahren erzählte. Wie hier bezog der Sohn eines griechischen Kommunisten auch in späteren Filmen wie in "Missing" ("Vermisst", 1982), in dem es um den Militärputsch in Chile geht, immer wieder entschieden Position gegen rechte Regime. Mit "Das Geständnis" bewies er aber, dass er auch vor linkem Terror die Augen nicht verschließt.


Grundlage des Films bildet der 1968 erschienene Bericht des ehemaligen stellvertretenden tschechoslowakischen Außenministers Artur London über seine Erfahrungen in der stalinistischen Zeit. Der spanische Schriftsteller Jorge Semprún entwickelte daraus ein Drehbuch, in dem akribisch Verhör und Schauprozess gegen London, der seit seiner Zeit in der französischen Resistance auch Gérard genannt wurde, nachgezeichnet wird.


Auf Druck der Sowjetunion wurden London sowie 13 weitere führende Mitglieder der kommunistischen Partei der Tschechoslowakei verhaftet, brutalen Verhören und Folter unterzogen und schließlich im nach dem Generalsekretär der KSČ Rudolf Slánský benannten Slánský-Prozess (1952) der trotzkistisch-titoistisch-zionistischen Verschwörung angeklagt. Elf der 14 Angeklagten wurden in diesem Schauprozess zum Tode verurteilt und hingerichtet, London und zwei weitere Angeklagten wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, vier Jahre später aber nach Ende des Stalinismus freigelassen.


Costa-Gavras lässt seinen Film mit der Beschattung Londons (Yves Montand) beginnen, auf die bald die Verhaftung folgt. Detailreich und quälend schildert er die Verhöre und die Zermürbungstaktik, mit der ein Geständnis erpresst werden soll. Kein Moment der Ruhe wird dem Inhaftierten gelassen, ständig muss er in der Zelle auf und ab gehen, schlafen ist – wenn überhaupt – nur auf dem Rücken gestattet, Essen wird ihm kurz angeboten, dann wieder entzogen. - Mehr als 15 Kilo nahm Yves Montand für diese Rolle ab, die er mit großem Einsatz spielt.


Zu dieser physischen Folter kommen die Verhöre, in der die Worte Londons immer wieder verdreht werden, ihm Aussagen zur Unterschrift vorgelegt werden, die er so nie getätigt hat, und er mit angeblichen Aussagen seiner Mithäftlinge unter Druck gesetzt wird. Ständig wechseln die Verhörenden, rasend schnell prasseln Fragen auf ihn herein, immer wieder wird er angeschrien oder den Häschern zur weiteren Folter übergeben. Dazu kommen noch Drohungen mit dem Wohl der Familie.


Verstärkt wird das Gefühl der Beklemmung durch die kahlen und engen Räume des Gefängnisses und die von Kameramann Raoul Coutard auf kalte Blau- und Grautöne reduzierte Farbpalette. Auch kurze Szenen vom Leben der Familie verstärken das bedrückende Bild des stalinistischen Regimes. Denn da wird die Ehefrau (Simone Signoret) beim Rundfunk entlassen und muss eine Stelle als Arbeiterin in einem Stahlwerk annehmen und die Familie wird aus der vornehmen Villa delogiert und in eine desolate Wohnung verlegt.


Im mehrfachen Voice-over Londons, in dem er über seine damalige Situation reflektiert, wird aber ebenso der retrospektive Blick sichtbar wie in kurzen eingeschnittenen Szenen, die 1965 an der französischen Riviera spielen und in denen London mit französischen Kommunisten über seine damaligen Erfahrungen und sein geplantes Buch spricht. Markanten Kontrast zu den beklemmenden Haft- und Folterszenen bilden diese hellen und lichtdurchfluteten Momente und machen erstere noch bedrückender.


Den Höhepunkt erreicht der Film im Schauprozess, in dem auch der Antisemitismus des Regimes offen zu Tage tritt. Als abschreckendes Beispiel wird der Prozess, bei dem die Angeklagten vorgegebene und auswendig gelernte Aussagen wiederholen müssen, landesweit im Radio übertragen. Pro Forma wird den Angeklagten zwar angeboten Berufung gegen die Urteile einzulegen, doch gleichzeitig wird ihnen davon dringend abgeraten.


Quasi in einem Epilog schlägt Costa-Gavras schließlich den Bogen von den stalinistischen Schauprozessen zur Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, wenn London bei einem Prag-Besuch geschockt auf die rollenden Panzer und erschütterten tschechoslowakischen Bürger:innen blickt. Verstärkt wird die Wirkung dieser Szenen dadurch, dass hier Originalmaterial verwendet wurde.


Schwer zu ertragen ist "Das Geständnis" in seiner Kompromisslosigkeit und in der Ausführlichkeit, mit der die perfiden, menschenverachtenden Methoden des stalinistischen Regimes geschildert werden. Als antikommunistisch wollte Costa-Gavras selbst seinen gerade durch seinen fast dokumentarischen, sachlich-nüchternen Gestus aufrüttelnden Film dennoch nie sehen, sondern als Abrechnung nicht nur mit dem Stalinismus, sondern mit jeder Art von Totalitarismus.


An Sprachversionen bietet die bei Film- und Fernsehjuwelen neu erschienene Blu-ray (und die schon vor längerem erschienene DVD) die französische Original- und die deutsche Synchronfassung, aber keine Untertitel. Die Extras umfassen eine sechsminütige Doku über den Prozess in Prag, ein neunminütiges Interview mit Artur London über sein Buch und seine Erfahrungen während des Prozesses sowie ein 12-minütiges Making-of, das einen Drehtag dokumentiert.


Dazu kommt neben dem deutschen und dem originalen Kinotrailer sowie Trailern zu weiteren Filmen des Labels ein Booklet von Jens Uwe Bauer mit ausführlichen Biographien der drei Hauptdarsteller Yves Montand, Simone Signoret und Gabriele Ferzetti sowie Texten zu Handlung, Hintergrund und Entstehung des Films.


Trailer zu "Das Geständnis - L´aveu"



bottom of page