• Walter Gasperi

Basic Instinct


1992 sorgte Paul Verhoevens Erotikthriller für einen Skandal, wurde aber ein weltweiter Kassenerfolg und machte Sharon Stone zum Star. – Bei Studiocanal ist der Sex und Gewalt mischende ebenso eisige wie brillante Klassiker mit vielfältigem Bonusmaterial in 4K restaurierter Fassung auf DVD und Blu-ray erschienen.


Schon beim Vorspann weckt die Filmmusik von Jerry Goldsmith Erinnerungen an Bernard Herrmanns Soundtracks für die Filme Alfred Hitchcocks. Die kantigen Linien der Rechtecke und Dreiecke, über die die Credits gelegt sind, stimmen dagegen schon auf den harten und eisigen Ton des Films ein, verweisen aber gleichzeitig auch auf die scharfen Kanten der Eisblöcke, die mehrfach zerhackt werden.


Ansatzlos setzt "Basic Instinct" nach diesem Vorspann mit einer expliziten Sexszene ein, bei der das Publikum sich zunächst orientieren muss. Denn erst als die Kamera vom Deckenspiegel aufs Bett schwenkt, wird es wirklich Zeuge des Geschehens. Abrupt kippt die leidenschaftliche Szene in brutale Gewalt, als die Blondine, die auf dem Mann sitzt und so den Ton angibt, einen unter der Bettdecke versteckten kleinen Eispickel ergreift und immer wieder auf ihr Opfer einsticht. Offen bleibt die Identität der Täterin, denn ihre langen Haare verstellen den Blick auf ihr Gesicht.


Schon während der Dreharbeiten kam es zu Demonstrationen von Schwulen- und Lesbenvereinigungen gegen den Film und zu Störaktionen. Homophobie und Misogynie wurde dem Drehbuch von Joe Eszterhas, das Carolco Pictures um drei Millionen Dollar erworben hatte, vorgeworfen. Auch nach der Premiere beim Filmfestival von Cannes verbreitete sich rasch der Ruf vom "schweinischsten Film aller Zeiten" (Bild Zeitung), doch gleichzeitig ließ der Skandal die Kassen klingeln.


Auf Provokation war der Niederländer Paul Verhoeven freilich schon mit seinen früheren Filmen wie "Türkische Früchte" (1973) oder "Spetters – Knallhart und romantisch" (1980) aus und die Verbindung von Sex und Gewalt zieht sich durch sein gesamtes Werk, aber mit keinem Film erregte er so viel Aufsehen wie mit "Basic Instinct" - und mit keinem war er so erfolgreich.


Der Mord ruft die Polizei um Detective Nick Curran (Michael Douglas), der selbst mit psychischen Problemen zu kämpfen hat, seit er unter Drogeneinfluss bei einem Einsatz zwei Touristen erschossen und seit seine Frau Selbstmord begangen hat. Von Schuld wurde er zwar freigesprochen, doch misstrauisch blicken die Vorgesetzten auf ihn und verlangen, dass er regelmäßig zu Sitzungen bei der Polizei-Psychotherapeutin Beth geht, mit der er wiederum ein Verhältnis hatte.


Rasch stößt Nick bei seinen Ermittlungen auf die Schriftstellerin Catherine Tramell (Sharon Stone), die nicht nur ein sexuelles Verhältnis mit dem Opfer hatte, sondern auch in einem ihrer Romane einen Mord schilderte, der exakt dem vorliegenden entspricht. Doch die studierte Psychologin Tramell lässt sich weder von Nick noch von den anderen Beamten einschüchtern, zeigt sich vielmehr überlegen und spielt mit ihrem Gegenüber.


Am deutlichsten zeigt sich das beim Verhör auf dem Präsidium. Fünf Männern sitzt sie gegenüber, dennoch kontrolliert sie die Szene, antwortet kühl auf alle Fragen, fordert Nick immer wieder heraus und bringt vor allem den Staatsanwalt zum Schwitzen, als sie die Beine übereinanderschlägt und sich zeigt, dass sie unter dem weißen Minikleid keine Unterwäsche trägt.


Wie Tremell, die auch eine lesbische Beziehung mit Roxy hat, mit Nick spielt, ihn manipuliert und mit ihrem Verhalten und ihrem Wissen über ihn sein sexuelles Verlangen weckt und ständig steigert, so manipuliert Verhoeven auch ständig das Publikum. Wie Blicke der Protagonisten den Film bestimmen, so macht der Niederländer das Publikum durch den Kamerablick auf die Figuren und das Geschehen ständig zum Voyeur.


Nicht nur bei der Musik orientiert sich "Basic Instinct" dabei an den Thrillern von Alfred Hitchcock, sondern auch die Geschichte eines Mannes, der einer Frau völlig verfällt, erinnert an "Vertigo". Wie dieses Meisterwerk spielt auch Verhoevens Film in San Francisco und lässt damit auch Michael Douglas an den Ort zurückkehren, an dem er 20 Jahre zuvor mit der TV-Krimi-Serie "Die Straßen von San Francisco" den Durchbruch als Schauspieler geschafft hatte.


Dazu kommt Sharon Stone als kühle Blondine, die einerseits in der Nachfolge der Femme fatale des klassischen Film noir steht, andererseits auch in der der großen Hitchcock-Blondinen. Vor allem an Kim Novak erinnert sie und, wie sie in Nicks Wohnung aus dem Dunkel ins Licht tritt, kann man als "Vertigo"-Zitat lesen. Andererseits scheint Verhoeven speziell mit einer Mordszene in einem Lift, in der auf das Opfer mehrfach eingestochen wird, weniger Brian De Palmas "Dressed to Kill" als dessen Hitchcock-Vorbild "Psycho" zu zitieren.


Durchgängig hält Verhoeven mit seinen starken SchauspielerInnen, bestechender Bildsprache und überraschenden Wendungen die Spannung hoch. Ist nämlich Nick zunächst von Tremells Schuld überzeugt, kommen bald andere mögliche Täterinnen ins Spiel. Wie dabei in der Exposition mit Deckenspiegel und realer Handlung gespielt wird, so bleibt freilich bis zum Schlussbild die Möglichkeit offen, dass alles nur ein raffiniertes Spiel der ebenso amoralischen wie brillant-manipulativen Protagonistin ist.


An Sprachversionen bieten die bei Studiocanal in 4K restaurierter Fassung erschienene DVD und Blu-ray die englische Original- sowie die deutsche und die französische Synchronfassung und Untertitel in diesen drei Sprachen. Die vielfältigen und durchgehend deutsch untertitelten Extras umfassen die 50-minütige Dokumentation "Basic Instinct: Sex, Death and Stone", die die Produktion des Films beleuchtet, sowie zwei Audiokommentare. Ausführlich beschreibt darin die US-amerikanische Kunst- und Kulturhistorikerin Camille Paglia Szene für Szene des Films, während Regisseur Verhoeven und sein Kameramann Jan de Bont in ihrem Audiokommentar Einblick in die Entstehung der einzelnen Szenen und Hintergründe bieten.


Dazu kommen auf einer zweiten DVD bzw. Blu-ray ein 15-minütiges Feature zur großartigen Musik von Jerry Goldsmith, ein 25-minütiges Making of, in dem auch ausführlich auf die Proteste von Homosexuellen und Lesben während der Dreharbeiten eingegangen wird, ein sechsminütiges Featurette zu Cast und Crew sowie Screentests von fünf Szenen und bei drei Szenen ein Vergleich von Storyboard und fertiger Filmszene.


Trailer zu "Basic Instinct"