• Walter Gasperi

Exil


Visar Morina entwickelt in seinem zweiten langen Spielfilm ein beklemmendes Psychodrama um einen aus dem Kosovo stammenden Ingenieur, der glaubt wegen seiner Herkunft ständig gemobbt zu werden.


Xhafer (Mišel Matičević) hat als Migrant aus dem Kosovo die Integration in die deutsche Mittelschicht geschafft: Er wohnt in einem Einfamilienhaus in einer gepflegten Vorstadtsiedlung, hat mit einer deutschen Frau (Sandra Hüller) drei Kinder und einen guten Job als Pharmaingenieur.


Doch zunehmend fühlt er sich bei der Arbeit wegen seiner Herkunft gemobbt. Als er am Gartenzaun eine tote Ratte findet, glaubt er, dass ein Kollege dahintersteckt, auch hinter dem brennenden Kinderwagen, den die Polizei mit einem fehlgeleiteten Knallkörper erklärt, vermutet er einen rassistischen Anschlag. Seine Frau versucht die Sache herunterzuspielen, erklärt, dass dies vielleicht nichts mit Rassismus zu tun habe, sondern allenfalls mit persönlicher Antipathie. Doch Xhafer lässt sich damit nicht beruhigen, sondern steigert sich immer mehr in die Paranoia hinein.


Hinter jedem Wort und jeder Handlung sieht er nun einen rassistischen Angriff auf seine Person. Die wiederholte Frage, ob er aus Kroatien komme, treibt ihn ebenso wie die Aufforderung seinen Namen zu wiederholen und die versehentliche oder absichtliche Nichtberücksichtigung bei E-Mails zunehmend in eine Krise. Alles hinterfragt er, selbst dass der Klodeckel zuhause hochgestellt ist, weckt bei ihm den Verdacht, dass ohne sein Wissen ein Fremder zu Gast war.


Geschickt lässt Visar Morina nicht nur offen, was hier Einbildung und reale Diskriminierung ist, sondern versetzt den Zuschauer auch meisterhaft in das Fühlen und Denken Xhafers. Dies ist nicht nur dem starken Spiel Mišel Matičević´ zu verdanken, der eindrücklich die zunehmende Gequältheit und die sich langsam aufbauende Aggression des Pharmaingenieurs vermittelt, sondern auch der konzentrierten Inszenierung und der präzisen Bildsprache.

Hautnah folgt Morina seinem Protagonisten, der in jeder Szene präsent ist. Die Dominanz von Nah- und Großaufnahmen sowie widerkehrende Kamerafahrten (Kamera: Matteo Cocco) durch enge und dunkle Gänge sowie Einengung des Raums durch Türrahmen machen die Beklemmung und den Tunnelblick Xhafers fast physisch erfahrbar.


Langsam, aber perfekt aufgebaut entwickelt der 1979 im Kosovo geborene Regisseur die Handlung, die auch durch die Verankerung im gänzlich unspektakulären Alltag einer nüchtern-kühlen Bürowelt Dichte entwickelt. Mit einem genauen Blick für Details wird präzise herausgearbeitet, wie Xhafers Paranoia zunehmend auch das Familienleben und die Ehe belastet: Zeigt seine Frau Nora zunächst noch Verständnis für ihn, zerbricht sie am Druck langsam, da Haushalt und Kindererziehung ganz auf ihren Schultern lasten, während ihr Mann sich sofort nach Heimkehr von der Arbeit niederlegt oder ein Bad nimmt.


Sukzessive stirbt die Kommunikation in der Ehe ab und Xhafer beginnt auch seine Frau der Untreue zu verdächtigen, während er selbst ein Verhältnis mit einer Putzfrau aus dem Kosovo hat. Indem er mit dieser in seiner Muttersprache sprechen kann, findet er quasi ein Stück Heimat, will aber sonst nichts mit dieser Frau zu tun haben, denn er hat ja im Gegensatz zu ihr den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft.


Wohl aus persönlichem Empfinden gespeist erzählt Morina so differenziert und intensiv von der Gefühlswelt eines Migranten, vom Spannungsfeld von Entwurzelung und dem Gefühl der Ausgrenzung. Dass dabei bis zum Ende offen gelassen wird, was Einbildung und was reale Kränkung ist, und das Schicksal eines Arbeitskollegen auch eine überraschende Wende bringt, die bewusst macht, wie falsch Xhafer mit seiner Interpretation der Dinge liegen könnte, gehört zu den weiteren großen Qualitäten dieses meisterhaften Psychodramas. Nur konsequent ist es so auch, dass Morina keine simple Lösung anbietet, sondern "Exil" offen enden lässt.


Derzeit in den österreichischen und deutschen Kinos: Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz am 10.9.


Trailer zu "Exil"