• Walter Gasperi

Emma


Mehrfach wurde Jane Austens 1815 erschienener Roman schon fürs Kino und fürs Fernsehen verfilmt. Die Fotografin und Musikvideo-Regisseurin Autumn de Wilde legt zwar keine Neuinterpretation vor, aber einen frischen, visuell berauschenden satirischen Kostümfilm.


Als „klug, reich und schön“ wird die Protagonistin im einleitenden Insert beschrieben, und die junge Emma (Anya Taylor-Joy), die dem englischen Landadel angehört, ist sich dessen durchaus bewusst. Selbst denkt sie zwar nicht an Liebe und ans Heiraten, hat dafür als Hobby entdeckt, für andere Ehepartner zu finden.


So beginnt Autumn de Wildes Spielfilmdebüt auch mit der Heirat von Emmas Erzieherin Miss Taylor mit dem älteren, aber gut situierten Mr. Weston. Als ihr Werk sieht Emma diese Heirat an und beginnt sogleich auch für ihre neue Dienerin Harriet (Mia Goth), in der sie auch eine Freundin sieht, sich ihr aber doch immer überlegen fühlt, nach einem passenden Ehemann Ausschau zu halten. Dabei sorgt sie auch dafür, dass Harriet den Antrag eines von ihr geliebten Bauern ablehnt.


Weil aber die ins Auge gefassten Männer nicht mitspielen, sondern eigene Wege gehen und Worte und Handlungen falsch interpretiert werden, entwickelt sich rasch ein Karussell der Irrungen und Wirrungen, in dessen Verlauf sich auch die arrogante und eitle Emma wandeln wird. Bereuen wird sie nicht nur, dass sie eine einfältige Nachbarin öffentlich niedergemacht hat, sondern auch, dass sie Harriet in die falsche Richtung gelenkt hat, und wird schließlich auch selbst ihr Glück in der Ehe finden.


Mit den feministischen Kostümfilmen der letzten Monate wie Céline Sciammas „Portrait de la jeune fille en feu“ oder Greta Gerwigs „Little Women“ hat „Emma“ wenig gemein. Steht dort der Kampf von Frauen um Selbstbestimmung in einer männlich dominierten Gesellschaft im Zentrum, so geht es bei Jane Austen um das Einfinden der jungen Frau in die bestehende Gesellschaft.


Sanft satirisch ist der Blick de Wildes auf diesen gelangweilten englischen Landadel, der sich von seinen Angestellten, die immer steif und unbeweglich daneben stehen, bedienen lässt, die Geschlechterrollen werden aber nie hinterfragt. Zuckerpuppenhaft wie in Sofia Coppolas „Marie Antoinette“ wirkt diese Welt mit ihren blassen Pastellfarben wie rosa und hellblau, aber auch mit dem prozellanhaft wirkenden Gesicht von Anya Taylor-Joys Emma.


Detailreich und historisch exakt wird hier eine Welt zum Leben erweckt, gleichzeitig verleiht der moderne visuelle Look (Kamera: Christopher Blauvelt), der durch opulente Kostüme (Alexandra Bryne), die prächtigen Landhäuser und die sie umgebenden tiefgrünen Parks ebenso wie durch perfekte Ausleuchtung der Innenszenen verstärkt wird, „Emma“ ebenso Frische wie die durch die Musik von Isobel Waller-Bridge unterstützte flotte Erzählweise.


Herzstück des Films sind aber das lustvoll aufspielende Ensemble und die prägnante Figurenzeichnung. Lustvoll spielt so Bill Nighby Emmas hypochondrischen Vater, rasante Rededuelle liefern sich Emma und der von Johnny Flynn gespielte, liebenswürdige Mr. Knightley. Und während der Pfarrer und seine versnobte Gattin ihr Fett abgekommen, muss man die nervige Miss Bates schließlich sogar bedauern und Miss Fairfax darf Emma beim Klavierspiel demütigen.


Dynamik entwickelt der Film durch die Begegnungen dieser Charaktere und den genau getimten Wechsel zwischen intimeren Momenten und öffentlichen Szenen. Empfänge von Nachbarn oder ein Kammermusik-Abend dürfen da ebenso wenig fehlen wie ein großer – und auch stark inszenierter – Ball, der natürlich wieder die Gefühle der Protagonistinnen in Bewegung bringt.


Gekonnt hat de Wilde so diesen über 200 Jahre alten Klassiker, der quasi einer der Prototypen der romantischen Komödie ist, fürs 21. Jahrhundert adaptiert und beweist, dass dabei auch ohne inhaltliche Modernisierungen und ironische Brechungen ein pfiffiger und sehr unterhaltsamer, alles andere als verstaubter Kostümfilm entstehen kann.


Läuft derzeit in den Kinos


Trailer zu "Emma"