• Walter Gasperi

Zu weit weg


Ein Elfjähriger muss sich nach einem Umzug in seiner neuen Umgebung einfinden und freundet sich langsam auch mit einem etwa gleichaltrigen syrischen Flüchtling an. – Ganz auf Augenhöhe mit den hervorragend besetzten jugendlichen Protagonisten erzählt Sarah Winkenstette ebenso unterhaltsam wie einfühlsam von Verlust, Neuanfang und dem Wert von Freundschaft. – Bei Farbfilm Verleih ist der starke Jugendfilm auf DVD erschienen.


In seiner Fußballmannschaft ist der elfjährige Ben (Yoran Leicher) der Star und sichert ihr sogleich mit einem Tor den Sieg. Nicht nur schwungvoll ist dieser Einstieg, sondern mit dem Voice-over Bens versetzt Sarah Winkenstette in ihrem Spielfilmdebüt den Zuschauer auch sogleich in die Perspektive ihres Protagonisten.


Flott geht es weiter, da es sogleich heißt, Abschied von der Mannschaft, den Freunden und dem Dorf zu nehmen, da dieses dem Braunkohletagebau weichen muss. Charmant wird der Umzug der Familie per Animation verkürzt und sogleich muss sich Ben im neuen Dorf in Schulklasse und Fußballmannschaft einfügen.


Das ist freilich für den Jungen, der speziell im Fußball sich gerne selbst in den Mittelpunkt stellt und zu wenig auf das Team achtet, aber nicht leicht. Wie ihn der Trainer hier auf die Ersatzbank setzt, so ist er auch in der Schule zunächst Außenseiter. Ben seinerseits verhält sich wiederum reserviert, als der etwa gleichaltrige syrische Flüchtling Tariq (Sobhi Awad) in seine Klasse kommt und neben ihn gesetzt wird. Doch als dieser Junge auch beim Fußballtraining auftaucht und Ben mit seinen Künsten begeistert, entwickelt sich langsam eine Freundschaft.


Mit den Augen Bens bekommt der Zuschauer langsam Einblick in die Traumatisierung Tariqs, wenn dieser sich zunächst bei einem Feueralarm in der Schule verängstigt in eine Ecke setzt, später beim Spielen mit Lego plötzlich die Häuser zertrümmert oder sich immer wieder am Bahnhof aufhält.


Wie bei Tariq Erinnerungen an die verlorene Heimat Schmerz und Trauer auslösen, hängt aber auch Ben immer noch seinem verlorenen alten Dorf nach. So unterschiedlich und nicht vergleichbar auch die beiden persönlichen Erfahrungen auch sein mögen, so einfühlsam erzählt Winkenstette doch von diesem beiderseitigen Verlust und der Notwendigkeit eines Neubeginns, der durch die Freundschaft ganz wesentlich erleichtert wird.


Belehrend wird "Zu weit weg" zwar, wenn Ben - und mit ihm die Zuschauer - von seinen Eltern über den Syrien-Krieg informiert wird, davon abgesehen entwickelt Winkenstette die Themen aber ganz selbstverständlich aus der frischen und munteren Erzählweise heraus. Bauen kann die 40-jährige Regisseurin dabei auch auf die beiden wunderbar natürlich agierenden Hauptdarsteller Yoran Leicher und Sobhi Awad. Nie blickt sie von oben herab auf diese, sondern zieht den Zuschauer mit einfühlsamem Blick ins Geschehen hinein und erzählt leichthändig und unaufgeregt von dieser Freundschaft und dem Reifen Bens, der seine immer wieder aufflackernde Eifersucht zu überwinden lernt und sich vom Einzelgänger zum Teamspieler entwickelt.


An Sprachversionen bietet die bei Farbfilm Verleih erschienene DVD die deutsche Originalfassung sowie eine Audiodeskription für Sehbehinderte und englische und arabische Untertitel sowie deutsche Untertitel für Hörbehinderte. Die Extras beschränken sich neben einer Sammlung von nicht verwendeten Szenen auf diverse Trailer zu anderen Filmen dieses Labels.


Trailer zu "Zu weit weg"