Romería
- Walter Gasperi

- vor 2 Tagen
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Im abschließenden Film von Carla Simóns autobiographisch inspirierter Trilogie spürt eine angehende Filmstudentin in Vigo dem Leben ihres früh verstorbenen und ihr unbekannten Vaters nach: Unaufgeregt, aber in ausgereifter Form inszeniert und getragen von einem starken Ensemble lotet die Katalanin Familienverhältnisse aus.
In ihrem Langfilmdebüt "Summer 1993" ("Fridas Sommer", 2017) erzählte Carla Simón von einer Sechsjährigen, die nach dem Tod ihrer Mutter von Barcelona aufs Land zieht und sich in der Familie ihres Onkels einfinden muss. Im daran anschließenden bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten "Alcarras – Die letzte Ernte" (2022) blickte die 40-jährige Katalanin auf einer Großfamilie im ländlichen Katalonien, deren Pfirsichplantage Solarpaneelen weichen soll.
Wie diese beiden Filme, ist auch "Romería", mit dem die Enkelin eines Pfirsichbauern ihre Trilogie über Familienverhältnisse abschließt, von persönlichen Erfahrungen inspiriert. Die kleine Protagonistin aus "Summer 1993" ist in dem 2004 spielenden Film nun etwa 18 Jahre alt, heißt nun Marina (Llúcia Garcia) und möchte demnächst ein Filmstudium beginnen. Um ein Stipendium zu erhalten, benötigt sie aber ein Dokument, das bestätigt, dass ihr Vater, den sie selbst nie kennengelernt hat, verstorben ist.
So reist die junge Frau, die nach dem frühen Tod ihrer Eltern in Barcelona bei der Familie ihrer Mutter aufwuchs, in das an der galicischen Atlantikküste gelegene Vigo. Dort muss sie aber feststellen, dass sie in der Sterbeurkunde des Vaters nicht als Tochter eingetragen ist. So sucht sie Onkel und Tanten väterlicherseits auf, die sie mit offenen Armen empfangen, während die herrischen Großeltern zurückhaltend bleiben und lieber nicht, über die Vergangenheit sprechen möchten.
Mit den Augen Marinas blickt man auf die unterschiedlichen Verwandten, die auch abweichende Versionen über die Lebensgeschichte des an Aids gestorbenen, drogensüchtigen Vaters erzählen. Nicht nur über den Wohnort werden ihr unterschiedliche Geschichten erzählt, selbst über das Todesjahr scheint sie falsch informiert worden zu sein. Der Verschlossenheit der Großeltern steht dabei die Offenheit der Cousins gegenüber, im speziellen von Nuno (Mitch Robles).
Statt stringent eine Handlung zu entwickeln, zeichnet Simón so, getragen von einem großartigen Ensemble, ein dichtes und komplexes Bild einer Familie, in der lieber geschwiegen als geredet und die unliebsame Vergangenheit verdrängt und verdreht statt aufgearbeitet wird. Ebenso unauffällig wie brillant dringt die bewegliche Kamera von Hélène Louvart in die Familie ein und deckt unterschiedliche Charaktere und Verhaltensweisen auf.
Ergänzt werden diese "objektiven" Filmbilder durch Marinas eigenen "subjektiven" Aufnahmen mit einer Videokamera, die durch Unschärfe, leichte Überbelichtung und geringfügig kleineres Bildformat von der Hauptebene abgehoben sind. Auch stimmungsmäßig spielt Simón aber mit einem starken Gegensatz, wenn dem von den braunen Feldern der Pfirsichplantagen bestimmten "Alcarras – Die letzte Ernte" hier das tiefblaue Meer als Schauplatz und Hintergrund gegenübersteht.
Gegliedert durch Datumsangaben und Inserts zu Fragen familiärer Prägung und dem Lebensstil der Eltern in den 1980er Jahren dringt Marina mit den Tagebuchaufzeichnungen ihrer Mutter als Leitfaden immer tiefer in die Vergangenheit ein. Spiegelungen ergeben sich nicht nur, wenn zunächst sie selbst und später auf ähnliche Weise in einer imaginierten Szene ihre Mutter ins Meer eintaucht, sondern auch dadurch, dass Marina und ihr Cousin Nuno von den gleichen Schauspieler:innen gespielt werden wie ihre Mutter und ihr Vater.
Doch "Romería" geht in diesem Eintauchen in die Vergangenheit über das Private hinaus. Wenn in einer langen Traumszene Marinas intensiv die leidenschaftliche Liebe und das befreite und freizügige Leben ihrer Eltern in den späten 1980er Jahren beschrieben wird, ohne dass dabei die zerstörerische Macht der Drogen verharmlost wird, wird auch ein Bild der Post-Franco-Ära vermittelt, das in Kontrast zu den nüchternen frühen 2000er Jahren steht.
Wie in ihren vorigen Filmen verzichtet Simón auch in "Romería", dessen Titel übersetzt "Wallfahrt" heißt, in Galicien aber auch als Synonym für ein Volksfest verwendet wird, auf dramatische Zuspitzung. Sie drängt dem Publikum nichts auf, sondern inszeniert zurückhaltend.
Wie sie so allein durch die Beobachtung der Figuren, die unaufdringliche, aber überlegte Konstruktion und die feinfühlige Verbindung der unterschiedlichen Film- und Zeitebenen Familienbeziehungen und Familiengeschichte subtil und differenziert auslotet und der Verdrängung offenes Bekenntnis zur Vergangenheit gegenüberstellt, sorgt aber dafür, dass sich dieser Film langsam, aber nachhaltig ins Herz der Zuschauer:innen einschleicht und auch über die eigene Familiengeschichte reflektieren lässt.
Romería
Spanien / Deutschland 2025
Regie: Carla Simón
mit: Llúcia Garcia, Mitch Martín, Tristán Ulloa, Celine Tyll, Alberto Gracia, Miryam Gallego
Länge: 114 min.
Läuft derzeit in den deutschen und Schweizer Kinos, z.b. im Kinok St. Gallen. - Ab 20.7. in den österreichischen Kinos. Filmforum Bregenz im Kino Lindau: Mi 29.4., 19.30 Uhr (span. OmU.)
Trailer zu "Romería"




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