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  • AutorenbildWalter Gasperi

La fille de son père

17 Jahre hat Étienne seine Tochter Rosa allein aufgezogen, eng ist ihre Bindung, doch mit Rosas Wechsel an eine Kunstschule scheint eine Trennung unabwendbar: Erwan Le Duc erzählt leichthändig, mit Witz, verspielten Details und einem lustvoll aufspielenden Ensemble schwungvoll von Nähe und Notwendigkeit einer Abnabelung.


Als Étienne (Nahuel Pérez Biscayart), der Trainer einer Amateurfußballmannschaft ist, auf einer Wiese die malende Valérie (Mercedes Dassy) erblickt, bricht sofort die Liebe aus. Kurz darauf sehen sie sich bei einer Demo wieder. Beide werden von der Polizei gefasst, können aber gemeinsam fliehen. Wenig später wird ihre Tochter Rosa geboren. Beim Besuch bei Étiennes Eltern erklärt Valérie, dass sie nur noch den Wagen parken wolle, verschwindet aber und wird nicht mehr gesehen.


Allein zieht der Vater das Mädchen auf, bald ist es etwa vier Jahre alt, dann etwa acht und als der Filmtitel erscheint ist Rosa (Céleste Brunnquell) schon fast erwachsen, im Film sind aber erst etwa acht Minuten vergangen. – Ein Musterbeispiel für elliptisches Erzählen ist dieser fast wortlose, einzig von der Musik und der präzisen Bildsprache angetriebene Auftakt.


Langsamer kann es nun weitergehen, aber eine große Umstellung steht im Leben von Vater und Tochter bevor, denn Rosa soll nach erfolgreich bestandener Prüfung die Kunstschule in Metz besuchen. Um das finanzieren zu können, will Étienne sein Elternhaus, in dem sie bisher lebten, verkaufen und mit seiner Freundin Hélène (Maud Wyler) in eine Wohnung ziehen. – Doch Rosa will das nicht.


Zudem erscheint Étienne zunehmend als Helikopter-Vater, wenn er sich um die neue Wohnung Rosas am Studienort kümmern will, einen Uni-Angestellten bittet, auf seine Tochter aufzupassen und auch dafür sorgen will, dass sie gute Freundschaften schließt.


Mit großem Einfallsreichtum und Leichtigkeit ist das inszeniert und sprüht immer wieder vor Situationskomik. Unglaublich ist beispielsweise, wie eine ganze Fußballmannschaft dem Renault von Étienne entsteigt, hinreißend, wie Rosas Freund Youssef (Mohammed Louridi) durchs Fenster bei seiner Freundin einsteigt oder sich auf gleichem Weg von ihr verabschiedet, obwohl Étienne dies mitbekommt und überhaupt kein Problem damit hat, dass der junge Mann bei Rosa übernachtet.


Liebe sei an Anwesenheit gebunden, eine(n) Abwesende(n) könne man nicht lieben, erklärt Étienne am Anfang Rosa auf die Frage, ob er Valerie vermisse. Dass sie sich gegenseitig haben, sei genug, betont er, doch welche Verdrängung dahinter steckt, wird deutlich, als er in einem TV-Bericht aus Portugal Valérie entdeckt.


Da kramt er nicht nur aus einem Schuhkarton ein altes Foto der verschwundenen Geliebten hervor, sondern auch Erinnerungen an sie, aber auch an Erlebnisse mit Rosa im Laufe der 17 Jahre werden wieder wach. Wieder beweist Le Duc seinen Einfallsreichtum, wenn er Étienne dabei als alleinerziehenden Vater das Baby zu einem Vortrag vor anderen Trainern mitnehmen lässt und diese, als die kleine Rosa zu schreien beginnt, ein Schlaflied singen.


Aber auch bei Rosa weckt die Erwähnung der Mutter, die ihr fremd ist und mit der sie nichts zu tun haben will, Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit dem Vater. Spürbar wird hier, wie sehr solche Erinnerungen und gemeinsame Erfahrungen verbinden, wie prägend gemeinsam verbrachte Zeit ist.


Zum heftigen Konflikt führt so Étiennes Aufforderung, die Geliebte beziehungsweise Mutter in Portugal zu suchen, vorhersehbar ist aber auch, dass diese mit Verve gespielte Komödie versöhnlich enden wird.


Neben dem lustvoll aufspielenden Ensemble und der einfallsreichen Inszenierung trägt auch die Figurenzeichnung nicht unwesentlich zum Vergnügen bei, das "La fille de son père" bereitet. Denn da gibt es nicht nur den erfolglosen Fußballtrainer, der sich in einer witzigen Szene auch mit der Bürgermeisterin herumschlagen muss, sondern eben auch seine malende Tochter und deren Gedichte und ein Epos schreibenden Freund Youssef oder mit Étiennes Freundin eine Musikerin.


Etwas zu viel packt Le Duc zwar in seinen zweiten Spielfilm, lässt sich keinen originellen Einfall entgehen, auch wenn dieser nichts zur Handlung beiträgt und selbstzweckhaft bleibt wie die Bürgermeisterinnenszene oder die Fußballmannschaft im Auto. Solche Gags beeinträchtigen auch die emotionale Kraft, die diese Vater-Tochter-Geschichte entwickeln könnte, doch Frische, Unbekümmertheit und Charme der Inszenierung lassen darüber hinwegsehen.

 

 

La fille de son père Frankreich 2023 Regie: Erwan Le Duc mit: Nahuel Pérez Biscayart, Céleste Brunnquell, Maud Wyler, Mercedes Dassy, Mohammed Louridi, Alexandre Steiger, Camille Rutherford, Philippe Quesne Länge: 91 min.



Läuft jetzt in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und Skino Schaan.


Trailer zu "La fille de son père"



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