Hope (2026)


Ein Monster verbreitet in einer südkoreanischen Kleinstadt Angst und Schrecken: Na Hong-jins vierter Spielfilm ist ein temporeicher und bleihaltiger, 157-minütiger Mix aus Action-, Horror- und Science-Fiction-Film, bei dem sich in den Ernst auch immer wieder Witz mischt und letztlich die Frage gestellt wird, wer hier eigentlich die Monster sind.
2008 gelang dem 1974 geborenen Koreaner Na Hong-jin mit seinem Langfilmdebüt "The Chaser", der, inspiriert von einem wahren Fall, von der Jagd nach einem Serienmörder erzählt, auf Anhieb der internationale Durchbruch. Zwei Jahre später legte er mit dem Actionthriller "The Yellow Sea" (2010) nach und 2016 folgte mit "The Wailing – Die Besessenen" ein bei der Kritik wiederum sehr erfolgreicher Mystery-Thriller.
Zehn Jahre ließ sich Na nun Zeit für "Hope", mit dem er eher an Monsterfilme wie Bong Joon-hos "The Host" (2006) als an seine eigenen Filme anknüpft. Der Titel bezieht sich auf das in der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea gelegene Küstenstädtchen Hope Harbour. Zeitlich scheint der Film einerseits in der Gegenwart zu spielen, andererseits verweisen die Abwesenheit von Smartphones und die Kommunikation mittels alten Festnetztelefonen und Funkgeräten auf die 1980er oder frühen 1990er Jahre.
In großen Totalen fängt Kameramann Hong Kyung-pyo die weite Landschaft ein, in der auf einer Landstraße eine tote Kuh liegt. Eine Gruppe Jäger hat das Tier gefunden und Polizeichef Bum-seok (Hwang Jung-min) hinzugezogen, denn der Kadaver weist unerklärliche Wunden auf. Ein Bär wird als Aggressor aufgrund der Größe der Wunden bald ausgeschlossen und die Jäger bringen einen Tiger, der von Nordkorea immer wieder über die Grenze kommen soll, als möglichen Angreifer ins Spiel.
Meisterhaft baut Na in dieser Auftaktszene in den Dialogen Spannung und Verunsicherung auf. Irritierend ist aber schon hier das aggressive Verhalten des Polizeichefs auf Aussagen der Jäger, die nicht in seine Vorstellungen passen. Dazu werden später mehrfach absurd-komische Dialoge, aber auch slapstickartige Szenen kommen, die – zumindest für ein westliches Publikum - den Ernst der Handlung ebenso auf seltsame Weise aufbrechen wie die teilweise comichaft alles überlebenden Figuren.
Während die Jäger von der Fundstätte der toten Kuh in die Wälder fahren, um den Verursacher zu suchen, bricht Bum-seok in die Stadt auf, um Verstärkung zu organisieren. Dort stößt er aber auf eine Spur der Verwüstung: Häuser sind zerstört, Autos demoliert, immer wieder steigen in der Ferne Rauchsäulen auf und auch blutüberströmte Leichen liegen auf den Straßen. - Großartiges haben Production-Designer Lee Hwo-kyoung und sein Team bei der detailreichen Gestaltung dieses postapokalyptischen Settings geleistet.
Bald hört Bum-seok auch ein Brüllen, sieht fliehende Menschen und Autos, die durch die Luft geworfen werden. Schon glaubt man das dahintersteckende Monster zu Gesicht zu bekommen, doch Na zögert dessen Anblick immer wieder hinaus.
Blank liegen die Nerven beim Polizeichef. Eindrücklich – aber auch mit diesem seltsamen Sinn für Humor gemischt – zeigt Na, wie diese Angst zu allzu voreiligem Schusswaffengebrauch und unschuldigen Opfern führen kann. Jagt Bum-seok zunächst das Monster, wird er bald selbst zum Gejagten, bis er von seiner jungen Kollegin (Zo In-sung) Unterstützung erhält, die im Polizeiwagen wesentlich stärkere Schusswaffen bringt.
Erst nach rund 50 Minuten wird so das Monster sichtbar, das durch die seltsam altertümliche CGI-Animation irritiert, die "Hope" aber auch einen ganz eigenen Charme verleiht. Im Wechsel von Flucht und Jagd entwickelt sich ein furioser erster Höhepunkt, bei dem Bum-seok in seinem wilden Geballere plötzlich stockt, als er aus der Nähe in die traurig und bedauernd blickenden Augen des scheinbar so aggressiven Feindes blickt: Ließ sich das Böse im unsichtbar bleibenden Fremden zunächst klar festmachen, so fordert der Blick aus der Nähe zum Überdenken der eigenen Position auf.
Scheint aber das Problem für den Polizeichef und die Stadtbewohner:innen mit Ende der spektakulären Verfolgungsjagd gelöst, so ergibt sich bald ein anderes Bild, wenn sich die Handlung von der verwüsteten Stadt in die grünen Wälder verlagert. Der Action- und Monsterfilm wird dabei nicht nur durch Science-Fiction-Elemente ergänzt, sondern arbeitet auch vermehrt mit einem Perspektivenwechsel.
Lösen schon die zahlreichen Waffen, die scheinbar alle Stadtbewohner:innen wohl auch aufgrund der Nähe zur nordkoreanischen Grenze bei sich zu Hause horten, Verstörung aus, so steigert die allgemeine Jagd- und Schießlust der Protagonist:innen die Skepsis gegenüber dieser Gemeinschaft. Sind wirklich diese maßlos und ohne zu zögern ballernden Menschen die Guten und das teilweise erhaben wirkende Fremde das Böse?
Etwas zu sehr dehnt Na diesen kinetischen Rausch zwar mit stets neuen Verfolgungsszenarien auf über zweieinhalb Stunden, dennoch wird man bei diesem lustvollen Spektakelkino bis zum ebenso haarsträubenden wie furiosen Finale und dem grandiosen Schlussbild, das melancholisch von einem Untergang kündet, bestens unterhalten.
Bemängeln kann man freilich, dass das Ende unübersehbar auf eine Fortsetzung schielt, allerdings ist zu berücksichtigen, dass Na Hong-jin "Hope" von vornherein als mehrteiligen Film angelegt hat und das Drehbuch zum zweiten Teil schon steht.
Hope
Korea 2026
Regie: Na Hong-jin
mit: Hwang Jung-min, Jung Ho-yeon, Taylor Russell, Michael Fassbender, Alicia Vikander
Länge: 157 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cineplexx Hohenems.
Trailer zu "Hope"




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