NAZA


Yuval Abraham und Rachel Szor decken in ihrem beim Filmfestival von Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichneten Dokumentarfilm in Interviews mit Whistleblowern der israelischen Armee und des Geheimdienstes die israelische Kriegsführung in Gaza auf: Ein einseitiger, aber erschütternder Einblick in eine systematische Maschinerie des kalten und technisierten Mordens und Vernichtens.
Nachts sitzt der israelische Journalist und Filmemacher Yuval Abraham auf einem Hochhausdach von Tel Aviv. Vor den erleuchteten Fenstern anderer Häuser und den Lichtern des Stadtverkehrs interviewte er zwischen Herbst 2023 und 2026 24 Whistleblower der israelischen Armee und des Geheimdienstes. Zum Schutz der Interviewpartner wurden ihre Gesichter in Dunkelheit getaucht und ihre Stimmen verfremdet.
Die Anonymisierung der Zeugen ist unvermeidlich, aber auch eine Schwäche von "NAZA", doch die Schilderungen schockieren dennoch. Nur mit kurzen kleinformatigen, schwarzweißen Archivaufnahmen über die Entstehung Tel Avivs ab 1900 nicht auf Wüstensand, sondern auf einem palästinensischen Dorf und über den Ausbau der israelischen Nachrichtenkommunikation in Gaza nach der Besetzung des Küstenstreifens im Jahr 1967 mit dem Ziel der Überwachung der palästinensischen Bevölkerung wird das nächtliche Hochhausdach verlassen.
Im Zentrum stehen aber die Interviews. Abraham lässt seine Zeugen erzählen, fragt aber immer wieder ruhig nach. Zunehmend plastischer tritt dabei eine systematische Maschinerie des technisierten Mordens und der Vernichtung zu Tage. In scharfem Gegensatz zu kurzen Nachrichtenausschnitten, in denen der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu betont, dass versucht werde, zivile Opfer zu vermeiden, ergeben die Schilderungen der Whistleblower nämlich ein völlig anderes Bild.
Ihre Ausführungen, die teilweise von Bleistiftskizzen unterstützt werden, vermitteln einen ebenso präzisen wie erschütternden Einblick, wie - laut Aussagen der Interviewten - mittels KI-gestützten Systemen die palästinensische Bevölkerung Gazas überwacht wird und die Bombardierung und Ausschaltung von Hamas-Mitgliedern nicht tagsüber, sondern abends und nachts in ihren Wohnungen mit ihren Familien erfolgte und erfolgt. Die zivilen Opfer, die dabei nicht nur in Kauf genommen, sondern sogar beabsichtigt worden seien, werden dabei nicht als Menschen, sondern nur noch als NAZA – als Kollateralschaden - bezeichnet.
Von dieser kalten Vorbereitung des Tötens am Computer, von dem ein Beteiligter sagt "Es war wie ein Computerspiel", spannen Abraham und seine Co-Regisseurin Rachel Szor den Bogen zu Berichten über Scharfschützen, die Palästinenser:innen bei der Nahrungsmittelausgabe erschossen. Schockierend ist auch, wenn Abraham auf die Nachfrage nach der Anzahl der Opfer, die Antwort erhält, dass teilweise Hunderte bei diesen Aktionen getötet worden seien.
Problematisch ist freilich nicht nur die Beschränkung auf die Aussagen der anonym bleibenden Whistleblower, sondern auch die Parallele, die zumindest indirekt zum Genozid an den Juden während des Zweiten Weltkriegs gezogen wird, wenn sich ein Interviewter an einen KZ-Besuch erinnert und Bilder vom Holocaust-Gedenktag und einer Hommage an Claude Lanzmann eingeschnitten werden. Und auch die Kontrastierung der schockierenden Schilderungen mit dem hell erleuchteten nächtlichen Tel Aviv überzeugt nicht. Zu pauschal ist doch die in diesen Bildern implizierte Kritik an einer israelischen Gesellschaft, deren Alltag ruhig weitergeht, während nur rund 60 Kilometer entfernt täglich Palästinenser:innen gezielt getötet werden.
Wie schon der unter anderem mit dem Oscar ausgezeichnete Dokumentarfilm "No Other Land", in dem die Israelis Abraham und Szor gemeinsam mit den palästinensischen Aktivisten und Filmemachern Basel Adra und Hamdan Ballal ein erschütterndes Bild von der israelischen Vertreibungspolitik im besetzten Westjordanland zeichneten, ist auch "NAZA" ein bewusst einseitiger Film.
Nur kurz gestreift wird so am Beginn des Dokumentarfilms, der auf Enthüllungen basiert, die in dem palästinensisch-israelischen Online-Portal +972 Magazine, der hebräischsprachigen Nachrichten-Webseite Local Call und der auch als Koproduzent fungierenden britischen Tageszeitung The Guardian zwischen 2023 und 2025 veröffentlicht wurden, der Hamas-Anschlag vom 7. Oktober 2023, der den Angriff Israels auslöste.
Diskutieren kann man auch über den hochemotionalen Schlussakzent. Denn während sich "NAZA" über 75 Minuten Bilder des Mordens und Zerstörens konsequent verweigert, stehen am Ende Handyaufnahmen von einem zerbombten Straßenzug, in dem ein Vater verzweifelt unter den Trümmern nach seiner Tochter sucht, bis schließlich unter Betonplatten die Beine getöteter Kinder sichtbar werden. Unerbittlich macht auch das Schlussinsert, dass dieses Morden täglich weitergehe, deutlich, dass hier kein historisches, sondern aktuelles Geschehen aufgearbeitet wird, und "NAZA" fordert damit auch zu entschiedenem Auftreten gegen diese Kriegsführung auf, die von einem der Interviewten dezidiert als Völkermord bezeichnet wird.
Nicht verwundern kann folglich auch die heftige Kritik, die der Film in Israel auslöste. Während das israelische Militär die Glaubwürdigkeit der Interviewten in Frage stellte, kündigte der israelische Kulturminister Miki Zohar an, dem Regie-Duo die israelische Staatsbürgerschaft zu entziehen, und der Generalstabschef der israelischen Verteidigungskräfte (IDF) Eyal Zamir, beauftragte den Generalmilitärstaatsanwalt, eine Strafverfolgung der Filmemacher und der am Film beteiligten Personen zu prüfen. Auf der anderen Seite unterzeichneten auch wieder 1000 israelische Filmemacher:innen eine Petition zur Unterstützung von Abraham und Szor.
NAZA
Großbritannien / USA 2026
Regie: Yuval Abraham, Rachel Szor
Dokumentarfilm
Länge: 80 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Skino Schaan, im Kinok St. Gallen und am 13.10. + 14.10. im Kino GUK Feldkirch (hebr. OmU.)
Trailer zu "NAZA"




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