Ekel - Repulsion (1965)
- Walter Gasperi
- vor 6 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Eine junge Belgierin stürzt während eines London-Aufenthalts sukzessive in eine schwere psychische Krise, bei der nicht nur Wahn und Wirklichkeit verschwimmen, sondern die Betroffene auch gewalttätig wird. – Bei Pidax Film ist Roman Polanskis 1965 entstandener, beklemmender Psychothriller, der mit meisterhafter Bild- und Tonsprache intensiv in die Wahrnehmung der Protagonistin versetzt, auf Blu-ray erschienen.
Von der Pupille eines Auges zoomt die Kamera langsam zurück auf das ganze, nervös blinzelnde Auge. Während des ganzen Vorspanns hält Kameramann Gilbert Taylor diese Einstellung und nicht erst, wenn der Name des Regisseurs quer über das Auge eingeblendet wird, weckt dieser Einstieg Assoziationen an die berühmte Szene in Luis Bunuels "Un chien andalou" (1929).
Mit Ende des Vorspanns zoomt die Kamera weiter zurück und gibt den Blick frei auf das Gesicht der jungen Belgierin Carole (Catherine Deneuve). Offen bleibt, wieso sie nach London gekommen ist, wo sie nun in der Wohnung ihrer Schwester (Yvonne Furneaux) lebt und in einem Kosmetikstudio arbeitet.
Beschwingte Jazzmusik (Musik: Chico Hamilton) begleitet sie zunächst, wenn sie durch die verkehrsreichen Straßen der Metropole zu ihrem Arbeitsplatz geht, mit ihrer wachsenden psychischen Desorientierung wird die Musik aber aggressiver werden. Nicht nur die fremde Umwelt belastet offensichtlich die schüchterne Frau, sondern vor allem die Männer beunruhigen und verängstigen sie.
Während ihre Schwester eine Affäre mit einem verheirateten Mann (Ian Hendry) hat, agiert sie gegenüber ihrem Freund Colin (John Fraser), der sich liebevoll um sie kümmert, sehr reserviert, vergisst Treffen mit ihm oder findet eine Ausrede, um ein Essen mit ihm zu vermeiden. In der Wohnung wiederum empfindet sie Ekel gegenüber Zahnbürste und Rasierpinsel des Freunds ihrer Schwester und möchte am liebsten, dass er aus der Wohnung verschwindet.
Ein kurzer Moment des Lachens und des Glücks stellt sich ein, wenn eine Arbeitskollegin von Chaplins "The Goldrush" erzählt. Ein Verweis auf das Kino als Traummaschine, die aus dem Alltag entfliehen lässt, kann man darin sehen, denn in scharfem Kontrast dazu steht der restliche, von Grautönen dominierte Schwarzweißfilm.
Immer tiefer stürzt Carole nämlich in ihre Krise, als ihre Schwester mit ihrem Freund zwei Wochen nach Italien verreist. An die Stelle des Blicks von außen versetzt Polanski nun die Zuschauer:innen in seinem ersten englischsprachigen Film zunehmend in die Perspektive seiner Protagonistin, die die Wohnung nun nicht mehr verlässt.
Klaustrophobische Enge evoziert er mit tiefenscharfen Blicken durch die Gänge oder durchs Fenster auf Straße und Hof. Panik löst immer wieder das Schrillen des Telefons oder der Türglocke aus. Wahnvorstellungen mischen sich zunehmend in die Realität, wenn Wände Risse bekommen oder weich wie Ton werden und Carole mehrfach von einer Vergewaltigung träumt, bei der der Ton auf das Ticken einer Uhr reduziert wird.
Aber auch wiederholte Blicke auf ein langsam verwesendes totes Kaninchen, das die Schwester für ein Essen vorbereitet hat, oder auf keimende Kartoffeln verstärken das Unbehagen. Zunehmend verdreckt wird auch die Wohnung und als zunächst Colin und später der Vermieter (Patrick Wymark) die Tür aufbrechen und eindringen, wird Carole auch gewalttätig.
In der Schilderung der klaustrophobischen Situation kann man eine Verarbeitung Polanskis seiner Erfahrungen als junger Jude, der während des Zweiten Weltkriegs in Polen untertauchen musste, lesen. Sein ganzes Werk durchziehen solche Situationen, gleichzeitig ist "Ekel" aber auch die beklemmende Schilderung der Einsamkeit und Verlorenheit des Menschen in der anonymen Großstadt, vor allem aber von Frauen in einer männlich dominierten Gesellschaft.
Getragen von einer großartigen Catherine Deneuve in der Hauptrolle, zeichnet Polanski konsequent und durch genauen Blick für Details den zunehmenden Verfall Caroles nach, für den sich im verwesenden Kaninchen eine Metapher findet. Schüchternheit und die fremde Umwelt werden zwar als Auslöser für ihre Krankheit angedeutet, erklären diese aber letztlich nicht.
Offen bleibt auch, woher ihre große Angst vor Männern rührt und auch der finale lange Kameraschwenk über die Anrichte im Wohnzimmer hin zu einem Familienfoto und auf das Gesicht der kleinen Carole, die mit kaltem Blick ihren Vater ansieht, lässt Raum für Interpretationen und steigert dadurch die Nachwirkung und die Verunsicherung, die dieser Film auslöst.
An Sprachversionen bietet die bei Pidax Film erschienene Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche Untertitel. Die Extras umfassen neben einer 25-minütigen, deutsch untertitelten Dokumentation über "Ekel" ("A British Horror Film") und einem achtminütigen, deutsch untertitelten Interview mit dem in den Credits nicht genannten Kameramann Stanley Long vor allem einen nicht untertitelten englischen, aber gut verständlichen Audiokommentar von Roman Polanski und Catherine Deneuve, die detaillierte Einblicke in die Entstehung des Films und ästhetische Überlegungen dazu bieten. Dazu kommen der originale Kinotrailer, eine Bildergalerie und Trailer zu weiteren, bei Pidax erschienenen Filmen.
Trailer zu "Ekel - Repulsion"
