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Der Richter und sein Henker

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 9 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit
"Der Richter und sein Henker": Hochkarätig besetzte Dürrenmatt-Verfilmung von Maximilian Schell
"Der Richter und sein Henker": Hochkarätig besetzte Dürrenmatt-Verfilmung von Maximilian Schell

Ein todkranker Polizist jagt einen Geschäftsmann, der vor Jahrzehnten vor seinen Augen eine junge Frau ermordete, ohne dass man die Tat beweisen konnte. Bei Film- und Fernsehjuwelen ist Maximilian Schells 1975 entstandene, hochkarätig besetzte Verfilmung von Friedrich Dürrenmatts Roman auf DVD und Blu-ray erschienen.


Friedrich Dürrenmatts Roman "Der Richter und sein Henker" erschien 1950/51 als Fortsetzungsgeschichte in acht Folgen in der Zeitschrift "Der Schweizer Beobachter". Schon 1957 adaptierte Franz Peter Wirth den Roman fürs Fernsehen. Wie damals arbeitete auch 1975 Friedrich Dürrenmatt am Drehbuch mit.


Doch nicht nur als Autor beteiligte sich der Schweizer Schriftsteller am Film, sondern ist auch in der in Istanbul spielenden Eröffnungsszene kurz zu sehen und taucht später in einer Szene auf, die in seiner eigenen Wohnung gedreht wurde und in der er mit sich selbst Schach spielt. Wie diese Szene, in der Dürrenmatt auch über seine eigenen Bücher spricht, dem Film einen surrealen Touch verleiht, so ist der ganze Film von Momenten durchzogen, die zum Absurden tendieren. Gleichzeitig verweist das Schachspiel aber auch auf die beiden Protagonisten, die mit anderen Menschen wie mit Schachfiguren spielen, aber auch gegeneinander gewissermaßen ein Spiel austragen.


Denn im Istanbul des Jahres 1946 ließ sich der junge Polizist Bärlach mit seinem damaligen Freund Gastmann auf eine Wette ein, bei der Gastmann behauptete, vor Bärlachs Augen einen Mord begehen zu können, ohne dass man ihm diesen nachweisen könne. In einem langen Schwenk folgt so die Kamera von Roberto Gerardi einer jungen Frau, die vor der Skyline der türkischen Metropole über eine Ebene tanzt. Sie ist mit Gastmann und Bärlach befreundet, doch dies wird Gastmann nicht daran hindern, sie wenig später vor den Augen Bärlachs von einer Brücke in den Tod zu stoßen.


Schell aktualisiert die Vorlage, wenn er mit einem Schnitt knapp 30 Jahre überspringt und die Haupthandlung mit dem Fund des toten Polizisten Roland Schmied in der herbstlich kalten ländlichen Schweiz einsetzen lässt. Nicht nur der Wetterbericht im Radio und die nebelverhangenen Bilder, sondern auch die Musik von Ennio Morricone evozieren nicht nur in dieser Szene eine melancholische Stimmung.


Nicht nur unprofessionell, sondern absurd wirkt wiederum, wie der Landpolizist, der die Leiche findet, nicht den Tatort sichert, sondern mit dem Toten in die Stadt fährt. Verstärkt wird dieser surreale Ton noch durch den Nachspann, in dem Donald Sutherland nicht als Darsteller des Toten genannt wird, sondern mit der Bemerkung "als Leiche zur Verfügung gestellt" versehen wird.


Überhaupt ist die Besetzung dieses Films das auffälligste. Ein seltsamer Widerspruch ergibt sich hier dadurch, dass in der Verfilmung eines Romans von Dürrenmatt, der fest im Schweizer Milieu verankert ist, vorwiegend amerikanische Schauspieler:innen agieren. Auf Englisch wurde folglich auch gedreht, dennoch erweist sich der Regisseur Martin Ritt ("The Spy Who Came In from the Cold", 1965; "Norma Rae", 1979) als Idealbesetzung des Kommissar Bärlach.


Mal spielt er den alternden Polizisten, der am Beginn von seinem Arzt mit einer tödlichen Erkrankung konfrontiert wird, als muffigen Kleinbürger, dann aber lauert hinter seiner an Inspektor Colombo erinnernden äußeren Harmlosigkeit und Langsamkeit, doch wieder ein scharfer Verstand und Entschlossenheit im Kampf gegen seinen Gegner Gastmann (Robert Shaw).


Wie dieser Geschäftsmann, an dessen Eingangstor ein großes "G" prangt, sich auch als Diener Gottes sieht, so spielt sich schließlich auch Bärlach zu Gott oder eben einem Richter auf, der geschickt Menschen um sich instrumentalisiert.


Während Robert Shaw Gastmann ähnlich glatt und souverän spielt wie zwei Jahre zuvor den Gangsterboss im Redford/Newman-Hit "Der Clou", ist Jon Voight als Bärlachs Assistent Tschanz, der im Tod seines Kollegen eine Gelegenheit zum Aufstieg sieht und unmittelbar nach dessen Begräbnis mit dessen Verlobten Anna (Jacqueline Bisset) schläft, in seinem Spiel nur schwer zu bremsen. Die Verpflichtung Jacqueline Bissets, die mit Francois Truffauts "Die amerikanische Nacht" (1973) und Sidney Lumets "Mord im Orient-Express" (1974) zum Star aufgestiegen war, führte wiederum dazu, dass die Rolle Annas gegenüber dem Roman ausgebaut wurde.


Wohl auch angesichts der glamourösen Besetzung interessiert sich der Film mehr für die Zeichnung der Figuren und ihre Beziehungen als für die Verbrecherjagd an sich. Da kann auch Helmut Qualtinger als Gastmanns Anwalt brillieren, der mit seinen Beziehungen zu Politik und Heer prahlt.


Typisch für Dürrenmatt fließt so auch Gesellschaftskritik ein, vor allem aber durchsetzen immer wieder groteske Momente den Film. Da wird ein Begräbnis durch ein heftiges Unwetter empfindlich gestört, doch trotz strömenden Regens spielt die Kapelle weiter, während zwei fröhlich tanzende Männer einen Kranz am Grab ablegen.


Bei einem Abendessen mit Tschanz wiederum stopft Bärlach Würste und Sauerkraut maßlos in sich hinein, obwohl der Arzt ihn zu Enthaltsamkeit angehalten hat, und durch die Villa Gastmanns streift ein Leopard. So sind es neben der glanzvollen Besetzung, zu der mit Kurzauftritten auch der Altstar Lil Dagover und der israelische Violinist Pinchas Zuckerman zählen, diese schrägen Szenen, die dafür sorgen, dass diese Dürrenmatt-Verfilmung im Gedächtnis haften bleibt.


An Sprachversionen bieten die bei Film- und Fernsehjuwelen  erschienene DVD und Blu-ray die englische Original- und die deutsche sowie die schweizerdeutsche Synchronfassung. Dazu kommen deutsche Untertitel für Hörgeschädigte, eine deutsche Audiodeskription für Sehbehinderte und englische Untertitel. An Extras gibt es die rund 20 Minuten längere amerikanische Fassung im Original mit deutschen Untertiteln, das 37-minütige Feature "Die Magie der Montage", in dem die Editorin Dagmar Hirtz über die Arbeit an "Der Richter und sein Henker" spricht, und das 28-minütige Feature "Schach mit Dürrenmatt", in dem Maximilian Schell über die Entstehung des Films, die Besetzung und die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Schriftsteller erzählt.


Zudem gibt es den Kinotrailer und Trailer zu weiteren bei Film- und Fernsehjuwelen erschienenen Filmen sowie ein Booklet, in dem Roland Mörchen über die Entstehung, die Besetzung und die Rezeption des Films informiert.



Trailer zu "Der Richter und sein Henker"


 

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