top of page

Der große Irrtum - Il conformista

Autorenbild: Walter Gasperi
Walter Gasperi
vor 20 Minuten
3 Min. Lesezeit
"Der große Irrtum - Il conformista": Meisterhaftes Psychogramm eines Mitläufers des Faschismus
"Der große Irrtum - Il conformista": Meisterhaftes Psychogramm eines Mitläufers des Faschismus

Ein Mann passt sich in seinem Streben nach Normalität bedingungslos an den Faschismus an und ist auch bereit, einen Mord zu begehen, um damit ein traumatisches Kindheitserlebnis zu bewältigen. - Bei Film- und Fernsehjuwelen ist Bernardo Bertoluccis brillant verschachteltes und elegant gefilmtes Meisterwerk aus dem Jahr 1970 auf DVD, Blu-ray und in einem Mediabook auf 4K UHD erschienen.


Bernardo Berolucci bricht in seiner Verfilmung von Alberto Moravias 1951 erschienenem Roman die Linearität der Vorlage konsequent auf und erzählt in komplexer Rückblendenstruktur. Gegenwartsebene ist die Hochzeitsreise des Protagonisten Marcello (Jean-Luis Trintignant) nach Paris, während der er im Auftrag der faschistischen Geheimpolizei den antifaschistischen Philosophieprofessor Luca Quadri, der einst Marcellos Lehrer war und der vor den Faschisten in die französische Hauptstadt geflohen ist, ausspionieren und ermorden soll.


Während der Autofahrt zum Mord durch eine winterlich kalte Landschaft, erinnert sich Marcello nicht nur an seine Hochzeit mit Giulia (Stefania Sandrelli) und seine leidenschaftliche Liebe zu Quadris Frau Anna (Dominique Sanda), sondern auch an seine Anpassung an den Faschismus, an seine Eltern und ein traumatisches Kindheitserlebnis.


Auch diese Rückblenden sind nicht linear angeordnet, sondern setzen immer wieder abrupt ein, sind aber durch Farb- und Lichtdramaturgie der eleganten Bilder von Kameramann Vittorio Storaro sowie durch die Kulissen immer klar verortbar, sodass die Übersicht nie verloren geht und sich langsam das komplexe Psychogramm Marcellos entwickelt.


Zentrales Thema des Films ist Marcellos Streben nach Normalität. Weil er sich durch die Kindheit mit einer morphiumsüchtigen Mutter und einem geisteskranken Vater, vor allem aber durch die Begegnung mit einem Pädophilen, den er während eines Verführungsversuchs scheinbar ermordete, als außerhalb der Gesellschaft stehend fühlte, will er sich nun bedingungslos an die herrschenden Verhältnisse - und das heißt an den Faschismus - anpassen. So stellt er sich auch dem Geheimdienst zur Verfügung und heiratet die ziemlich naive, kleinbürgerliche Giulia, um seine latente Homosexualität zu verdrängen.


Bertolucci fokussiert ganz auf den von Jean-Louis Trintignant ebenso zurückhaltend wie intensiv gespielten Marcello und spart das gesellschaftliche Umfeld weitgehend aus. Von der Lehre Sigmund Freuds beeinflusst, erklärt er Marcellos Verhalten aus seiner Kindheit heraus.


Ohne starken Vater aufgewachsen, findet er nun in einem blinden faschistischen Radiosprecher ebenso eine Vaterfigur wie im Geheimdienstler, der ihn begleitet, und im Faschismus an sich, begeht andererseits aber mit der Tötung seines ehemaligen Lehrers Quadri einen Vatermord. Selbst ist er allerdings zu dieser Tat nicht fähig, sondern beschränkt sich darauf, sie aus dem Wagen aus sicherer Distanz zu beobachten.


Voyeuristische Beobachterposition nimmt er aber auch bei der Verführung seiner Frau durch Quadris Gattin Anna ein und auch gegen den von ihm gehassten Liebhaber seiner Mutter geht er nicht selbst vor, sondern gibt seinem Begleiter vom Geheimdienst den Auftrag zum Handeln.


Neben dem Faschismus, der vor allem durch die monumentale Architektur, die die Menschen im Raum isoliert und fast erdrückt, präsent ist, erscheint als zweite prägende Kraft der Katholizismus. Dominant hängt so bei der Verführung Marcellos ein Kreuz an der Wand und bei seiner Beichte interessiert sich der Priester kaum für seinen vermeintlichen Mord, sondern vor allem für sein Sexualleben.


In seinem Streben nach Anpassung ist Marcello dabei nie er selbst und eindrücklich wird dieses Spannungsfeld von Sein und Schein vermittelt, wenn dieser Konformist gegenüber seinem ehemaligen Professor ausführlich Platons Höhlengleichnis referiert und die Kamera dabei auch prägnant mit Licht und Schatten arbeitet.


An Sprachversionen bieten die bei Film- und Fernsehjuwelen  erschienene DVD, Blu-ray und das Mediabook mit Blu-ray und 4K Ultra HD die italienische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche und englische Untertitel. An Extras gibt es das rund 50-minütige, deutsch untertitelte Feature "Bernardo Bertolucci: Reflections on Cinema" das mit Interviews mit Bertolucci, Archivmaterial und Filmausschnitten Leben und Karriere des italienischen Regisseurs bis etwa 2000 nachzeichnet.


Dazu kommt das rund 30-minütige deutschsprachige Feature "Zwischen Parma und Paris: Bernardo Bertolucci im Gespräch", in dem Bertolucci ebenfalls, unterstützt von Filmausschnitten, über Leben und Karriere von seinen Anfängen bis zu "Il conformista" spricht und auch die Bedeutung von Kameramann Vittorio Storaro und Editor Franco "Kim" Arcalli gewürdigt wird.


Weiters gibt es einen Audiokommentar von Rolf Giesen, der ausführliche Hintergrundinformationen zur Entstehung, aber auch zur zeitgenössischen und heutigen Rezeption des Films bietet und auch detailliert die Handlung einzelner Szenen beschreibt, sowie Film- und Werbeplakate, den amerikanischen und den deutschen Kinotrailer und ein 16-seitiges digitales Booklet mit einem informativen Text von Roland Mörchen.



Trailer zu "Der große Irrtum - Il conformista"


 

Kommentare


bottom of page