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Blue Velvet

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit
"Blue Velvet": Abgründiger Klassiker von David Lynch
"Blue Velvet": Abgründiger Klassiker von David Lynch

David Lynch lässt in seinem verstörenden Thriller eine überzeichnete Kleinstadtidylle auf eine abgründige Gegenwelt treffen. – Bei Plaion Pictures ist der 1986 entstandene Klassiker mit vielfältigen Extras in einem Mediabook auf 4K-UHD und Blu-ray erschienen.


Zu Bobby Vintons Schnulze "Blue Velvet" bewegt sich zum Vorspann ein tiefblauer Samtvorhang. Wie sich hier die Frage stellt, was sich hinter dem Vorhang verbirgt, so spielt der ganze Film mit dem Gegensatz von schöner Oberfläche und den Abgründen dahinter. Bewusst übertrieben als Idylle wird so die Kleinstadt Lumberton beschrieben: Strahlend blau ist der Himmel, makellos weiß der Lattenzaun, rote Rosen und gelbe Nelken blühen im Garten und von einem in Zeitlupe passierenden Feuerwehrwagen grüßt freundlich ein Mann, während eine Lotsin Kinder sicher über die Straße führt.


Abrupt bricht diese Stimme, wenn sich der Gartenschlauch des Mannes, der seine Pflanzen bewässert, verknotet, er sich an den Hals greift und zusammenbricht und die Kamera von Frederick Elmes in die Wiese und die Erde abtaucht, in der schwarze Käfer krabbeln.


Im Gras findet der junge Jeffrey (Kyle MacLachlan), der wegen des Schlaganfalls seines Vaters sein Studium unterbrochen hat, bald auch ein abgeschnittenes menschliches Ohr. Er bringt dieses zwar zur Polizei, beginnt, unterstützt von Sandy (Laura Dern), der Tochter des Polizeichefs, aber auch selbst zu recherchieren. Dabei stößt er nicht nur auf die Nachtclubsängerin Dorothy (Isabella Rossellini), sondern auch auf den psychopathischen Frank Booth (Dennis Hopper), der Dorothy tyrannisiert.


Sprechend sind hier schon die Namen, wenn "Dorothy" – auch mit ihren roten Schuhen - an die Protagonistin von David Lynchs Lieblingsfilm "The Wizard of Oz" erinnert und Frank mit Booth nicht nur den gleichen Nachnamen wie der Mörder des Parade-Präsidenten Abraham Lincoln trägt, sondern Dorothy zudem in der Lincoln Street wohnt.


Zudem stehen der blonden Sandy die dunkelhaarige Dorothy gegenüber und den properen Vorstadthäusern das düstere und heruntergekommene Appartementhaus sowie verfallende Industrieanlagen. Am markantesten spielt Lynch freilich mit solchen Gegensätzen mit dem von Mutter und Tante wohlbehüteten jungen Jeffrey auf der einen und dem Psychopathen Frank auf der anderen Seite.


Jeffrey muss dabei im Laufe des Films erkennen, dass Frank im Kern nur seine dunkle Spiegelseite ist. Ist er nämlich am Anfang "nur" ein Voyeur, so wird er bald auch selbst aktiv und beginnt eine sadomasochistische Beziehung mit Dorothy, in der er nach erster Weigerung schließlich auch Lust daran empfindet, sie zu schlagen.


Doch nicht nur auf der Handlungs- und Figurenebene, sondern auch über die visuelle und akustische Gestaltung macht Lynch diese Gegensätze und das Abgründige in der scheinbar heilen Welt erfahrbar.  Zu den unterschiedlichen Schauplätzen kommen das Spiel mit Farbe sowie mit Sprache und Musik.


Denn während die Welt der unschuldigen Jeffrey und Sandy von sanften und hellen Farbtönen bestimmt ist, signalisiert dunkles Blau die Gefahr und das Finstere in der Welt Dorothys ebenso wie ihre leuchtend roten Lippen das Lustvolle. Auf der akustischen Ebene werden wiederum die schmachtend von Liebe erzählenden Songs von Bobby Vinton ("Blue Velvet"), Roy Orbison ("In Dreams") oder Ketty Lester ("Love Letters") von der ungemein obszönen und vulgären Sprache Franks, aber auch von seiner physischen Brutalität kontrastiert.


Plakativ ist dieses Spiel mit Gegensätzen im Grunde, doch durch Lynchs aufregende filmische Gestaltung strahlt "Blue Velvet" auch 40 Jahre nach seiner Uraufführung immer noch große Faszination und verstörende Kraft aus. Denn mag dieser surrealistische Thriller am Ende auch zum idyllischen Anfang zurückkehren und diesen noch weiter überzeichnen, wenn auch traditionelle Geschlechterrollen präsentiert werden, so löst doch gerade das einerseits betont kitschige, andererseits in diesen Kitsch auch Gewalt mischende Schlussbild eine Verunsicherung aus, die über das Filmende hinauswirkt.


An Sprachversionen bieten die bei Plaion Pictures in einem Mediabook erschienene 4K-UHD und Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie englische und deutsche Untertitel. Neben dem deutschen und englischen Trailer sowie zwei TV-Spots gibt es auf einer weiteren Blu-ray umfangreiche, durchgehend deutsch untertitelte Extras.


Zu Peter Braatz knapp 90-minütigem Essayfilm "Blue Velvet Revisited" (2016), in dem mit Filmaufnahmen von den Dreharbeiten und Fotos sowie kurzen Interviews impressionistisch die Entstehung des Films nachgezeichnet wird, und Jeffrey Schwarz´ 70-minütigem Dokumentarfilm "Mysteries of Love" (2002), der vor allem mit Interviews mit David Lynch und dem Filmteam Einblick in die Entstehungsgeschichte von "Blue Velvet" bietet, kommen kurze Interviewclips mit den Hauptdarsteller:innen Kyle MacLachlan und Isabella Rossellini sowie Kurzkritiken von Siskel und Ebert sowie "Trailers from Hell".


Weiters gibt es eine Sammlung von nicht verwendeten Szenen (52 Minuten) und missglückten Aufnahmen, eine Bildergalerie, ein 45-minütiges Interview mit Dennis Hopper, in dem der "Easy Rider"-Regisseur und Star nicht nur über David Lynchs Klassiker, sondern auch über seine eigenen Filme "The Last Movie" (1971) und "Out of the Blue" (1980) sowie weitere Rollen spricht, und ein sehr informatives Booklet von Paul Poet.

 


Trailer zu "Blue Velvet"



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