• Walter Gasperi

Police - Bis an die Grenze


Drei PolizistInnen sollen einen Asylanten zur Abschiebung zum Flughafen bringen, doch bald kommen bei Virginie Zweifel an der moralischen Vertretbarkeit dieses Auftrags auf? – Mit drei starken HauptdarstellerInnen und dichter, zupackender Inszenierung entwickelt Anne Fontaine ein beklemmendes Drama, das nicht nur moralische Fragen aufwirft, sondern auch eindringlich den Druck und Stress, unter dem PolizistInnen stehen, vermittelt.


Auf einen Tag beschränkt sich die Handlung von "Police". Mit dem Erwachen Virginies (Virginie Efira) durch das Geschrei ihres Babys setzt der Film ein und wird am nächsten Morgen enden. Angeschlagen scheint diese Polizistin schon dadurch, dass sie wegen des Babys jede Nacht mehrmals aufstehen muss. Ihr widmet Anne Fontaine das erste mit "Virginie" überschriebene Kapitel.


Mit schnellem Schnitt und naher Kamera evoziert die 62-jährige Französin dicht den Stress unter dem die Beamtin steht. Hautnah ist die Kamera dran, wenn sie mit ihrem Kollegen in einem Fall häuslicher Gewalt einschreiten oder auf der Straße bei einer Massenschlägerei eingreifen muss. Dazu kommt noch – das hätte es nicht unbedingt gebraucht – eine bevorstehende Abtreibung.


Auch durch die Reduktion der Farbpalette auf kalte Blau- und Grautöne sowie den weitgehenden Verzicht auf Musik gewinnt dieses Drama einen starken realistischen, fast quasidokumentarischen Gestus und evoziert dicht eine Atmosphäre der Beklemmung und Anspannung.


Nach rund einer Viertelstunde beginnt "Police" gewissermaßen nochmals von vorn, um nun die gleichen Ereignisse sowie den Fall einer Kindstötung aus der Sicht von zwei Kollegen - zunächst aus der des verheirateten Mittfünfzigers Erik (Gregory Gadebois), dann aus der des aus dem Senegal emigrierten Aristide (Omar Sy) - zu erzählen. Wie Virginie wirkt auch Erik angeschlagen, pflegt einen groben Umgang mit seiner Frau, während Aristide einen lockeren Eindruck macht, bis eine kurze Rückblende bei ihm ein Trauma sichtbar macht. Nicht unbedingt nötig gewesen wäre hier freilich auch noch eine Liebesbeziehung zwischen Aristide und Virginie.


Diese drei Kapitel sind aber nur die Exposition für die zentrale Handlung, die auf das Insert "Tohirov" folgt. Als dieser tadschikische Flüchtling zur Abschiebung zum Flughafen gebracht werden soll, übernehmen die drei PolizistInnen diesen Auftrag, doch bald kommen Virginie Zweifel an der Richtigkeit dieser Aktion. Während sie glaubt, dass der Asylant in seiner Heimat die Ermordung befürchten muss, glaubt Erik, dass es sich doch auch um einen Terroristen handeln könnte. Nimmt Aristide zunächst eine Zwischenposition ein, schlägt er sich, einerseits wohl, weil er sich als Migrant in die Position von Tohirov versetzen kann, andererseits wohl auch aufgrund seiner Liebe auf die Seite von Virginie.


Nahezu in Echtzeit und auf dem engen Raum des Polizeiwagens entwickelt sich so ein hochkonzentriertes und packendes Gewissensdrama, bei dem Befehlsverweigerung aus Menschlichkeit auf der einen Seite Pflichterfüllung auf der anderen gegenübersteht. Zum spannendsten Charakter dieses von Virginie Efira, Omar Sy und Grégory Gadebois intensiv und mit großer physischer Präsenz gespielten Trios wird dabei Erik, dessen feste Überzeugung zunehmend zerbröckelt und den dieses Dilemma zu zerreißen droht.


Einerseits gelang Anne Fontaine so ein aufwühlendes und beklemmendes Porträt der Belastungen heutiger Polizeiarbeit, andererseits ist ihr Film auch ein entschiedenes Plädoyer für Menschlichkeit im Umgang mit Asylanten. Bewusst nicht zum Subjekt wird hier der vom iranischstämmigen Amerikaner Payman Maadi gespielte Tohirov, sondern bleibt nicht zuletzt aufgrund fehlender Sprachkenntnisse ein Objekt, über das andere entscheiden.


Eine Nebenfigur mag er bleiben, dennoch gelingt es Fontaine am Schicksal dieser Figur eindringlich die Härte der Abschiebepraxis, die teilweise schonungslos gezeigt wird, zu vermitteln, aber auch zu zeigen, wie schwierig es ist, ein objektives Urteil über Asylanten zu fällen und wie leichtfertig sie teilweise in eine Heimat abgeschoben werden, in der sie das schlimmste befürchten müssen. – Die Grenze des deutschen Titels ist hier durchaus mehrdeutig zu verstehen, meint ganz konkret die Abschiebung, aber auch die Frage der moralischen Grenze und die bis an die Grenze des Erträglichen gehende alltägliche Belastung der PolizistInnen.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z. B. im Kinok St. Gallen


Trailer zu "Police - Bis an die Grenze"