• Walter Gasperi

Infam - The Children´s Hour


Anfang der 1960er Jahre zerbricht das Leben zweier Lehrerinnen, als sie einer lesbischen Beziehung beschuldigt werden. – Das von William Wyler präzise inszenierte und von Shirley MacLaine und Audrey Hepburn großartig gespielte Verleumdungsdrama ist bei Studiocanal auf DVD und Blu-ray erschienen.


Als ersten Film nach dem Welterfolg „Ben Hur“ drehte William Wyler diese Verfilmung von Lillian Hellmans 1934 erschienenem Theaterstück „The Children´s Hour“. Dem Pomp und der Farbenpracht des Monumentalfilms steht damit ein konzentriertes Drama in Schwarzweiß gegenüber, dem Spektakel und den Massenszenen klassisches Schauspielerkino.


Hellmans Vorlage hat Wyler selbst schon 1936 unter dem Titel „These Three“ verfilmt. Weil er aber bei dieser Erstverfilmung auf Druck des Studios, das aufgrund des Hays Code Zensur fürchtete, die lesbische Beziehung in eine heterosexuelle Eifersuchts- und Dreiecksgeschichte abwandeln musste, wollte er 25 Jahre später das Stück nochmals – und nun werkgetreu – verfilmen.


Wird in der Exposition mit einem sommerlichen Gartenfest an der privaten Mädchenschule, die Martha Dobie (Shirley MacLaine) und Karen Wright (Audrey Hepburn) leiten, noch eine Idylle beschworen, so lässt die etwa Zehnjährige Mary, die ihrer Großmutter Lügengeschichten erzählt, schon Böses ahnen.


Auch im Folgenden zeigt sich Mary im Internat als Lügnerin und Intrigantin. Sind Kinder sonst – zumal in Hollywoodfilmen – meist nett, wird hier für einmal ein grundböses Mädchen präsentiert, das mit ihrem Wissen auch eine Mitschülerin erpresst und instrumentalisiert. Mit extremen Großaufnahmen akzentuiert Wyler dabei noch Marys Bösartigkeit, deren Wurzeln nicht erklärt werden.


Aber auch beim Zuschauer wird Unsicherheit bezüglich der Beziehung der Lehrerinnen geschürt, wenn Karen die Hochzeit mit dem Arzt Joe (James Garner) immer wieder hinausschiebt, Marthas nervige Tante, die auch im Internat wohnt, das Verhalten ihrer Nichte als „unnatürlich“ bezeichnet und Martha immer wieder aufbrausend auf die Präsenz von Joe reagiert.


Für die Bestrafung einer Lüge rächt sich Mary, indem sie ihrer Großmutter erzählt, dass Martha und Karen ein Liebespaar seien. Die Folgen sind katastrophal: Alle Eltern nehmen sogleich ihre Kinder aus der Schule, doch nicht nur das berufliche Leben der Lehrerinnen, sondern auch das private zerbricht.


In den zahlreichen Innenszenen und der weitgehenden Beschränkung auf das Schulgebäude und das Haus von Marys Großmutter als Schauplätze mag man „Infam“ die Herkunft vom Theater anmerken, doch meisterhaft verstehen es Wyler und sein Kameramann Franz Planer die Räume filmisch zu inszenieren. Statt mit Schuss-Gegenschussstrategie arbeiten sie vielfach mit langen Plansequenzen, in denen sie durch große Schärfentiefe Vordergrund und Hintergrund gleichermaßen nützen.


Gebündelt in einer Einstellung wird so gegen Ende die Beziehung zwischen Martha, Karen und der Großmutter, die die Verleumdung in Gang setzte. Gleichzeitig vermittelt Wyler rein über die Bildsprache den Riss zwischen den Lehrerinnen, wenn Martha durch das von Sprossen quasi vergitterte Fenster der im Park spazierenden Karen nachschaut und andererseits Karen aus dem Park zu ihr hochblickt.


Nie drängt sich aber die Inszenierung selbstgefällig in den Vordergrund, bleibt vielmehr subtil und gibt den Raum frei für die Schauspielerinnen. Vor allem Shirley MacLaine gelingt es Marthas Leiden unter dem unterdrückten Begehren, das ihr selbst erst langsam bewusst wird, eindringlich zu vermitteln, stark ist aber auch Audrey Hepburn, deren Karen unter den Ereignissen zwar fast zu zerbrechen scheint, aber schließlich auch eine Autonomie entwickelt, mit der es ihr gelingt, die engstirnige Gesellschaft zu ignorieren.


Das ist starkes Schauspielerkino, bei dem durch die präzise und kompakte Inszenierung, die geschickt die Klage gegen die Verleumdung und den Prozess ausspart, packend die verheerenden, nie mehr tilgbaren Folgen eines solchen Rufmordes herausgearbeitet werden. Gleichzeitig ist das aber auch ein entschiedenes Plädoyer für Toleranz gegenüber Menschen, deren Verhalten von dem der Mehrheitsgesellschaft abweicht. Auch das Ende, das Tragik mit - vielleicht inspiriert vom Ende von „Der dritte Mann“ - einem entschlossenen und unabhängigen Gang in eine ungewisse Zukunft verbindet, sorgt dafür, dass dieses Drama nachwirkt.


An Sprachversionen bieten die bei Studiocanal erschienene DVD und Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche Untertitel. Die Extras umfassen neben dem Trailer einen nicht untertitelten englischen, aber gut verständlichen Audiokommentar von Neil Synyard.


Trailer zu "Infam - The Children´s Hour"