• Walter Gasperi

Filmbuch: Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär


Der österreichische Filmjournalist Bert Rebhandl zeichnet in seiner Biographie eindrücklich das Schaffen Jean-Luc Godards nach, der am 3. Dezember 90 wurde.


Über 100 Filme umfasst das Werk Jean-Luc Godards und erstreckt sich von kurzen Werbespots für Rasierwasser, Turnschuhe und Parfüm über Experimente mit Video und seine klassischen Kinofilme bis zur 263-minütigen, achtteiligen TV-Serie "Histoire(s) du cinéma".


Bert Rebhandl unterteilt seine Biographie, die den Untertitel "Der permanente Revolutionär" trägt, in sieben Kapitel. Nah bleibt er dabei an den Filmen, die er ausführlich analysiert, lässt am Rand aber auch Godards Leben, vor allem die Beziehungen zu Anna Karina, Anne Wiazemsky und Anne-Marie Miéville, mit der er nun seit 50 Jahren zusammen lebt und arbeitet, sowie den prägenden Motorradunfall 1971, bei dem er fast ums Leben kam, einfließen.


Aber auch Einblick in seine Arbeitsweise, bei der er vielfach schon den nächsten Film vorbereitet, während der vorherige noch gar nicht fertig ist, sein Verschieben von Fördergeldern von einem Projekt auf ein anderes und seine wiederholten Konflikte mit Produzenten wird geboten. Sichtbar wird als wiederkehrendes und sich beinahe durch das ganze Werk ziehendes Thema die Auseinandersetzung mit der Situation der Palästinenser und ein Verhalten gegenüber Israel und der Shoah, das ihm wiederholt den Vorwurf des Antisemitismus einbrachte.


Geht es in "Moderne Zeiten (1950 – 1959)" um Godards Tätigkeit als Filmkritiker und die Entwicklung der Autorentheorie in den Cahiers du Cinéma, so stellt Rebhandl im Kapitel "Pop Art (1959 – 1967) die Klassiker von "A bout de souffle" bis "2 ou 3 chose que je sais d´elle" vor.


Spannend ist vor allem der ausführliche Blick auf Godards weniger bekannte Phasen und Filme. Ausführlich widmet sich der Autor so unter dem Titel "Revolutionskino (1967 – 1973)" und "Video, ergo sum" (1973 – 1980) dem politischen Filmschaffen und den Experimenten mit Video, die auch mit einem Umzug von Paris nach Grenoble verbunden waren. Plastisch arbeitet Rebhandl dabei Godards Idee heraus, dass das Filmschaffen ein Teil der revolutionären Bewegungen wie des Kampfs der Palästinenser werden müsse, spart aber auch die heftige Kontroverse mit seinem einstigen Wegbegleiter François Truffaut nicht aus.


Doch nicht nur realisierte Filme werden analysiert, sondern auch das Scheitern diverser Projekte wird thematisiert, wie unter anderem das eines Films über die Unabhängigkeit Mosambiks oder von "The Story", in dem Godard für Francis Ford Coppolas Firma American Zoetrope von der Entstehung von Las Vegas aus dem organisierten Verbrechen erzählen wollte.


Vier erste Filme, mit denen jeweils eine neue Phase im Schaffen dieses unermüdlich provozierenden und experimentierenden Giganten des Kinos beginnt, sind für den Autor neben dem legendären "A bout de souffle", der in Grenoble gedrehte "Numéro deux" (1975), die Rückkehr ins Kino mit "Sauve qui peut (la vie)" (1980) und schließlich "Éloge de l´amour" (2001). Überzeugend wird dargestellt, wie damit jeweils etwas Neues beginnt und wie beispielsweise Stars wie Isabelle Huppert, Alain Delon oder Gerard Depardieu die "Der Idiot des Kinos" betitelte Phase von 1980 bis 1996 prägen. Aber auch dem viereinhalbstündigen Großprojekt "Histoire(s) du cinéma", an dem Godard mit Unterbrechungen von 1988 bis 1998 arbeitete, widmet sich Rebhandl ausführlich.


Das Großartige an diesem Buch ist aber nicht nur, mit welcher Stringenz das sich über 60 Jahre spannende Schaffen Godards nachgezeichnet wird, und der Detailreichtum der Schilderung, sondern vor allem auch wie flüssig und leicht lesbar diese Biographie ist. – Ein großer Wurf ist Rebhandl hier zweifellos gelungen, der im abschließenden Kapitel "Die fröhliche Wissenschaft" mit dem Blick auf ein eineinhalbstündigen Instagram-Video, das Godard 2020 gab, auch den Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft spannt. Denn der 90-Jährige, dem sein langes Leben die Möglichkeit verschaffte, "politische und technische Revolutionen immer wieder aufeinander zu beziehen", will sich immer noch nicht zur Ruhe setzen, sondern erzählt in diesem Interview von einem neuen Projekt über den Fotografie-Pionier Joseph Nicéphore Niépce.


Abgerundet wird "Jean-Luc Godard. Der permanente Revolutionär" durch eine Literaturliste, die angesichts der unüberschaubaren Literatur eher kurz ist, eine Filmographie, die auch seine Videoarbeiten und Werbespots enthält, sowie eine Zeittafel, die einen knappen Überblick über Godards Leben und Schaffen bietet.


Bert Rebhandl, Jean-Luc Godard. Der permanente Revolutionär, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2020, 288 S., ISBN 978-3-552-07209-1, € 25