• Walter Gasperi

Yoshida Kiju: Der große Unbekannte?


Yoshida_ Kijū_Foto: The Japan Foundation © Gendai Eigasha

Die Viennale und das Österreichische Filmmuseum widmen die Retrospektive heuer dem japanischen Regisseur Yoshida Kiju. Zwölf Filme des 89-Jährigen, der international als großer Erneuerer des japanischen Kinos der 1960er und 1970er Jahre gilt, hierzulande aber wohl nur ausgesprochenen Insidern bekannt ist, werden gezeigt.


Yoshida Kiju, dessen Name aufgrund einer alternativen Aussprache auch als Yoshida Yoshishige gelesen wird, wurde am 16. Februar 1933 in Fukui geboren. Aufgrund des frühen Tods seiner Mutter wurde er von seinen Großeltern aufgezogen. Schon als Gymnasiast interessierte er sich für französische Filme und lernte deshalb Französisch. Nach Abschluss der Schule, während der er schon Gedichte und Bühnenstücke für Schulfeste schrieb, studierte Yoshida in Tokio Romanistik, las Sartre, gab mit anderen Student*innen eine literarische Zeitung heraus und schrieb Romane.


Um seine Familie zu unterstützen, musste er aber sein Studium abbrechen und kam 1955 zum Filmstudio Shochiku, bei dem Leute gesucht wurden. Dort gründete er nicht nur eine Filmzeitschrift, sondern lernte auch Nagisa Oshima kennen. Vier Jahre lang war er Assistent von Keisuke Kinoshita, prägend war aber auch die Bekanntschaft mit Yasujio Ozu, ehe er 1960 nach seinem eigenen Drehbuch "Rokudenashi" ("Der Taugenichts") drehte.


Setzte er sich in diesem Film mit der Chancenlosigkeit einer orientierungslosen Jugend in der rigiden japanischen Klassengesellschaft auseinander, so geht es im folgenden "Chi wa kaaitru ("Blood is Dry / Blood Thirsty") um einen Angestellten, der mit Selbstmorddrohung seine eigene Entlassung und die der Belegschaft verhindern will.


Einen kritischen Blick auf die japanischen Geschlechterverhältnisse warf Yoshida dagegen im Melodram "Akitsu Onsen ("Akitsu Springs", 1963), in dessen Zentrum ein kriegstraumatisierter Mann und eine lebensbejahende Wirtstochter stehen, die sich zwar lieben, aber über Jahrzehnte nicht zueinander finden. In diesem Film spielte erstmals Okada Mariko die Hauptrolle, die Yoshida heiratete und mit der er die Produktionsgesellschaft Gendai Eigasha gründete.


Mit Okada, die in 13 Filmen Yoshidas mitwirkte, drehte er in den folgenden Jahren sechs "Anti-Melodramen", die brisante Themen wie eine Inzestbeziehung zwischen Mutter und Sohn ("Mizu de Kakareta Monogatari" / "A Story Written with Water", 1965), eine Dreiecksbeziehung um weibliche Sexualität ("Onna no mizumi" / "Woman oft he Lake", 1966) und unerfüllte Liebe ("Saraba natsu no hikari" / "Farewell to the Summer Light", 1968 ) behandelten.


Attestiert wird diesen Filmen ein ausgereifter Stil mit einem ausdrucksstarken Einsatz von Landschaften, komplex mäandernden Erzählungen und wiederholte pointierte Erkundung der schwierigen Stellung der Frau in der japanischen Nachkriegsgesellschaft.


Als Haupt- und Schlüsselwerke Yoshidas gilt die Revolutionstrilogie "Erosu + Gyakusatsu" ("Eros + Massacre", 1969), "Rengoku eroika" (Heroic Purgatory" (1970) und "Kaigenrei" ("Coup d´État", 1973). Während in "Erosu + Gyakusatu" am Beispiel des Dreiecksverhältnisses zwischen dem 1923 ermordeten Anarchisten Osugi und seinen beiden Geliebten Parallelen zur freien Liebe der Jugendlichen der späten 1960er Jahre gezogen werden, steht im Zentrum von "Rengoku eroika" ein einst radikal revolutionärer Ingenieur der japanischen Atombehörde, der widerwillig zum Staatsdiener wurde. "Kaigenrei" schließlich bietet ein Porträt des rechtspopulistischen Denkers Kita Ikki, der 1937 für seine Verwicklung in zwei Putschversuche hingerichtet wurde.


Nach einer 13-jährigen Pause setzte Yoshida sein Schaffen mit "Ningen no Yakusoku" ("The Promise", 1986) fort, in dem er sich mit der Sterbehilfe auseinandersetzte, und drehte zwei Jahre später mit "Arashigaoka" ("Wuthering Heights", 1988) eine ins mittelalterliche Japan verlegte Version von Emily Brontës berühmtem Roman. Nach einer weiteren Pause von 14 Jahren entstand 2002 der letzte Spielfilm Yoshidas, der daneben aber auch Fernsehfilme produzierte und Bücher schrieb. In "Kagami no onna-tachi ("Women in the Mirror") erzählt er von Frauen dreier Generationen, die das Trauma der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki gleichermaßen verbindet wie trennt.


Gespannt sein darf man jedenfalls auf diese Retrospektive Yoshidas, zu dem Filmmuseumsdirektor Michael Loebenstein meint: "Yoshida tauchte 1960 auf der Filmbühne als eines der widerspenstigen, wütenden Gesichter der japanischen Neuen Welle auf, um sich dann allmählich zu einem noch radikaleren filmischen Stilisten und Denker zu entwickeln – man stelle sich ein visuelles Talent von Antonioni kombiniert mit einer politischen Intelligenz von Pasolini vor."


Weitere Informationen und Spieltermine finden Sie hier.



Quellen: Haden Guest, Yoshida Kiju – Eros, Anarchie, Anti-Cinema, Österreichisches Filmmuseums https://www.filmmuseum.at/kinoprogramm/schiene?schienen_id=1662969204390 (abgerufen am 21.10.2022) Yoshishige Yoshida, Wikipedia - https://en.wikipedia.org/wiki/Yoshishige_Yoshida (abgerufen am 21.10.2022) Art Cinema, Counter Cinema: The Cinema of Kiju Yoshida and Mariko Okada (Harvard Film Archive) - https://harvardfilmarchive.org/programs/art-cinema-counter (abgerufen am 19.10. 2022)

60. Viennale: Retrospektive feiert heuer Yoshida Kiju (Der Standard, 19.9. 2022) -

https://www.derstandard.at/story/2000139150432/60-viennale-retrospektive-feiert-heuer-yoshida-kiju (19.10. 2022)

Ausschnitt aus "Eros + Massacre"