• Walter Gasperi

Von Fischen und Menschen


Durch einen tragischen Unfall wird das Leben der Fischzüchterin Judith, aber auch das ihres Mitarbeiters Gabriel schwer erschüttert. – Stefanie Klemm gelang mit dicht gebauter Story, bestechender Bildsprache und starkem Ensemble ein beeindruckendes Drama über Verlust und Trauer, aber auch über Schuld, Rache und Vergebung.


Schon mit der ersten Einstellung versetzt Stefanie Klemm das Publikum in die abgelegene Waldregion des Schweizer Jura. Die alleinerziehende Judith (Sarah Spale) ist mit ihrer sechsjährigen Tochter Milla (Lia Magner) mit dem Auto unterwegs. Bei einem Stopp an einer Tankstelle fordert die Mutter Milla auf, nicht zu weit wegzugehen - und schreit dann plötzlich entsetzt auf.


Abrupt bricht die Szene ab, erst rund 25 Minuten später wird "Von Fischen und Menschen" zu diesem Moment zurückkehren. Spannung ist mit diesem Einstieg, der geschickt vieles offen lässt, geweckt und ein beträchtlicher Teil der Kunst von Stefanie Klemm besteht ganz allgemein darin nicht alles auszuerzählen, sondern vieles nur anzudeuten.


Auf einem abgelegenen Hof betreibt Judith eine Forellenzucht. Im ehemals drogenabhängigen Gabriel (Matthias Britschgi) hat sie einen Mitarbeiter gefunden, der versucht in der Abgeschiedenheit von seiner Vergangenheit loszukommen und zu sich zu finden. Auch mit der kleinen Milla versteht er sich bestens, doch dann taucht Gabriels Bruder David auf, der ihn mit Nachdruck um Geld bittet. Gabriel will David zunächst loswerden, versucht dann aber doch zu helfen, doch dabei kommt es zu einem tragischen Unfall, durch den nicht nur sein Leben, sondern vor allem das von Judith schwer erschüttert wird.


Klassisch ist das zwar erzählt, aber sehr dicht ist Stefanie Klemms Drehbuch gebaut und großartig versteht es die Debütantin auch in Bildern zu erzählen. Der Dialog ist auf ein Minimum reduziert und in den Fischen sieht die Regisseurin auch eine Metapher für die Wortkargheit und Verschlossenheit der beiden ProtagonistInnen.


Viel Zeit lässt sich Klemm zunächst für die Schilderung der Arbeit auf der Forellenzucht und der Beziehungen der Figuren. Langsam, aber getragen von einem starken Ensemble – wie "Platzspitzbaby"-Hauptdarstellerin Sarah Spale - entwickelt sie die Handlung und visualisiert das Dunkel im Leben Judiths in langen und düsteren Naturbildern. Herrscht nämlich am Beginn noch heitere Sommerstimmung, so wird "Von Fischen und Menschen" bald zunehmend bedrückender und düsterer, entwickelt aber in seiner ruhigen und intensiven Bildsprache wie einem wiederkehrenden Reiher auch große Poesie.


Von grenzenlosem Schmerz und tiefster Verzweiflung führt Klemm ihre Protagonistin zu einem perfiden Racheplan, aber "Von Fischen und Menschen" wird dennoch nicht zum Rachethriller, sondern bleibt ein starkes Drama um schicksalhafte Verknüpfung und den Umgang mit Verlust und Trauer.


Dichte gewinnt dieses Drama auch durch die Konzentration auf wenige Personen und die Forellenzucht als Hauptschauplatz. Bestechend ist auch die Doppelstrategie in der Erzählweise, denn fast gleichwertig stehen die Perspektiven Judiths und Gabriels nebeneinander und geschickt wird zwischen diesen gewechselt. Auch Gabriel erscheint so als Opfer, das der nicht genau erklärten kriminellen Vergangenheit entkommen will, aber von ihr eingeholt wird.


Auch der reduzierte, aber punktgenaue Musikeinsatz trägt wesentlich zur dichten und bedrückenden Atmosphäre dieses starken Debüts bei, das auch dadurch imponiert, dass Gefühle und Dramatik nicht groß aufgebauscht werden, sondern dass die Inszenierung immer sehr zurückhaltend bleibt und den Raum dem intensiv spielenden Ensemble überlässt.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok in St. Gallen.


Trailer zu "Von Fischen und Menschen"