• Walter Gasperi

Unberechenbarer Schnellfilmer: Michael Winterbottom wird 60


Michael Winterbottom (geb. 29.3. 1961)

Um die Jahrtausendwende galt Michael Winterbottom als einer der spannendsten und vielversprechendsten Regisseure des Weltkinos. Teils mehrere völlig verschiedene Filme drehte er pro Jahr und gewann 2003 mit "In This World" bei der Berlinale den Goldenen Bären. Doch in den letzten Jahren ist es um den Briten, der am 29. März seinen 60. Geburtstag feiert, still geworden.


Was für eine Kreativität und was für eine Wandlungsfähigkeit legte Michael Winterbottom um die Jahrtausendwende an den Tag: 2002 präsentierte er in Cannes mit "24 Hour People" (2002) einen Musikfilm, in dem er die Geschichte der Musikszene Manchesters vom Punk der 1970er Jahre bis zum Rave der 1990er Jahre nachzeichnete. Kein Jahr später gewann er in Berlin mit der semidokumentarischen Schilderung der Flucht eines Jugendlichen von Afghanistan nach England in "In This World" (2002) den Goldenen Bären und ein halbes Jahr später feierte in Venedig sein dystopischer Science-Fiction-Film "Code 46" (2003) Premiere.


Auf einen Nenner lässt sich das Werk des am 29. März 1961 im nordenglischen Blackburn, Lancashire geborenen Regisseurs nicht bringen. Mit jedem Film scheint er sich neu zu erfinden. Nach einem Englischstudium in Oxford belegte er an der Bristol University und der Polytechnic of Central London die Fächer Film und Fernsehen, um dann als Cutter und Projektentwickler beim Fernsehen zu beginnen.


Als seine Vorbilder nennt er Godard, Fassbinder, Herzog, Fellini, Bertolucci, Scorsese und Altman, aber auch den Briten Lindsay Anderson, bei dessen Serie "British Cinema" er mitarbeitete, und Ingmar Bergman, über den er 1989 mit "Ingmar Bergman: "The Magic Lantern" fürs Fernsehen seinen ersten Dokumentarfilm drehte.


Sein Kinodebüt legte er 1995 mit "Butterfly Bliss" (1995) vor, in dem er von einem lesbischen Pärchen erzählt, das männermordend durch England zieht. Anschließend ging es Schlag auf Schlag: 21 Spielfilme drehte Winterbottom in den folgenden 20 Jahren, erst seit etwa 2015 scheint er sich mehr Zeit zu lassen. Kein Wunder ist, dass der Brite angesichts dieser Schaffenswut keinen seiner Filme nach Abschluss der Arbeit nochmals anschaut…. er arbeitet ja immer schon am nächsten.


Doch nicht nur sein Arbeitstempo, sondern auch seine Wandlungsfähigkeit suchen ihresgleichen. Drei Romane von Thomas Hardy hat er zwar verfilmt, doch während er sich bei "Jude" ("Herzen im Aufruhr", 1996) um Werktreue bemühte und die Geschichte um einen Handwerker, der von einem Universitätsstudium träumt, wie Hardy im Viktorianischen England des ausgehenden 19. Jahrhunderts ansiedelt, verlegte er Hardys "The Mayor of Casterbridge" bei "The Claim" ("Das Reich und die Herrlichkeit", 2000) in den amerikanischen Westen der 1860er Jahre. Drehte der Brite damit einen bildgewaltigen Western um Schuld und Sühne, so verlegte er für "Trishna" (2011) die Handlung von Hardys berühmtestem Roman "Tess" ins Indien der Gegenwart.


Literaturverfilmungen stehen mit der Aufarbeitung des Falls um Amanda Knox, die 2007 in Perugia eine Mitbewohnerin getötet haben soll, in "The Face of an Angel" ("Die Augen des Engels", 2014) oder der Entführung des "Wall Street Journal"-Reporters Daniel Pearl durch militante Islamisten im Jahr 2002 in "A Mighty Heart" ("Ein mutiger Weg, 2007) die Fiktionalisierungen realer Geschichten gegenüber.


Immer wieder lässt Winterbottom auch die Grenzen zwischen Spiel- und Dokumentarfilm verschwimmen. So mischte er in "Welcome to Sarajewo" (1997) originale Videoaufnahmen und inszenierte Szenen, um ein möglichst realistisches Bild vom Jugoslawienkrieg zu vermitteln. Und in "The Road to Guantanamo" (2006) zeichnete er das Schicksal von drei junger Briten mit pakistanischen Wurzeln, die während einer Reise in Afghanistan festgenommen und im US-Gefangenenlager Guantanamo zwei Jahre lang als Terror-Verdächtige festgehalten wurden, durch die Kombination von Interviews, realen Medienberichten und nachgestellten Szenen nach.


So wandlungsfähig aber Winterbottom, der in "Nine Songs" (2004) mit der Reduktion auf eine Abfolge von Konzert-Mitschnitten und expliziten Sexszenen auch die Grenzen der Darstellung von Sexualität im Kino auslotete, auch ist, so ist doch nicht zu übersehen, dass es nach dem Hype um die Jahrtausendwende um den Briten eher still geworden ist und im letzten Jahrzehnt kaum mehr einer seiner Filme auf eines der großen Festivals eingeladen wurde.


So fanden auch weder sein Dokumentarfilm "On the Road" (2016), in dem er eine Tournee der britischen Rock Band Wolf Alice durch Großbritannien und Irland begleitet, und sein satirischer Blick auf das Streben nach Reichtum in "Greed" (2019) einen Verleih im deutschsprachigen Raum. Dennoch bleibt die Hoffnung, dass Winterbottom, der am 29. März seinen 60. Geburtstag feiert, vielleicht doch noch einmal ein Comeback gelingt und er die großen oder zumindest den großen Film vorlegen wird, den man vor 20 Jahren von ihm erwartet hat.


Trailer zu "The Claim - Das Reich und die Herrlichkeit"