• Walter Gasperi

Un triomphe


Ein erfolgloser Schauspieler übernimmt die Theatergruppe eines Gefängnisses und studiert mit ihr Samuel Becketts "Warten auf Godot" ein. - Angeführt von einem groß aufspielenden Kad Merad entwickelt sich Emmanuel Courcols Komödie sowohl zu einer leidenschaftlichen Liebeserklärung ans Theater als auch zum bewegenden Einblick in die Situation von Häftlingen.


Am Beginn steht wieder einmal das Insert "Inspiriert von wahren Ereignissen", mit der die unglaubliche Geschichte um eine Theatergruppe von Häftlingen, die große Erfolge feiert, beglaubigt werden soll. 1985 hat der schwedische Schauspieler und Regisseur Jan Jönson mit Häftlingen Samuel Becketts "Warten auf Godot" inszeniert und anschließend einen Monolog über dieses Theaterprojekt geschrieben, den er über 300 mal in Gefängnissen Europas und der USA aufführte.


Emmanuel Courcol verlegt die Geschichte nach Lyon. Schon mit dem Auftakt, in dem die Kamera dem erfolglosen Schauspieler Étienne (Kad Merad) durch ein Gefängnis folgt, versetzt er die Zuschauer*innen in die Perspektive seines Protagonisten. Fast in jeder Szene wird der von Kad Merad mit sichtlicher Leidenschaft gespielte Mittfünfziger präsent sein. Man spürt, wie neu die Gefängniswelt für ihn ist, wie unsicher er sich zunächst fühlt.


Eine Theatergruppe von Häftlingen soll Étienne hier übernehmen. Doch während diese bisher nur Fabeln von La Fontaine einstudierten, glaubt Étienne bald, dass mehr aus ihnen herauszuholen ist. Weil er frappante Parallelen zwischen Samuel Becketts "Warten auf Godot" und der Situation dieser Häftlinge erkennt, will er mit ihnen diesen Klassiker des absurden Theaters auf die Bühne bringen. Wie die Protagonisten von Becketts Stück nämlich erfolglos auf Godot warten, bestimmt auch ständiges Warten Leben und Alltag der Häftlinge.


Dass sie weder Beckett noch das Stück kennen und auch noch nie etwas von absurdem Theater gehört haben, spielt dabei keine Rolle. Leicht kann Étienne sie mit dem Hinweis, dass Beckett Nobelpreisträger und sein Stück weltberühmt ist, für das Projekt begeistern.


Wird zunächst während der Besuchszeiten geprobt, setzt Étienne bald bei der Direktorin durch, dass seine Schützlinge Ausgang bekommen, sodass in einem echten Theater gearbeitet werden kann. Als die erste öffentliche Aufführung ein großer Erfolg wird, folgen bald Angebote für weitere Auftritte, doch immer droht für Étienne dabei freilich die Gefahr, dass die Häftlinge die Gelegenheit zur Flucht nutzen.


Immer wieder werden aber auch Spannungen zwischen den Häftlingen sichtbar, die mehrfach zu eskalieren drohen, während Étienne wiederum immer wieder in Verhandlungen mit der Direktorin Sonderregelungen für seine Truppe erkämpfen muss. Aber auch das schikanöse Auftreten der Wärter, die wenig Verständnis für dieses Projekt an den Tag legen, sorgt für Konfliktpotential.


Große Authentizität entwickelt die Komödie durch den Dreh im realen Gefängnis Meaux-Chauconin, doch vor allem ist das ein Schauspielerfilm. Da brilliert nicht nur Merad, sondern trefflich besetzt sind auch die Häftlinge, hinter deren Abgebrühtheit auch Zerbrechlichkeit sichtbar wird. Denn da wünscht sich Kamel (Sofian Khammes) vor allem endlich wieder einmal seinen siebenjährigen Sohn zu sehen, der ihm die letzten vier Jahre vorenthalten wurde, der Flüchtling Moussa (Wabinlé Nabié) kann sich mit seiner jahrelangen Irrfahrt von Afrika über Gibraltar nach Frankreich in die Situation von Wladimir und Estragon versetzen, ein dritter wiederum lernt mehrere Seiten Text auswendig, obwohl er kaum lesen kann.


Über Étienne, der das Projekt nicht ganz uneigennützig durchführt, sondern auch mit privaten Problemen zu kämpfen hat und mit dieser Aktion sich und der Welt beweisen will, wozu er fähig ist, gewinnt das Publikum Zugang zu diesen Gefangenen und entwickelt mit ihrem Coach Sympathie für sie. Vor allem im großen Schlussmonolog Étiennes wird dabei klar, wie sehr ihm seine Schützlinge ans Herz gewachsen sind.


Nicht unwesentlich zur Stärke von "Un triomphe" trägt aber auch das Drehbuch bei, für das Regisseur Courcol verantwortlich zeichnet. Ganz auf die Theaterproben und die Situation Étiennes und seiner Schauspieler beschränkt sich der Film und entwickelt, gegliedert durch Inserts zum Zeitraum der Proben, stringent die Handlung, die durch Montagesequenzen von Sprech- und Spielproben auch geschickt temposteigernd gerafft wird.


In der Verknüpfung der beiden scheinbar gegensätzlichen Welten von Theater und Gefängnis wird diese Komödie zur großen Hommage an Becketts "Warten auf Godot" im Speziellen und das Theater im Allgemeinen. Gleichzeitig feiert Courcol den leidenschaftlichen Einsatz und die Liebe Étiennes fürs Theater, macht den gänzlich unspektakulären, aber bedrückend-monotonen Gefängnisalltag bewusst, zeigt aber auch welch befreiende und erfüllende Kraft Theaterschauspiel und der Applaus des Publikums für diese Häftlinge hat.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino in Schaan


Trailer zu "Un triomphe"