• Walter Gasperi

Stärke hinter fragiler Fassade: Charlotte Gainsbourg


Charlotte Gainsbourg (geb. 21.7. 1971)

Äußerlich wirkt die französische Schauspielerin Charlotte Gainsbourg zerbrechlich, doch wer in drei Filmen von Lars von Trier mitwirkt, muss zweifellos über innere Stärke verfügen. Das Kinok St. Gallen widmet Gainsbourg anlässlich ihres 50. Geburtstags am 21. Juli eine Filmreihe.


Gesang und Schauspiel waren Charlotte Gainsbourg als Tochter des französischen Chansonniers und Schauspielers Serge Gainsbourg und der britischen Schauspielerin Jane Birkin quasi in die Wiege gelegt. Ihre Eltern landeten 1969 mit ihrem mehr gestöhnten als gesungenen "Je t´aime … moi non plus" einen Skandalhit, ihr Vater provozierte auch abseits davon nicht nur mit seinem exzessiven Leben, sondern auch mit einer Reggaeversion der Marseillaise oder als er 1984 bei einer Talkshow die junge Whitney Houston mit sexuellen Anzüglichkeiten belästigte.


Skandalträchtig war auch sein gemeinsam mit seiner Tochter 1984 aufgenommener Song "Lemon Incest", in dem es um die erotische Liebe zwischen Vater und Tochter geht und er sich im Video mit der 12-jährigen Charlotte im Bett räkelt. Im gleichen Jahr startete sie ihre eigene Filmkarriere. Auf Vermittlung ihrer Mutter bekam sie im Familiendrama "Paroles et musique" ("Gesang zu dritt", 1984) eine Rolle an der Seite von Catherine Deneuve und Christopher Lambert, entscheidend für ihren künstlerischen Durchbruch wurde aber der Regisseur Claude Miller.


Für ihre Darstellung in Millers "L´effrontée" ("Das freche Mädchen", 1985) wurde die 15-jährige als beste Nachwuchsdarstellerin mit einem César ausgezeichnet, drei Jahre später wiederholten Miller und Gainsbourg die erfolgreiche Zusammenarbeit bei "La petite voleuse" ("Die kleine Diebin", 1988). Nach einem unverfilmten Drehbuch von Francois Truffaut erzählt Miller darin ganz im Stil des 1984 verstorbenen Mitbegründers der Nouvelle Vague von einer 16-Jährigen, die fehlende Liebe durch Diebstähle kompensiert, in einem Erziehungsheim landet und sich schließlich für eine selbstständige Gestaltung ihrer Zukunft entscheidet.


Wie in "Léffrontée" beeindruckt Gainsbourg, der diese Rolle die erste César-Nominierung in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin brachte, als zierlicher, zerbrechlich wirkender Teenager, der aber zunehmend Entschlossenheit an den Tag legt.


An der Seite ihrer Mutter Jane Birkin spielte sie in den zwei Agnès Varda-Filmen "Kung Fu Master" ("Die Zeit mit Julien", 1988) und dem Porträtfilm "Jane B. par Agnes V." (1988), während Vater Serge mit ihr mit "Charlotte for Ever" (1986) eine Vater-Tochter-Geschichte inszenierte, in der wie im Song "Lemon Incest" die erotische Liebe zwischen Vater und Tochter thematisiert wird. Als 1993 mit "The Cement Garden" eine von ihrem Onkel Andrew Birkin gedrehte Ian McEwan-Verfilmung erschien, in der es wiederum um Inzest ging, schien Charlotte Gainsbourg schon in ein bestimmtes Rollenfach gedrängt zu werden, befreite sich aber problemlos von dieser Kategorisierung.


Leichte Komödien drehte sie unter der Regie von Yvan Attal, mit dem sie seit 1991 zusammenlebt, mit "Ma femme est une actrice" (2001) und "Ils se mariérent et eurent beaucoup d´enfants" ("Happy End mit Hindernissen", 2004) ebenso wie ab Alejandro González Iñárritus "21 Grams" (2003) internationale Arthouse-Filme. Problemlos kann sie dabei zwischen englischsprachigen und französischen Produktionen wechseln, denn beide Sprachen spricht sie aufgrund ihrer englisch-französischen Eltern akzentfrei.


In Todd Haynes´ Bob Dylan-Film "I´m Not There" (2007) wirkte sie so ebenso mit wie in Michel Gondrys verspieltem "The Science of Sleep" (2006). In Emanuele Crialeses um 1900 spielendem "Golden Door" (2006) verkörpert sie eine Engländerin, die per Schiff in die USA emigrieren will, während sie in Wim Wenders´ Drama "Every Thing Will Be Fine" (2015) eine Mutter spielt, die einen Sohn durch einen Autounfall verliert.


Auch im Mainstream-Kino wie in Ronald Emerichs "Independence Day: Resurgence" (2016) oder in Thomas Alfredsons Jo Nesbø-Verfilmung "The Snowman" (2017) wirkte Gainsbourg, die nie eine Schauspielschule besuchte, in den letzten Jahren mit, nachhaltig in Erinnerung bleiben aber vor allem ihre drei Hauptrollen in Filmen von Lars von Trier.


Bis zum Äußersten geht sie – und auch Willem Dafoe – in dem Zweipersonenfilm "Antichrist" (2009), in dem sie ein namenlos bleibendes Paar spielen, das sein Kind verloren hat. Um den Verlust zu verarbeiten ziehen sie sich in ein Waldhaus zurück, doch statt Erlösung zu finden, zerfleischen sie sich selbst und gegenseitig. Schwer zu ertragen ist dieses düstere Drama, in dessen Verlauf Gainsbourg den Penis von Dafoe zerschmettert und sich selbst die Klitoris abschneidet, doch die Inbrunst der Inszenierung und des Spiels des Duos packt und verstört.


Trotz dieser zweifellos ungemein fordernden Rolle übernahm die zierliche Französin auch im nächsten Film des stets provozierenden Dänen eine Hauptrolle. Im bildmächtigen und betörend schönen "Melancholia" (2011) spielt sie die rationale ältere Schwester einer manisch-depressiven jungen Frau (Kirsten Dunst), die glaubt, dass der Weltuntergang bevorstehe. In höchstem Maße fordernd war dann auch die Arbeit an von Triers zweiteiligem "Nymphomaniac" (2013), in dem sie eine sexsüchtige Frau spielt, die einem alten Mann in acht Kapiteln von ihrem Leben und ihren Affären erzählt.


Erholung scheint Gainsbourg dazwischen immer wieder in leichteren Komödien oder Tragikomödien zu finden wie in Eric Toledanos und Olivier Nakaches "Samba" ("Heute bin ich Samba", 2014), in dem sie eine Karrierefrau spielt, die sich nach einem Burnout ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert. Aber auch die Zusammenarbeit mit ihrem Lebenspartner Yvan Attal dürfte Entspannung von schwergewichtigen Projekten bringen. Zuletzt drehte sie unter dessen Regie und nicht nur mit ihm als Ehepartner, sondern auch mit einem ihrer drei Kinder "Mon chien stupide" ("Der Hund bleibt", 2019), in dem ein Schriftsteller mit einer Midlife-Crisis zu kämpfen hat.


Mit der Schauspielerei ist es bei Charlotte Gainsbourg aber nicht getan, denn regelmäßig betätigt sie sich auch als Sängerin. 50 wird sie nun am 21. Juli und gespannt darf man jedenfalls sein, was sie ihrer jetzt schon reichen und vielfältigen Karriere in den kommenden Jahren noch hinzufügen wird.


Detailinformationen zu den gezeigten Filmen unter Spieldaten finden sie auf der Webseite des Kinok St. Gallen