• Walter Gasperi

Schillernd, facettenreich, androgyn: Tilda Swinton


Tilda Swinton (geb. 5.11. 1960)

Mit Filmen von Derek Jarman und Sally Potter wurde Tilda Swinton berühmt. Inzwischen pendelt sie zwischen Arthouse und Blockbuster-Kino und drückt mit ihrer Präsenz und ihrem markanten Aussehen immer wieder Filmen den Stempel auf. Das Filmpodium Zürich widmet der 1960 geborenen Schottin derzeit eine Filmreihe.


Mit ihrer Größe von 1,80 Meter und ihrer schlaksigen Statur fällt sie in jedem Film ebenso sofort auf wie mit ihrem blassen, androgynen Gesicht. Derek Jarman entdeckte die aus einem der ältesten schottischen Clans stammende Schauspielerin für seinen Künstlerfilm "Caravaggio" (1986).


Bis zu Jarmans Tod im Jahr 1994 übernahm sie in jedem weiteren seiner Filme eine Rolle. Für ihre Verkörperung der Königin Isabella in Jarmans "Edward II." (1991) wurde sie bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Preis als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Nicht nur das Interesse an künstlerisch radikalen Filmen, sondern auch an politischen Inhalten verband sie mit Jarman, der trotz des offiziellen Verbots sowohl in "Caravaggio" als auch in "Edward II." Homosexualität thematisierte und den historischen Stoff mit einem aktuellen Plädoyer für Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben verband.


Eine Paraderolle fand Swinton in Sally Potters Adaption von Virginia Woolfs Roman "Orlando" (1992). Nicht nur vom frühen 17. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert lässt Woolf die Titelfigur darin reisen, sondern auch das Geschlecht wechseln und diskutiert so auch die Herrschaft des Mannes und den Wandel der Geschlechterrollen im Lauf der Zeit.


Mit Hosenrollen auf der Bühne hatte sich die androgyne Schauspielerin freilich schon in den 1980er Jahren nach ihrem Studium der Sozial- und Politikwissenschaften in Cambridge auf solche fließenden Geschlechterwechsel vorbereitet. So spielte sie Mozart in Puschkins "Mozart und Salieri" und in Manfred Krages "Man to Man" eine Frau, die im Dritten Reich in die Rolle ihres verstorbenen Mannes schlüpft.


Ihr markantes Aussehen prädestinierte Swinton immer wieder für die Verkörperung außergewöhnlicher Figuren. So spielte sie in Peter Wollens "Friendship´s Death" (1987) eine Außerirdische, die als Botschafterin auf die Erde geschickt wird, in Susan Streitfelds "Female Perversions" (1996) eine neurotische, bisexuelle Juristin und im Fantasyfilm "Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia" (2005) die "Weiße Hexe Jadis".


Mühelos wechselt sie dabei auch zwischen spektakulärem Blockbuster-Kino wie Danny Boyles "The Beach" (2000) oder den Marvel-Superheldenfilmen "Dr. Strange" (2016 und "Avengers: Endgame" (2019), ), in denen sie eine keltische Weise spielte, und Arthouse-Filmen. Oft bleibt sie dabei einem Regisseur auch treu. Für Jim Jarmusch spielte sie so eine verflossene Geliebte Bill Murrays in "Broken Flowers" (2005) ebenso wie in "Only Lovers Left Alive" (2013) eine im marokkanischen Tanger lebende Vampirin, die sich vor allem für Literatur interessiert, und auch in dessen Zombiefilm "The Dead Don´t Die" (2019) wirkte sie mit.


Zum fixen Team von Wes Anderson, in dessen letzten Film "The French Dispatch" (2021) sie eine Kunstkritikerin spielte, gehört sie seit "Moonrise Kingdom" (2012) ebenso wie zu den StammschauspielerInnen von Luca Guadagnino von "I am Love" (2009) bis zum Horrorfilm "Suspiria" (2018).


Eindrücklich verkörperte sie aber auch in Lynne Ramsays "We Need to Talk About Kevin" (2011) eine Mutter, die nicht fähig ist, ihr Kind zu lieben. Eine unberechenbare Alkoholikerin spielt sie dagegen in Eric Zoncas "Julia" (2008). Mit Fortdauer zunehmend durchgedreht mag die Story dieser Version von John Cassavetes´ "Gloria" sein, doch Swinton trägt mit ihrem entfesselten Spiel, bei dem sie auch großen Mut zur Hässlichkeit beweist, diesen filmischen Trip, der durch fiebrige Kameraarbeit, grelle Überbelichtungen und einen nervösen Schnitt die Anspannung der Protagonistin nach außen kehrt.


In Bong Jong-Hoos Thriller "Snowpiercer" (2013), in dem sich die Unterschicht in einem durch eine Eislandschaft rasenden Zug gegen die Oberschicht erhebt, spielte die Schottin, die während ihrer Studienzeit Mitglied der Kommunistischen Partei Großbritanniens war, dagegen ganz im Gegensatz zu ihrer politischen Position eine tyrannische Ministerin, die versucht den Aufstand brutal niederzuschlagen. Gespannt sein darf man auch auf Apichatpong Weerasethakuls "Memoria" (2021), in dem sie sich als unter Schlafproblemen leidende Frau ins kolumbianische Bogota begibt, um ihre Schwester zu besuchen.


Den Oscar als beste Nebendarstellerin erhielt sie allerdings für eine konventionellere Rolle: 2007 konnte sie als Anwältin eines Chemiekonzerns in Tony Gilroys Thriller "Michael Clayton" die Academy überzeugen.


Swintons Engagement und Experimentierfreude gehen aber übers Schauspiel hinaus. So trat sie 1996 im Musikvideo zu "The Box" des Electronica-Duos Orbital auf, wirkte 2009 bei drei Songs des britischen Musikers Patrick Wolf mit, organisierte 2008 zusammen mit dem Dokumentarfilmer Mark Cousins ein Filmfestival in ihrer schottischen Heimat und tourte 2009 mit einem mobilen Kino durch Schottland.


2015 hat die engagierte und enorm vielseitige Schauspielerin, die 2020 auch mit einem Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, zusammen mit Colin MacCabe, Christopher Roth und Bartek Dziadosz auch ihr Regiedebüt vorgelegt: Im vierteiligen dokumentarischen Essayfilm "The Seasons in Quincy: Four Portraits of John Berger" besuchen die vier Filmemacherinnen den 2017 verstorbenen britischen Maler, Künstler und Autor in seinem Haus im französischen Alpendorf Quincy und zeichnen vier sehr persönliche Porträts.


Die Filmreihe im Filmpodium Zürich bietet nicht nur einen Einblick in die Vielfalt von Swintons Rollen und ihre Wandlungsfähigkeit, sondern die Schauspielerin wird am 31. Mai auch persönlich zu einem Gespräch nach Zürich kommen und sich mit dem WOZ-Kulturredaktor Florian Keller über ihre Karriere unterhalten.


Weitere Informationen und Spieldaten finden Sie hier.


Arte-Doku über Tilda Swinton (25 min.)