• Walter Gasperi

Photo de famille - Das Familienfoto

Cecilia Rouaud gelang mit ihrem zweiten Spielfilm eine warmherzige, aber nie sentimentale Dramödie über eine zerstrittene Familie, die die Sorge um die demente Großmutter langsam wieder zusammenführt. – Eint trotz schwerer Themen leichthändiger Film, der von einem lustvoll aufspielenden Ensemble getragen wird.


Hochzeiten und Beerdigungen sind im Kino beliebte Anlässe, um Familienmitglieder, die kaum Kontakt haben, wieder zusammenzuführen. In „Photo de famille“ bilden zwei Beerdigungen die erzählerische Klammer, dazwischen spielt sich die Entwicklung der Figuren und ihrer Beziehungen ab.


Beim Begräbnis ihres Großvaters treffen die drei erwachsenen Geschwister Gabrielle (Vanessa Paradis), die als lebende Statue arbeitet, die Sozialarbeiterin Elsa (Camille Cottin) und der etwas jüngere Mao (Pierre Deladonchamps), der ein erfolgreicher Game-Entwickler ist, nicht nur auf ihren Vater (Jean-Pierre Bacri) und dessen deutlich jüngere Partnerin und ihre Mutter, sondern auch auf die demente Großmutter.


Der Vater würde die Oma am liebsten ins Altersheim abschieben, doch für seine Kinder kommt das nicht in Frage, zumal die betagte Frau beim Begräbnis erklärt, dass sie in St. Julien sterben wolle. Abwechselnd nehmen die Enkel die Oma so zu sich, nur Mao weigert sich. Weil Oma aber immer wieder heimlich abhaut und versucht am Bahnhof ein Ticket nach St. Julien zu kaufen, kann dies keine Dauerlösung sein und bald sieht sich der Vater doch nach einem Heimplatz um.


Im Grunde erzählt Cecilia Rouaud eine Familiengeschichte, wie man sie so ähnlich schon oft im Kino gesehen hat, doch die leichthändige Inszenierung, der feinfühlige Blick und nicht zuletzt ein großartiges Ensemble lassen dies rasch vergessen. Das liegt auch daran, dass Rouaud nicht versucht Dramatik oder Witz zu forcieren, sondern immer Bodenhaftung wahrt und damit glaubwürdig bleibt.


Geschickt wechselt sie auch zwischen den verschiedenen Familienmitgliedern, von denen alle außer der ganz in sich ruhenden und meist selig lächelnden Großmutter mit persönlichen Problemen zu kämpfen haben. Vor allem Mao hat nie verkraftet, dass sich die Eltern früh scheiden ließen, leidet nun an Depressionen, ist suizidgefährdet und unfähig zu einer Beziehung.


Sein Job als Game-Entwickler, bei dem er für sich arbeiten kann, scheint ebenso eine Folge der Vernachlässigung als Kind zu sein, wie Gabrielles Tätigkeit als schweigende Statue, bei der sie sich immer als Weisheitsgöttin Athene verkleidet, die sie wohl gerne wäre. Elsa dagegen scheint als Sozialarbeitern den Schwachen die Hilfe und Nähe geben zu wollen, die sie als Kind nie erhalten hat.


Zusätzliche Belastungen stellen sich bald ein. Die alleinerziehende Mutter Gabrielle muss nämlich akzeptieren, dass sich ihr etwa zehnjähriger Sohn, weil er sich schämt, dass seine Mutter als Touristenattraktion auftritt, zunehmend von ihr abwendet und zu seinem Vater ziehen möchte, während die Beziehung Elsas an einem bislang unerfüllten Kinderwunsch zu zerbrechen droht. Und der Vater muss mit der Tatsache fertig werden, dass er mit 60 nochmals Vater wird.


Nicht nur für die Großmutter ist so St. Julien, in dem die Familie einst den Sommer verbrachte, ein Sehnsuchtsort, sondern auch für die drei Geschwister, die damit eine unbeschwerte und glückliche Kindheit assoziieren. Konkretisiert wird dieses Glück in dem titelgebenden Foto der drei Geschwister aus dieser Zeit. Immer stärker wird so der Wunsch diese Harmonie wieder zu finden.


Leicht hätte diese Geschichte in Sentimentalität abgleiten können, aber der lockere Erzählton, die pointierten Dialoge und die perfekt besetzten Charaktere verhindern dies. Lustvoll spielt Jean-Pierre Bacri ein weiteres Mal den schroffen Geschäftsmann, der für seine Familie nie Zeit hatte und Vanessa Paradis brilliert als gestresste Gabrielle, die sich auch um die Oma kümmern möchte. Einfühlsam machen auch Pierre Deladonchamps Maos Orientierungslosigkeit und Unsicherheit und Camille Cottin Elsas Belastung durch den unerfüllten Kinderwunsch erfahrbar, während Chantal Lauby als überbesorgte Mutter und Psychotherapeutin für witzige Momente sorgt. – Insgesamt ist „Photo de famille“ so sanftes und charmantes, bestechend rund erzähltes Feelgood-Kino, bei dem man sich nie unter Niveau unterhält.


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Trailer zu "Photo de famille - Das Familienfoto"