• Walter Gasperi

My Zoe


Nach lockeren Beziehungskomödien legt Julie Delpy mit ihrer siebten Regiearbeit ein Mutter-Tochter-Drama vor, das aktuelle ethische Fragen verhandelt. Stark gespielt und dicht inszeniert, leidet der Film im zweiten Teil an seiner Thesenhaftigkeit.


Voll eingespannt in ihren Job ist die franko-amerikanische Genetikerin Isabelle (Julie Delpy), dennoch ist das wichtigste in ihrem Leben ihre siebenjährige Tochter Zoe (Sophia Ally). Mit ihrem britischen Mann James (Richard Armitage) ist sie vor einigen Jahren wegen seines Berufs als Architekt nach Berlin gezogen, doch inzwischen hat sich das Paar getrennt.


Isabelle hat einen neuen Freund gefunden, James aber will sie zurückgewinnen. Bei jeder Begegnung kommt es zu einem Streit: Er wirft ihr vor, egoistisch zu sein und ihren Beruf über alles zu stellen, sie ihm Gefühlskälte und Eifersucht auf ihren neuen Freund. Hauptkonfliktpunkt ist aber das Sorgerecht für Zoe, das durch einen Vertrag geregelt werden soll, denn beide wollen möglichst viel Zeit mit ihrer Tochter verbringen.


Als dichtes Beziehungsdrama, dessen Ernst auch durch die zupackende Inszenierung, harte und schnelle Schnitte sowie den Verzicht auf Filmmusik verstärkt wird, beginnt „My Zoe“ so, schlägt aber eine ganz neue Richtung ein, als Zoe eines Morgens von Isabelle bewusstlos im Bett vorgefunden wird und im Krankenhaus eine schwere Hirnblutung festgestellt wird.

Angst um das Kind und schließlich nahezu unerträglicher Schmerz und Trauer rücken ins Zentrum, aber Delpy treibt die Handlung weiter, denn auf ihre Tochter will die Mutter auf keinen Fall verzichten, will sich auch nicht damit abfinden, dass sie ein zweites Kind bekommen könnte, sondern will IHRE Zoe zurück.


Die 50-jährige Delpy hat sich mit diesem durchwegs ernsten Drama nicht nur weit von ihren leichten und von Dialogwitz lebenden Beziehungskomödien wie „Zwei Tage Paris“ und „Zwei Tage New York“ entfernt, sondern auch gleich mindestens zwei Filme in einen gepackt. - Ganz überzeugen kann dabei letztlich aber keiner.


Das am Beginn stehende Beziehungsdrama packt zwar, ist aber als Exposition für das Folgende zu breit ausgeführt. Einfühlsam und bewegend arbeitet Delpy aber hier durch ihren empathischen Blick auf Zoe und den Umgang von Vater und Mutter mit ihr heraus, wie sehr die Eltern ihre Tochter lieben und welchen Stellenwert sie für sie hat. Diese Vermittlung der intensiven emotionalen Beziehung ist Basis nicht nur für die emotionale Erschütterung der Eltern durch das Schicksal ihrer Tochter, sondern auch für Isabelles folgenden Plan.


Finden sich dabei schon im ersten Teil in dem scheinbar in der Gegenwart spielenden Drama mit einem Smartphone, das wie eine Armbanduhr um das Handgelenk gelegt werden kann, oder einem zerknüllbaren Notepad futuristische Elemente, so verstärkt sich diese Science-Fiction-Ebene, wenn Isabelle im zweiten Teil einen Arzt (Daniel Brühl) in Moskau aufsucht.


Die ethischen Fragen, die bei dieser Konsultation aufgeworfen werden, sind zwar brennend aktuell, doch allzu thesenhaft werden sie hier abgehandelt. Das Anliegen und die Diskussion des Themas verdrängen hier die filmische Erzählung. Allzu schulbuchmäßig werden in den Gesprächen Pro und Kontra von Isabelles Anliegen durchdekliniert.


Inhaltlich ist das zwar zweifellos spannend, aber die Figuren werden hier zu Funktionsträgern degradiert, gewinnen kein eigenes Profil, der Handlung fehlt es an eigenem Leben. Delpy freilich bezieht mit dem provokanten Schlussbild klar Stellung in dieser Frage und stellt das Selbstbestimmungsrecht der Frau über alle ethischen Bedenken. – Zu Diskussionen anregen kann und soll dieses zwar glänzend gespielte, aber zerrissene und inhomogene Drama aber auf jeden Fall.


Zu empfehlen ist bei diesem Film auf jeden Fall eine Originalfassung (mit Untertitel), denn irritierend wirkt in der synchronisierten Fassung, wie sowohl in Berlin nicht nur Isabelle und ihr britischer Mann, sondern auch Krankenhauspersonal und Babysitterin ebenso konsequent deutsch sprechen wie in Moskau der deutsche Arzt und seine Familie. – Die Beseitigung der Mehrsprachigkeit, die es im Original wohl teilweise geben muss, beeinträchtigt die atmosphärische Stimmigkeit erheblich.


Läuft derzeit im Cinema Dornbirn (deutsche Fassung), im Skino Schaan und im Scala in St. Gallen (jeweils O.m.U.)


Trailer zu "My Zoe" (Achtung: Spoiler - die ganze Handlung wird verraten)