• Walter Gasperi

Lovecut


In lockerem Fluss folgen Iliana Estañol und Johanna Lietha sechs Jugendlichen durch Wien, erzählen von Sehnsüchten und Liebe, aber auch von Ängsten in Zeiten der digitalen Medien. – Ein unverkrampftes und leichthändiges, dank nah geführter Handkamera und natürlichen Schauspieler*innen authentisches und stimmungsvolles Porträt heutiger Jugendlicher.


Die 16-jährige Schülerin Anna (Sara Toth) und der etwas ältere Jakob (Kerem Abdelhamed) sind schon länger ein Paar. Der seit einem Autounfall im Rollstuhl sitzende Alex (Valentin Gruber) und Momo (Melissa Irowa), die immer wieder betont, dass sie aus Russland kommt, kennen sich dagegen bislang nur via Internet und Momo weiß nichts von Alex´ Behinderung. Über Tinder lernen sich auch Momos Freundin Luka (Lou von Schrader) und der 17-jährige Ben (Max Kuess) kennen, der freilich verschweigt, dass er nach diverser Vergehen – vermutlich Motorraddiebstähle – nur auf Bewährung in Freiheit ist.


Nur lose verbinden die Mexikanerin Iliana Estañol und die Zürcherin Johanna Lietha in ihrem Spielfilmdebüt die Geschichten dieser drei Paare. Leichthändig wechseln sie zwischen ihren Protagonist*innen, folgen bald dem einen Paar, dann wieder dem anderen. Bei Anna und Jakob steht die ständige Präsenz des Smartphones im Zentrum. Festgehalten wird damit, wie sie sich küssen und sich lieben, bis Jakob die Idee ins Spiel bringt, dass man damit Geld machen könnte, indem man diese Videos ins Internet stellt. Mit dem Geld könnte sich Anna auch endlich eine eigene Wohnung leisten, denn mit ihren Eltern kommt sie schon länger nicht mehr aus.


Zwar kommen kurz Bedenken auf, dass auch Bekannte die Videos sehen könnten, dann wird aber die Gefahr angesichts der Fülle der betreffenden Internetseiten doch als gering eingestuft. Alex dagegen hat Angst sich mit Momo im realen Leben zu treffen, denn er fürchtet, dass sie sich von ihm abwendet, wenn sie seine Behinderung entdeckt. Doch letztlich ist seine Sehnsucht nach einer Beziehung größer, während Luka gerade Angst vor Gefühlen und einer tieferen Beziehung hat. Und Ben schließlich fürchtet bei der nächsten krummen Tour im Gefängnis zu landen, lässt sich dennoch auf Motorraddiebstähle und schließlich auf Lukas Drängen auch auf einen Einbruch ein.


Nah dran ist die bewegliche Handkamera von Steven Heyse und Georg Geutebrück an den sechs Protagonist*innen. Ungekünstelt und wie improvisiert wirkt die Erzählweise über weite Strecken, nur wenige Szenen machen einen etwas hölzernen Eindruck. Wesentlich zum Gelingen des Films trägt auch das zu einem großen Teil aus Laien bestehende Ensemble bei, für das über 300 Jugendliche gecastet wurden. Dicht und authentisch werden durch die frische Inszenierung und das natürliche Spiel der Jugendlichen die Gefühle eingefangen.


Ganz auf Augenhöhe mit diesen Teenagern sind Estañol und Lietha, ihr Umfeld wird mit Ausnahme der Eltern und von Bens Bewährungshelfer ausgespart. Klischeehaft ist zwar die Zeichnung der Eltern, doch dieser Konflikt macht auch das Spannungsfeld zwischen Erwachsenen und Jugendlichen, zwischen Sicherheitsdenken und dem Wunsch Dinge auszuprobieren sichtbar. Wenig kann hier bei Ben auch sein Bewährungshelfer ausrichten, der versucht seinem Schützling neue Perspektiven aufzuzeigen, denn Ben blockt ab, kann sich nicht vorstellen eine Lehre zu beginnen.


Den Coming-of-Age-Film erfinden Estañol und Lietha zwar nicht neu, erzählen aber in ihrem offen endenden Episodenfilm unverfälscht und echt und bringen mit der heutigen Rolle von Internet und sozialen Medien aktuelle Aspekte ins Spiel. Da geht es dann auch nicht nur um Wünsche und Sehnsüchte sowie um Ängste, die verhindern, dass man dem Anderen gegenüber offen und ehrlich ist, sondern auch um Täuschungen und Gefahren durch die neuen Medien.


Läuft ab 20. Mai in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok in St. Gallen


Trailer zu "Lovecut"