• Walter Gasperi

Im Rausch der Farben: Zhang Yimou


Von kunstvoll stilisierten Arthouse- bis zu spektakulären Martial-Arts-Filmen spannt sich die Bandbreite des Werks von Zhang Yimou. Allen gemeinsam ist ein Gespür für expressive Farbdramaturgie. Das Filmpodium Zürich widmet dem 1951 (nach anderen Angaben auch 1950) geborenen chinesischen Meisterregisseur bis Mitte November eine Retrospektive.


Schon mit seinem Debüt "Das rote Kornfeld" (1988) gelang Zhang Yimou der internationale Durchbruch. In überwältigenden Bildern erzählte Yimou darin von einer jungen Frau, die im vorkommunistischen China der 1920er Jahre gegen die gesellschaftlichen Zwänge rebelliert, aber auch vom Schrecken der japanischen Invasion in den 1930er Jahren.


Dass sich Yimou, der als Sohn eines Mitglieds der Kuomintang-Nationalarmee während der Kulturrevolution (1966 – 1978) von der Schule suspendiert wurde und auf dem Land in einer Textilfabrik arbeiten musste, aber nicht auf den Arthouse-Film festlegen lassen wollte, zeigte er schon mit dem folgenden Actionthriller "Deckname Puma" (1988). Blieb dieser im Westen freilich nahezu unbeachtet, so feierte er mit der Schilderung von Frauenschicksalen in "Judou" (1989) und "Rote Laterne" (1991) Erfolge auf den großen westlichen Filmfestivals.


Auch seine damalige Lebenspartnerin Gong Li, die jeweils die Hauptrolle spielte, stieg mit diesen Filmen zum Star auf. Aber nicht nur Gong Li verbindet diese Filme, sondern auch die expressive Farbdramaturgie und die Fokussierung auf einer starken Frau, die sich gegen die repressive feudale Gesellschaft auflehnt.


Erst mit "Die Geschichte der Qiu Ju" (1992), in dem ebenfalls Gong Li die Hauptrolle spielte, wandte sich Zhang Yimou der Gegenwart zu. An die Stelle der Stilisierung der vorangegangenen Filme trat hier eine fast dokumentarische Erzählweise, Bindeglied ist aber die starke Protagonistin, die das Verlangen nach Gerechtigkeit auf einen langen Weg durch juristische Instanzen führt.


Mit "Leben!" (1994) weitete sich sein Blick und er erzählte eine sich von den 1940er bis zu den 1970er Jahren spannende Familienchronik. Meisterhaft werden dabei in dem in Cannes mit dem Großen Preis der Jury und dem Preis für den besten Darsteller ausgezeichneten Film Melodram und Schilderung der gesellschaftspolitischen Veränderungen Chinas miteinander verbunden.


Opulente Inszenierung zeichnet auch den in den 1930er Jahren spielenden Mafia-Film "Shanghai Serenade" (1995) aus, in dem von Machtkämpfen und Unterdrückung, von Verrat und Sühne erzählt wird. Mit der Geschichte eines verliebten Buchhändlers im Peking der 1990er Jahre in "Keep Cool" (1997) wandte sich Zhang Yimou nicht nur der Komödie, sondern auch wieder der Gegenwart zu.


Während die chinesische Zensurbehörde nicht nur bei diesem Film, sondern auch bei folgenden immer wieder einschritt und die Freigabe verweigerte, wurde Zhang Yimou gleichzeitig im Westen vermehrt zu große Regimetreue und Schönfärberei der chinesischen Verhältnisse vorgeworfen.


Ambivalent in der politischen Aussage blieb auch der opulente, international koproduzierte Wuxia – die chinesische Form des Martial-Arts-Films - "Hero" (2002), in dem ein namenloser Krieger erzählt, wie er die drei gefährlichsten Feinde des Kaisers getötet hat. Mit spektakulären Kampfszenen, einem furiosen Rausch der Farben und kunstvoll ineinander verschachtelten Rückblenden entwickelte sich ""Hero" zum internationalen Kassenerfolg.


Gleichzeitig empfahl sich Yimou mit der perfekten opernhaften Inszenierung dieses Films sowie mit den folgenden Wuxia-Filmen "House of Flying Daggers" (2004) und "Der Fluch der goldenen Blume" (2006) für die Inszenierung der Eröffnungs- und Schlussfeier der Olympischen Spiele 2008 in Peking ebenso wie 2019 für die Schlussfeier zum 70-jährigen Bestehen der Volksrepublik.


Im letzten Jahrzehnt pendelten die Filme Yimous nicht nur zwischen einer burlesken Neuverfilmung des Coen-Films "Blood Simple" mit "A Woman, A Gun and a Noodleshop" (2009), einem bildgewaltigen Kriegsepos aus der Zeit der japanischen Besetzung ("The Flowers of War", 2012), einem Melodram über die Folgen der Kulturrevolution ("Coming Home", 2014) und dem rein auf Effekte abzielenden, bombastischen History-Fantasy-Spektakel "The Great Wall" (2016), sondern auch zwischen Regimetreue und Zensurproblemen.


Immer noch wartet man so auf Zhang Yimous letzten Film "One Second" (2019), der 2019 im Wettbewerb der Berlinale laufen sollte, wenige Tage vor der Premiere aber von den chinesischen Behörden wegen angeblicher Probleme bei der Postproduktion wieder zurückgezogen wurde.


Retrospektive bis Mitte November im Filmpodium Zürich


Trailer zu "Hero"