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  • AutorenbildWalter Gasperi

Il colibri - Der Kolibri


Unerfüllte Jugendliebe, unglückliche Ehe und Familientragödien: Francesca Archibugi spannt in ihrer Verfilmung von Sandro Veronesis preisgekröntem Roman den Erzählbogen in verschachtelter Rückblendenstruktur über rund 40 Jahre.


2020 gewann Sandro Veronese für "Il colibri" zum zweiten Mal den renommierten italienischen Literaturpreis Premio Strega. Begeistert von diesem Roman war auch Francesca Archibugi und übernahm bei ihrer Verfilmung auch die verschachtelte Erzählstruktur der Vorlage.


Im Zentrum steht der etwa 40-jährige Augenarzt Marco Carrera (Pierfrancesco Favino), der mit seiner Ehefrau Marina (Kasia Smutniak) und der gemeinsamen Tochter Adele in Rom lebt. Diese Haupthandlung wird von Beginn an aber immer wieder durch kurze Rückblenden in die Jugend Marcos unterbrochen. Damals verliebte er sich während eines Familienurlaubs an der italienischen Riviera in die hübsche Luisa Lattes, heiratete dann aber nachdem er nur durch Zufall einem Flugzeugabsturz entgangen war, Marina, in der er eine Seelenverwandte sah.


Kein Glück scheint es aber in dieser Ehe gegeben zu haben. Einerseits liebt Marco nämlich immer noch Luisa (Bérénice Bejo). Zwar bleibt ihre Beziehung platonisch, doch immer wieder schreiben sie sich und während Ärztekongressen besucht er sie in ihrem neuen Wohnort Paris. Andererseits ist seine Ehefrau Marina, die stets neue Affären hat, bei einem Psychoanalytiker (Nanni Moretti) in Behandlung, bis sie schließlich die Familie verlässt.


Nur die Haupthandlung von "Il colibri", dessen Titel sich auf den Spitznamen Marcos bezieht, weil dieser wie der Vogel seine ganze Kraft darauf verwende, seine Position zu halten, ist dies aber. Dazu kommen nämlich in dem sich über drei Generationen spannenden Film auch noch Schuldgefühle aufgrund des Selbstmords von Marcos Schwester, ein Konflikt mit seinem in die USA emigrierten Bruder Giacomo, eine frühe Hormontherapie zur Wachstumsförderung, Spielsucht und das Verhältnis zu den Eltern, die im Laufe des Films sterben.


So ambitioniert der Versuch Archibugis ist, nicht linear, sondern in der Verschränkung der Zeitebenen zu erzählen, so wenig überzeugt das Ergebnis. Knappe Einblicke bieten die immer wieder sehr kurzen Szenen zwar und fügen sich schlussendlich auch zu einem Gesamtbild, aber Erzählfluss und Spannung kommen fast nur in wenigen längeren Szenen wie einem Pokerabend oder einer Sterbeszene auf.


Ziemlich billig und letztlich auch wenig erfolgreich versucht die Italienerin Spannung zu erzeugen, wenn sie einen wichtigen Telefonanruf mehrfach anreißt, ihn aber erst viel später weiterführt und auch das wiederholte Bild eines/r tot im Seil hängenden Kletter:in als Vorverweis auf ein tragisches Ereignis bringt wenig.


Übernommen hat sich Archibugi offensichtlich mit diesem 350seitigen Roman, hat ihn nicht in den Griff bekommen. Statt Streichungen vorzunehmen und die Handlung aufs Wesentliche zu verdichten, wird vieles angerissen, aber nichts wirklich weitergeführt. Figuren verschwinden abrupt aus dem Film, tauchen am Ende dann aber plötzlich wieder auf. Banal ist nicht nur die Aussage, dass das Leben ein Auf und Ab mit Schicksalsschlägen und Glücksmomenten ist, sondern auch, dass gewonnenes Geld mehr Leid bringen kann als verlorenes.


So wird man insgesamt das Gefühl nicht los, dass die komplexe Erzählstruktur, die von den Zuschauer:innen auch große Aufmerksamkeit verlangt, vor allem dem Versuch dient zu verschleiern, dass die Geschichte dieses Marco Carrera im Grunde doch kolportagehaft und kitschig ist. Wo nämlich linear erzählt diese inhaltlichen Schwächen sofort offen zutage treten würden, werden sie durch die Geheimnisse, die mit dem Switchen zwischen den Zeiten aufgebaut werden, zumindest oberflächlich kaschiert.


Zum zeitlichen Pendeln zwischen dem etwa 15-jährigen und dem 40-jährigen Protagonisten, kommt im Finale auch noch der Sprung zum etwa 60-Jährigen. Gefordert war hier zweifellos der Maskenbildner Lorenzo Tamburini, um Pierfrancesco Favino, Kasia Smutniak und Bérénice Bejo entsprechend altern zu lassen, aber dieser Abschnitt, mit dem auch das im katholischen Italien besonders brisante Thema Sterbehilfe ins Spiel kommt, lässt die Erzählung noch mehr ausfransen.


Nie bekommt man auch ein Gefühl dafür, dass sich die Handlung von den 1970er Jahren bis in die Gegenwart spannt. Außer am Alter der Figuren sind kaum Veränderungen sichtbar und nie lässt der permanente und abrupte Wechsel zwischen den Jahrzehnten ein Gefühl für die jeweilige Zeit aufkommen.


Redlich bemüht sich zwar der sonst immer sehr präsente Pierfrancesco Favino, doch sein Marco Carrera wird so wenig zu einem spannenden Charakter, dessen Schicksal ergreift, wie Bérénice Bejo, deren Luisa vor allem schön zu sein hat, oder Kasia Smutniak, deren Marina auf die psychisch labile Frau reduziert wird. Kaum mehr als routiniert agiert auch Nanni Moretti, der wie schon in seinem größten Erfolg "Das Zimmer meines Sohnes" einen Psychoanalytiker spielt.


Stark sind zwar die atmosphärischen Sommerbilder von Paolo Sorrentinos Stammkameramann Luca Bigazzi, doch auch sie können diesen überladenen Scherbenhaufen, dem ein überzeugendes dramaturgisches Konzept fehlt, nicht retten.


Il colibri Italien / Frankreich 2023 Regie: Francesca Archibugi mit: Pierfrancesco Favino, Kasia Smutniak, Bérénice Bejo, Nanni Moretti, Laura Morante, Sergio Albelli, Alessandro Tedeschi, Benedetta Porcaroli Länge: 126 min.


Läuft jetzt in den österreichischen Kinos.


Trailer zu "Il colibri - Der Kolibri"


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