• Walter Gasperi

Gut gegen Nordwind


13 Jahre nach Erscheinen von Daniel Glattauers in 28 Sprachen übersetztem Bestseller über eine E-Mail-Liebe kommt die Verfilmung von Vanessa Jopp in die Kinos. Stimmungs- und geschmackvoll ist die mit Alexander Fehling und Nora Tschirner sehr gut besetzte Romanze inszeniert, lässt aber doch das gewisse Etwas vermissen.


Ein kleiner Tippfehler in einer E-Mail-Adresse und schon landet die Nachricht, mit der Emma Rothner (Nora Tschirner) ein Zeitungsabo abbestellen will, nicht beim betreffenden Verlag, sondern beim Linguisten Leo Leike (Alexander Fehling), der sich soeben von seiner langjährigen Partnerin getrennt hat.


Als auf sein erstes höfliches Mail Leos mit Hinweis auf den Fehler ein weiteres Mail Emmas folgt, entwickelt sich zunächst ein Mail-Disput, bald wächst aber aufgrund der gegenseitigen geistreichen Antworten das Interesse und es entwickelt sich eine Beziehung im virtuellen Raum. Man legt dabei aber zunächst fest sich nicht zu treffen und auch nicht den anderen zu googeln. Zunehmend intensiver wird der Kontakt, auch Emmas Meldung, dass sie glücklich verheiratet sei, beendet die Konversation nicht.


Wie kann man einen Roman, der zu einem großen Teil aus E-Mails besteht, in einen Film übersetzen? – Vanessa Joop beschränkt sich darauf einige wenige Mails einzublenden, den Großteil aber von den beiden Protagonisten mit ihren inneren Stimmen laut lesen zu lassen. Das ist nicht besonders filmisch, aber Alexander Fehling und Nora Tschirner können mit ihrem Tonfall aber doch die wachsenden Gefühle, bei denen sich unter Interesse und Liebe auch immer wieder mal Zorn und Verletzlichkeit mischen, vermitteln.

Geschickt arbeitet Joop dabei auch mit Perspektivenwechsel. Steht zunächst nämlich Leo ganz im Mittelpunkt, sodass sich auch der Zuschauer selbst ein Bild von Emma machen muss, so kommt nach etwa 45 Minuten auch diese Mailpartner ins Bild und es entwickelt sich ein immer dichterer Wechsel zwischen den räumlich getrennten Protagonisten.


Während in den sorgfältig ausgestatteten Räumen und in den kühlen Farben, unterstützt von sanften Popsongs, immer wieder die Einsamkeit und Melancholie der Protagonisten spürbar wird, entwickelt sich über die Mails eine innere Nähe, da Leo und Emma gerade im virtuellen Raum weit offener und ehrlicher sind, als sie es in direkter Begegnung wohl je sein würden.


Dieser insgesamt allerdings doch zu literarischen e-mail-Ebene stehen visuell gelungene Passagen gegenüber, in denen die beiden Protagonisten sich beinahe in einem Supermarkt begegnen oder zu unterschiedlichen Zeiten am selben Strand spazieren. Sehr stimmungsvoll ist dieses Spiel mit Nähe und Distanz, aber wirklich in den Bann ziehen kann diese Verfilmung, die atmosphärisch und im Thema der virtuellen Liebesbeziehung an Spike Jonzes „Her“ erinnert, nicht.


Angesichts der Produktionsgesellschaft Komplizen Film, die bekannt ist für ungewöhnliche Filme wie „Toni Erdmann“ oder den heurigen Berlinale-Sieger „Synonymes“, ist „Gut gegen Nordwind“ insgesamt so überraschend gediegen ausgefallen. Routiniert ist das zweifellos inszeniert und auch die Hauptdarsteller können überzeugen, aber wirklich Neues ist der 48-jährigen Regisseurin nicht eingefallen. Jedes Risiko scheut sie, bewegt sich formal brav in den Bahnen gängiger romantischer Komödien und lässt einen eigenen Blick auf den Roman vermissen. - Ärgernis ist diese Verfilmung zwar keines, aber im Grunde überflüssig.


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Trailer zu "Gut gegen Nordwind"