• Walter Gasperi

Gli anni più belli - Auf alles, was uns glücklich macht


Gabriele Muccino begleitet vier Freunde von ihrer Jugend in den 1980er Jahren über 40 Jahre bis 2020, erzählt von Träumen, Enttäuschungen und dem Vergehen der Zeit: Großes Erzählkino, das durch den mitfühlenden Blick auf die Protagonist*innen, die dynamische Erzählweise und nicht zuletzt den großartigen Soundtrack mitreißt und bewegt.


Mit einem Silvesterfeuerwerk wecken schon die ersten Bilder und Töne Gedanken an das Vergehen von Zeit und die Vergänglichkeit. Verstärkt wird dies dadurch, dass der Mittfünfziger Giulio (Pierfrancesco Favino) sich mit einem Blick direkt in die Kamera vorstellt und dem Publikum erklärt, dass er 1982 16 Jahre alt war.


Keine klassische Rückblende wird damit eingeleitet, denn Giulio wird nicht als Erzähler der vergangenen Ereignisse auftreten, vielmehr versetzt Gabriele Muccino die Zuschauer*innen direkt in diese Vergangenheit, macht sie zur jeweils unmittelbar erlebten Gegenwart. Gleichzeitig ist mit dem Einstieg freilich der Endpunkt vorgegeben, auf den sich "Gli anni più belli - Auf alles, was uns glücklich macht" hinbewegen muss.


Mitten hinein in heftige Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei im Jahr 1982 wird man geworfen. Keinen Überblick gewährt die Nähe der Kamera, auch der politische Hintergrund wird mit Protesten gegen Neofaschisten höchstens angedeutet. Nur Zuschauer ist der Teenager Riccardo, wird aber von einer Kugel getroffen und von den beiden etwa gleichaltrigen Giulio und Paolo ins Krankenhaus gebracht. Es ist der Beginn einer jahrzehntelangen Freundschaft, zu der bald noch Gemma hinzukommt, in die sich Paolo unsterblich verliebt.


Mit enormem Schwung beschwört Muccino die Leidenschaftlichkeit und Lebenslust dieser Jugend. Immer ist die Kamera in Bewegung, wenn die Freunde einen klapprigen Mercedes kaufen und auf Vordermann bringen, wenn auf Partys getanzt und gefeiert und Paolo und Gemma ein Paar werden. Grenzenlos scheint ihr Glück, doch dann muss Gemma nach dem Tod ihrer Mutter mit ihrer Tante nach Neapel ziehen und es kommt zu einer ersten Trennung.


Unterstützt wird die dynamische Erzählweise durch Muccinos Entscheidung seine Protagonist*innen mehrfach direkt zum Publikum sprechen zu lassen. So können ausgesparte Ereignisse gerafft, aber auch Einblick in ihre Gedanken geboten werden. Langsamer wird der Film mit dem Erwachsenenalter und korrespondiert damit mit dem Nachlassen des jugendlichen Elans und Überschwangs.


In unterschiedliche Richtungen entwickeln sich nun die Lebenswege des Quartetts und mit großen Zeitsprüngen pickt Muccino immer wieder entscheidende Momente heraus. Von Giulios Abschluss seines Ius-Studiums und Paolos (Kim Rossi Stuart) Sponsion zum Lehrer für Literatur, Latein und Griechisch bis zu Hochzeiten, Zerwürfnissen und zufälligen Wiederbegegnungen spannt sich der Bogen.


Nur sehr bruchstückhaft werden die privaten Biographien mit weltpolitischen Ereignissen wie dem Fall der Berliner Mauer oder dem Anschlag von 9/11 oder wichtigen Momenten der italienischen Geschichte wie den Prozessen gegen korrupte Politiker wie Giulio Andreotti 1993, dem Aufstieg Silvio Berlusconis in den 1990er Jahren oder der Bildung der Fünf-Sterne-Bewegung 2009 verknüpft. Vertieft werden diese historischen Bezüge nicht. Sie dienen Muccino vor allem zur zeitlichen Verankerung, gleichzeitig lösen diese Ereignisse, die teilweise zum kollektiven Gedächtnis des Publikums gehören, aber auch immer wieder Erinnerungen an das eigene Leben aus.


Im Zentrum stehen aber die privaten Entwicklungen der vier Freunde, auf die der 54-jährige Regisseur mit viel Einfühlungsvermögen blickt. Da lässt er den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Giulio, der sich zunächst als Pflichtverteidiger für die Schwachen einsetzt, mit der Aufnahme in eine renommierte Anwaltskanzlei sich bald wandeln und Ansehen und Leben in Wohlstand über soziale Verantwortung stellen. Paolo dagegen wird seinen Idealen treu bleiben und versuchen als Lehrer seinen Schüler*innen Kultur und Bildung zu vermitteln, während Riccardo (Claudio Santamaria) als Kleindarsteller beim Film und schließlich als Filmkritiker immer so sehr mit finanziellen Problemen zu kämpfen hat, dass sich bald auch Eheprobleme einstellen. Und für Gemma (Micaela Ramazzotti) schließlich scheint es keine beruflichen Ziele, sondern nur die Liebe zu geben. Auf wilde Jugendjahre in Neapel folgt so nach ihrer Rückkehr nach Rom ein Job als Bedienung in einem Café und es ergeben sich auch wieder Kontakte mit den Jugendfreunden.


Leichthändig wechselt Muccino zwischen seinen Protagonist*innen lässt sie eigene Lebenswege gehen und sich dann wieder zufällig treffen und führt dabei auch unterschiedliche Milieus vor von der innerlich verfaulten High-Society, in die Giulio aufsteigt, bis zum Aussteigermilieu von Riccardos Eltern, in dessen Haus am See er sich schließlich zurückzieht und sich dem Olivenanbau widmet.


Durch den empathischen Blick und den erzählerischen Schwung ist Muccino nicht nur mitreißendes Erzählkino gelungen, sondern gezielt weckt er auch Erinnerungen an die italienische Filmgeschichte. Wie er inhaltlich an Ettore Scolas "C´eravamo tanti amati", in dem vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu den 1970er Jahren von der Freundschaft eines Quartetts erzählt wird, anknüpft, so wird auch explizit die legendäre Trevi-Brunnen-Szene aus Fellinis "La dolce vita" zitiert.


Auch die Dominanz von warmen Farben und Licht und viel Italianità sorgen dafür, dass man sich in diesem Film verlieren kann. Nicht zu übersehen ist aber auch, dass angesichts der Fülle nicht nur auf der zeithistorischen, sondern auch auf der privaten Ebene vieles nur angerissen und wenig ausformuliert wird. Mehr in die Breite als in die Tiefe geht "Gli anni piú belli – Auf alles, was uns glücklich macht" letztlich und statt sich Zeit zu lassen, um Figuren und Situationen differenziert auszuloten wird die Handlung rasant vorangetrieben. Gerne hätte man da vieles genauer erfahren und auch gerne länger zugeschaut.


Locker sieht man aber über diese kleine Schwäche hinweg, denn insgesamt ist Muccino mit diesem Fresko, bei dem am Ende das Staffelholz quasi an die nächste Generation weitergegeben wird, doch großes, bewegendes und facettenreiches emotionales Kino über das Leben und den Wert der Freundschaft gelungen.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino in Schaan, ab Ende August in den österreichischen und deutschen Kinos


Trailer zu "Gli anni più belli - Auf alles, was uns glücklich macht"