• Walter Gasperi

France


Mit einer großartigen Léa Seydoux in der Hauptrolle erzählt Bruno Dumont bissig von Fall und Comeback einer Starjournalistin. Wirklich Neues bietet die Satire auf Medien und Berühmtheit aber kaum.


Von der französischen Flagge fährt die Kamera am Tor des Élysée-Palasts hinunter zur aus dem Auto steigenden Starjournalistin France de Meurs (Léa Seydoux). – Mit dieser ersten Einstellung stellt Bruno Dumont schon die Beziehung zwischen seiner Protagonistin und Frankreich her, gleichzeitig kann man die Kamerafahrt nach unten freilich auch als Visualisierung des tiefen Falls der Journalistin ebenso wie der Grande Nation lesen.


Noch steht France freilich ganz oben. Top gestylt präsentiert sie sich immer, hört dem Minister bei der Pressekonferenz nicht zu, sondern scherzt mit ihrer Assistentin und stellt dann unangenehme Fragen. Wie Dumont durch geschickte Montage hier den realen französischen Präsidenten Emmanuel Macron als Minister hineingeschnitten hat, ist wie später der Auftritt eines Angela Merkel-Doubles ein witziges Detail, bringt aber letztlich für den Film kaum etwas.


Hautnah bleibt Dumont an seiner Protagonistin dran, immer wieder rückt er sie in Großaufnahmen ins Bild. Ganz auf Léa Seydoux zugeschnitten ist diese Mediensatire und entsprang auch dem Wunsch von Regisseur und Schauspielerin gemeinsam einen Film zu machen.


Von der Pressekonferenz geht es so in die Sahel-Zone zu einer Reportage über die französische Beteiligung am Kampf gegen die Dschihadisten in Afrika. Mit bösem Witz deckt Dumont dabei auf, wie bei den Dreharbeiten alles gestellt wird, jede Anteilnahme reine Heuchelei ist und es nicht um Information geht, sondern um die narzisstische Selbstdarstellung der Journalistin. Geweitet wird dieses Bild eines zynischen Journalismus später bei der Arbeit an Reportagen über Flüchtlingsschicksale auf dem Mittelmeer oder einem Interview mit der Frau eines Mörders.


Wirklich neu und überraschend sind diese Einblicke aber so wenig, wie der Umstand, dass die Familie der Starjournalistin neben dem Job zu kurz kommt. Großartig ist aber Lea Seydoux. Maskenhaft wirkt sie hinter dem weißen Make-up, nie lässt sie sich in die Karten schauen, spielt ihrem Publikum immer etwas vor, enthält sich opportunistisch jeder Position und gibt folglich auch keine Antwort auf die Frage, ob sie links oder rechts stehe. Erst gegen Ende scheint ihre Fassade etwas zu zerbrechen.


Aus der Bahn gerät ihr Leben und ihre Karriere aber, als sie einen Motorradkurier anfährt. Schuldgefühle machen sich breit und in einer TV-Show bricht sie in Tränen aus, als sie zum Unfall befragt wird. Freiwillig zahlt sie eine Entschädigung und besucht das Unfallopfer und dessen Familie, doch auch diese Szene hat den Anstrich einer medialen Inszenierung.

Erholung scheint France bei einer Auszeit in einer Klinik in den Alpen zu finden, tappt dabei aber selbst in die Falle eines Journalisten. Geschickt spielt Dumont so mit einem Positionswechseln, lässt die zynische Reporterin selbst zum Opfer der Medien werden. Nicht anders als sie selbst für eine effektvolle Reportage Menschen ausbeutet, wird nun auch ihr Privatleben medial vermarktet.


Doch France erweist sich als Stehauffrau, kehrt nach dem Tief noch strahlender auf die TV-Bühne zurück. Nicht einmal versehentlich eingeschaltete Mikrofone, die ihren Zynismus allgemein bloßstellen, scheinen ihrer Karriere zu schaden. Obwohl diese kühle Karrieristin aber ohne Medienpräsenz nicht leben kann und es genießt von allen erkannt zu werden, scheint sie die Berühmtheit dennoch nicht glücklich zu machen.


Als Gegenpol zur zynischen Medienwelt baut Dumont so eine Liebesgeschichte ein und wirft die Frage nach Menschlichkeit und echten Gefühlen in einer Welt und einem Leben auf, das von der Gier nach oberflächlichen Sensationen, Show und Berühmtheit bestimmt ist.


Visuell ist das mit Seydoux´ in kräftige Farben getauchten Kostümen, mit exquisiten Settings von der wie ein Museum wirkenden Wohnung von France bis zur verschneiten, an Thomas Manns "Der Zauberberg" erinnernden Klinik in den Alpen durchaus elegant inszeniert. Durch den kühl-lakonischen Blick, bei dem teilweise Figuren im Stil von Ulrich Seidl vorgeführt werden, macht Dumont das Publikum aber auch zu distanzierten Betrachtern. Echte Spannungskurve wird so kaum aufgebaut und auch als Mediensatire funktioniert "France" nur bedingt. Denn redundant wird diese Abrechnung mit dem Journalismus in zu vielen Szenen aufgeblasen und mehr angeklebt als wirklich integriert wirkt die Liebesgeschichte.


Andererseits darf man aber auch nicht übersehen, dass Dumonts Filme seit "Ptit Quinquin" (2014) und "Ma Loute – Die feine Gesellschaft" (2016) eine Lust am Absurden kennzeichnet. Diese fehlt auch in "France" nicht, ist in ungewöhnlichen Einstellungen ebenso spürbar wie einem unerwarteten und völlig überzogen inszenierten Autounfall. Legitim ist, dass solche absurden Momente in einer absurden Welt isoliert dastehen, stören aber auch die Geschlossenheit des Films.


Nur in Details und einzelnen Szenen ist "France" somit wirklich gelungen und einzig einer großartigen Lea Seydoux ist es zu verdanken, dass ein gewisses Interesse über die nicht unbeträchtlichen 133 Minuten aufrecht bleibt.



France Frankreich/Deutschland/Italien/Belgien 2021 Regie: Bruno Dumont mit: Léa Seydoux, Blanche Gardin, Benjamin Biolay, Juliane Köhler, Emanuele Arioli, Gaëtan Amiel, Jawad Zemmar, Marc Bettinelli Länge: 133 min.



Läuft derzeit in den österreichischen Kino, z.B. im Kino Rio in Feldkirch


Trailer zu "France"