• Walter Gasperi

Filmbuch: Grosse US-Western


Reinhard Marheinecke und Peter L. Stadlbaur stellen 20 Western vor, die in der Blütezeit des Genres zwischen 1940 und 1970 entstanden sind. Die Autoren, die sichtlich Fans sind, bieten immer wieder interessante Detailinformationen, bleiben aber bei den Filmbeschreibungen sehr oberflächlich.


Nach dem Blick auf den B-Western in "Präriebanditen: Die packende Welt der B-Western" und auf die Schießerei am O.K. Corral "Schießerei am O.K. Corral: Hintergründe + Fakten + Waffen" widmen sich Peter L. Stadlbaur und Reinhard Marheinecke nach eigener Aussage "weniger bekannten, ja, …. bisher verkannten oder gar vergessenen Filmen dieser Ära" (S. 5).


Wirklich nachvollziehbar bleibt diese Feststellung aber nicht, wenn man auf die Filmliste schaut. Auf Filme von Howard Hawks, John Ford und Raoul Walsh wurde zwar konsequent verzichtet, aber George Stevens´ "Shane" gehört wohl ebenso längst zu den legendären Klassikern wie John Hustons "Der Schatz der Sierra Madre", dessen Zuordnung zum Western die Autoren selbst in Frage stellen.


Etwas seltsam ist, dass für das Cover ein Still aus Henry Kings "The Gunfighter" gewählt wurde, der Film selbst aber gar nicht vorgestellt wird. Sehr oberflächlich ist die einleitende knappe Nachzeichnung der Geschichte des Western, auch ein Begriff wie "Neuzeit" für die Filme ab den 1970er Jahren irritiert. Seltsam ist auch, wie bei diesem Rückblick im Blick auf die Anfänge der Filmgeschichte zwar die Brüder Emil und Max Skladanowsky, aber mit keinem Wort die berühmteren Lumière-Brüder erwähnt werden oder wie in Bezug auf Michael Ciminos "Heaven´s Gate" kurz auf die vernichtende Kritik als "unpatriotisches Machwerk" hingewiesen wird, aber die spätere weitgehende Revidierung dieses Urteils nicht erwähnt wird.


Nicht ersichtlich ist auch, wie die Filmbeschreibungen angeordnet wurden, ist doch weder ein chronologischer noch ein alphabetischer Aufbau auszumachen. Immer wieder bieten Stadlbauer / Marheinecke interessante kulturgeschichtliche Informationen wie zur Erfindung des Stacheldrahts bei der Vorstellung von King Vidors "Mit stahlharter Faust" (S. 44) oder zur Winchester bei Anthony Manns "Winchester `73" (S. 140f.).


Informativ ist auch ein Abschnitt zur Geschichte der Jesse-James-Filme (S. 62ff.), geboten wird allerdings nicht die angekündigte "Analyse der Jesse James-Filme", sondern doch nur ein kurzer Abriss. Man spürt die Leidenschaft der Autoren für das Genre, doch dies kann weder über oberflächliche Darstellung bei den Filmbeschreibungen, den Biographien zum Schauspieler George Montgomery, dem Team Budd Botticher, Randolph Scott und Burt Kennedy oder dem Westernhelden Billy the Kid noch über die zahlreichen sprachlichen und auch sachlichen Fehler hinwegtäuschen.


So wird beim (falschen) Hinweis, dass "Der Mann aus dem Westen" erst Gary Coopers dritter Western war Robert Alrichs "Vera Cruz" offensichtlich übersehen (S. 52), beim 1942 entstandenen "Ritt zum Ox-Bow" kann man wohl kaum davon sprechen, dass dieser "zur Mitte der McCarthy-Ära geplant" wurde (S. 156), die doch erst 1947 einsetzte, und George Stevens drehte mit James Dean nicht "Jenseits von Eden" – da war Elia Kazan der Regisseur -, sondern "Giganten" (S. 163).


Seltsam ist auch, wie beim Blick auf die Filmographie und Karriere von William A. Wellman in den 1930er Jahren klassische Werke wie der Gangsterfilm "Der öffentliche Feind" oder die Erstverfilmung von "A Star Is Born" unberücksichtigt bleiben und mit "Dann kam die Wende" (S. 157) der Eindruck vermittelt wird, dass dessen Karriere erst mit "Ritt zum Ox-Bow" begann.


Beispiele für sprachliche Fehler sind die Bezeichnung des Lynchjustiz-Dramas "Ritt zum Ox-Bow" als "problematischen Film" (S. 156) – gemeint ist wohl ein "Problemfilm" oder ein "problemorientierter Film" – oder die Wendung "vom unerwarteten pazifischen Gehabe" (S. 156) – gemeint ist wohl "pazifistischen Gehabe". Problemlos könnte diese Aufzählung leider fortgesetzt werden.


Wendungen wie - auch hier könnten zahlreiche weitere Beispiele angeführt werden - "Wieder behandelt der Film einen dunkel schwelenden Familienbezug" (S. 52) stören ebenso den Lesefluss wie die Verwendung von Einzelsätzen anstelle eines durchgängigen Textes bei dem Audie Murphy-Western "Die gnadenlosen Vier" (S. 84ff.) und wenig bringt eine Sammlung von beliebigen Zitaten von Bekannten und Freunden Billy the Kids.


Sieht man über diese – freilich nicht unwesentlichen – Defizite hinweg, bieten Stadlbaur / Marheinecke aber neben den zahlreichen Detailinformationen, die sich in der ungeordneten Darstellung verstecken, andererseits doch auch die Gelegenheit unbekannte Werke wie Henry Hathaways "Zwei in der Falle" oder Phil Karlsons "Grenzpolizei in Texas" zu entdecken und wecken Lust auf eine Sichtung.

Reinhard Marheinecke / Peter L. Stadlbaur, Große US-Western: Szenen Analysen bedeutender Western Filme aus Hollywoods "Golden Years", Reinhard Marheinecke, Hamburg 2021, 174 S., € 15, ISBN ‎ 978-3947403202