• Walter Gasperi

Filmbuch: Cinépassion – Coming of Age


Im vierten Band der im Psychosozial-Verlag erscheinenden Reihe "Cinépassion" werden 20 Spielfilme zum Thema Coming of Age aus psychoanalytischer Sicht untersucht. Angesichts der Vielfalt der Filme werden dabei unterschiedlichste Aspekte der Adoleszenz beleuchtet.


Seit 2006 gibt es in Zürich das Projekt "Cinépassion", bei dem Filme öffentlich vorgeführt und anschließend von Psychoanalytiker*innen analysiert werden. Drei Bücher resultierten aus diesen Filmreihen bislang, erstmals liegt nun beim vierten Band mit "Coming of Age" der Fokus auf einem speziellen Thema.


20 zwischen 1971 und 2014 entstandene Filme wurden ausgewählt, die einen Eindruck von den vielfältigen Aspekten vermitteln, die mit der Adoleszenz zusammenhängen können. Jeder Beitrag ist gleich aufgebaut: Auf eine kurze Beschreibung des Plots folgt eine kurze Einführung mit Hintergrundinformationen zu Regisseur*in oder Entstehung des Films, ehe auf jeweils rund acht Seiten der Film aus psychoanalytischer Sicht interpretiert wird. Literaturangaben und Filmcredits runden jeden Beitrag ab.


Der Bogen der besprochenen Filme spannt sich von Stanley Kubricks "Clockwork Orange" (1971), bei dem Markus Fäh auf den menschlichen Aggressionstrieb fokussiert, bis zur Untersuchung des Verhältnisses des autoritären Vaters zu seinen beiden Söhnen in Andrej Swjaginzevs "The Return" (2003).


Die Analyse schwieriger Familienverhältnisse und deren Auswirkungen auf die Kinder stehen auch im Zentrum der Analysen von Ursula Meiers "L´enfant en haut" (2012), Andrea Arnolds "Fish Tank" (2009), Xavier Dolans "Mommy" (2011) und Lynne Ramsays "We Need to Talk About Kevin" (2011), während Mirna Würgler das Zerbrechen alter Männlichkeitsbilder und den Protest gegen Rollenvorgaben in Stephen Daldrys "Billy Elliot" (2000) untersucht.


Mitherausgeberin Yvonne Frenzel Ganz fokussiert bei ihrem Beitrag zu Stina Werenfels´ "Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern" (2015) auf der Befreiung der geistig behinderten Dora aus der elterlichen Bevormundung und ihrer Entwicklung von sexueller Lust, Vreni Weber widmet sich dagegen in ihrer Analyse von Feo Aladags "Die Fremde" (2010) vor allem dem Versuch der Protagonistin, sich aus den patriarchalen türkischen Familienstrukturen zu befreien.


An Michael Hanekes "Das weiße Band" (2005) arbeitet Alexander Moser heraus, wie Aggression gegenüber Kindern von diesen Opfern schließlich wieder weitergegeben wird, während Markus Fäh anhand von Peter Jacksons "The Lovely Bones" (2009) aufzeigt, wie Verdrängung und Abtauchen in ein Zwischenreich die einzige Möglichkeit sein kann, um Unerträgliches zu ertragen, dass es aber schließlich auch nötig ist, sich der Wahrheit zu stellen, um weiterleben zu können.


Geht es in Mirna Würglers Beitrag zu Laurent Cantets "Entre les murs - Die Klasse" (2008) um die Lehrer-Schülerinteraktion in diesem Schulfilm, so blickt Mitherausgeberin Andrea Kager auf die Psychodynamik des Hasses, die Mathieu Kassovitz Banlieue-Drama "La Haine" (1995) bestimmt. Jugendliche Verdrängung des Terrors der argentinischen Diktatur und langsame Auseinandersetzung mit dieser Zeit wird mit Milagros Mumenthalers "Abrir puertas y ventanas" (2011) ebenso behandelt wie anhand von Joe Wrights "Atonement – Abbitte" (2007) die langen Nachwirkungen schwerer Schuldgefühle oder anhand von Marjane Satrapis und Vincent Paronnauds "Persepolis" (2007) die erhöhten Schwierigkeiten einer Identitätsfindung bei einer Adoleszenz in der Fremde.


So ergibt sich durch die breit gestreute Auswahl mit Filmen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und Milieus sowie mit unterschiedlichen Handlungen ein schillerndes Bild der Adoleszenz. Einblick kann dadurch nicht nur in vielfältige Probleme auf dem Weg ins Erwachsenenalter geboten werden, sondern es werden auch Umstände aufgezeigt, die eine Selbst- und Identitätsfindung erschweren, und solche, die sie begünstigen.


Frenzel Ganz, Yvonne / Kager, Andrea (Hrsg.), Cinépassion – Coming of Age. Eine psychoanalytische Filmrevue. Psychosozial-Verlag, Gießen 2021. 221 S., € 24,90, ISBN 978-3-8379-2992-8