• Walter Gasperi

Filmbuch: Ansteckkino - Eine politische Philosophie und Geschichte des Pandemie-Spielfilms


Drehli Robnik spürt in seinem im Neofelis Verlag erschienenen Buch anhand von 167 seit 1919 gedrehten Pandemie-Filmen deren Zusammenhang mit dem politischen Hintergrund nach.


Nachdem Denis Newiak in seinem Buch "Alles schon mal dagewesen" auf den Lehren fokussierte, die man schon in den letzten Jahren aus Pandemie-Filmen hätte ziehen können, blickt Drehli Robnik auf die Querverbindungen zwischen Pandemie-Filmen und den jeweiligen politischen Verhältnissen.


Mehr oder weniger chronologisch spannt der Wiener Theoretiker, Essayist und Kritiker in stark assoziativem und sprunghaftem Stil den Bogen von 1919 bis zur Gegenwart und zeigt auch immer wieder Parallelen zwischen den Filmen und dem Agieren der österreichischen Regierung während der Corona-Pandemie auf.


An Filmen wie "Pest in Florenz" (1919) und Murnaus "Nosferatu" (1922) arbeitet Robnik heraus, wie in frühen Pandemie-Filmen die Gefahr aus dem Osten kommt, während im Dritten Reich beispielsweise im Robert-Koch-Biopic "Robert Koch, der Bekämpfer des Todes" (Hans Steinhoff, 1939) und in "Paracelsus" (Georg Wilhelm Pabst, 1943) Politik und Medizin ineinanderfließen.


Diesen nationalsozialistischen Filmen stellt Robnik mit den Hollywood-Biopics "The Story of Louis Pasteur" (William Dieterle, 1936) und "Dr. Ehrlich´s Magic Bullet" (William Dieterle, 1940) Filme gegenüber, in denen das Fremde integriert wird und vor dem Bösen gewarnt wird. Postkoloniale Strömungen im Nachkriegskino werden ebenso beleuchtet, wie der unterschiedliche Blick aufs Judentum und Lepra in Cecile B. DeMilles "The Ten Commandments" (1923 + 1956) und William Wylers "Ben Hur" (1959).


Im DDR-Biopic "Semmelweiß, Retter der Mütter" (Georg C. Klaren, 1950) entdeckt der Autor klassenkämpferische Momente, in Helmut Käutners "Die letzte Brücke" (1954) eine Gegenüberstellung von humanistischer weiblicher und feindseliger und kriegerischer männlicher Welt. Ausführlicher widmet sich Robnik der Schilderung des Zusammenbruchs des Staats in Werner Herzogs "Nosferatu" (1979), aber auch in anderen im Mittelalter spielenden Pest-Filmen.


Mit dem Titel "Staatsexzess und liberale Panik …und infizierte Wut-Massen heute" ist dagegen ein Kapitel überschrieben, in dem der Bogen von Robert Wises "The Andromeda Strain" (1971) über Wolfgang Petersens "Outbreak" (1995) bis zu Danny Boyles "28 Days Later" (2002) und dem spanischen "REC" (Jaume Ballagueró und Paco Plaza, 2007) gespannt wird.


Auch wenn der Schwerpunkt insgesamt bei amerikanischen Filmen liegt, so bezieht Robnik doch neben koreanischen Produktionen wie "Gamgi – Pandemie" (Kim Sung-su, 2013), der im Zug der Corona-Pandemie auch in die deutschen Kinos kam, und "Train to Busan" (Yeong Sang-ho, 2016) auch unbekannte Regionen und Filme in seine Ausführungen ein wie die nigerianische Produktion "93 Days" (Steve Gukas, 2016), den venzolanischen Film "Infección" (Flavio Pedota, 2019) oder den indischen "Virus" (Aashiq Abu, 2019).


Überreich an Gedanken und Assoziationen ist "Ansteckkino" damit, ist in seinem assoziativen Stil, seiner Fülle und dichten Abfolge an Filmtiteln aber auch nicht gerade leichter Lesestoff.

Drehli Robnik, Ansteckkino. Eine politische Philosophie und Geschichte des Pandemie-Spielfilms von 1919 bis Covid-19, Neofelis Verlag, Berlin 2020, 174 S., ISBN 978-3-95808-326-4, € 16