• Walter Gasperi

Eiffelturm, Seine und Montmartre: Paris im Film


Paris, je t´aime (2006)

Paris – das ist nicht nur die Stadt der Liebe, sondern nach New York wohl auch der beliebteste Schauplatz der Filmgeschichte. Nicht nur zahllose französische Filme spielen in der Seine-Metropole, sondern auch internationale Regisseure, vor allem amerikanische, lassen ihre Helden immer wieder davon träumen. Das St. Galler Kinok widmet der französischen Hauptstadt im Juli und August eine Filmreihe.


Als Geburtsort der Filmkunst kann die französische Hauptstadt mit den ersten Filmvorführungen durch die Brüder Lumière und Georges Méliès gelten, war aber gleichzeitig auch immer schon als Filmkulisse beliebt. Einen Eindruck davon vermittelt allein der Umstand, dass Rüdiger Dirk und Claudius Sowa schon 2002 in ihrem 470-seitigen Buch „Paris im Film“ 600 „Parisspielfilme“ vorstellten. – Inzwischen sind zahlreiche dazugekommen, denn immer noch ist die französische Hauptstadt attraktiver Hintergrund für Alltagsgeschichten ebenso wie für Krimis - und natürlich für Liebesfilme.


Von Paris als dem Ort des verlorenen Glücks träumen Humphrey Bogart und Ingrid Bergman in „Casablanca“ (1942), Projektion eines Neubeginns und eines Ausbruchs aus der kleinbürgerlichen amerikanischen Enge und Uniformität ist Paris für Kate Winslet in Sam Mendes´ „Revolutionary Road“ (2008) und in Wim Wenders´ „Paris, Texas“ (1984) weckt die französische Hauptstadt Assoziationen an leichte Mädchen.


Entscheidend geprägt hat für die Amerikaner das romantische Bild von Paris wohl Vincente Minnellis klassisches Musical „An American in Paris“ (1951), in dem sich ein mittelloser amerikanischer Maler in der Stadt der Liebe verliebt. In der Nachfolge dieses Erfolgs ließ Stanley Donen fünf Jahre später in „Funny Face“ (1956) Fred Astaire als Modefotograf und Audrey Hepburn die Schönheiten der Seine-Metropole entdecken.


Während Richard Linklater in „Before Sunset“ (2004) Romantik bei den Spaziergängen von Ethan Hawke und Julie Delpy am Seineufer entlang und durch verschlafene Gässchen entfaltet, bedient Woody Allen in „Midnight in Paris“ (2011) lustvoll die Klischee-Bilder, spielt aber auch mit ihnen und lässt seinen amerikanischen Protagonisten in die vermeintlich Goldene Zeit der späten 1920er Jahre eintauchen und Berühmtheiten von Hemingway bis Bunuel, von Scott Fitzgerald bis Picasso treffen.


Werfen im Episodenfilm „Paris, je t´aime“ (2006) 18 internationale Regisseure unterschiedliche Blicke auf jeweils ein Arrondissement, so sieht man in Cédric Klapischs „Chacun cherche son chat“ (1996) und „So ist Paris“ (2008) die klassischen Sehenswürdigkeiten höchstens in der Ferne, denn Klapisch interessiert sich für den Alltag der einfachen Leute.


Indem er in „Chacun cherche son chat“ einer jungen Frau folgt, die ihre Katze sucht und in „So ist Paris“ beiläufig die Geschichten eines herzkranken Tänzers einer Sozialarbeiterin, einer Bäckerin und von Marktarbeitern verknüpft, zeichnet er ein stimmiges und genaues Porträt dieser Menschen und des Lebens in diesen Vierteln.


Auf diesen Alltag fokussierte freilich schon René Clair 1930 in „Sous les toits de Paris“, während Jean-Pierre Jeunet in „Le fabuleux destin d´Amélie Poulain“ (2001) die Welt märchenhaft verklärte. Drastischer Realismus und romantische Liebe prallen auch in Leos Carax´ furiosem „Les amants du Pont Neuf“ (1991) aufeinander.


Völlig in die Welt der Randständigen tauchen dagegen Mehdi Charef mit „Le thé au harem d´Archimedes“ (1995) und Mathieu Kassovitz mit „La Haine“ (1995) ab. Mit drastischem Realismus schildern diese Filmemacher jenseits aller Schönfärberei und abseits aller Touristenattraktionen die soziale Not und die Gewalt in den Banlieues.


Kontrast dazu bieten wieder die postmodernen, in Neonfarben getauchten, cool-stilisierten Gangsterfilme der 1980er Jahre von Jean-Jacques Beineix und Luc Besson. Jeder Realität enthoben sind Kinomärchen wie „Diva“ (1981) oder der teilweise in der Metro spielende „Subway“. An Künstlichkeit übertroffen werden diese Filme nur vom Musical „Moulin Rouge“ (2001), in dem Baz Luhrman mit einem Feuerwerk an optischen und musikalischen Effekten eine tragische Liebesgeschichte aus dem Paris des Fin de siècle erzählt.


In diese Zeit entführt auch Jean Renoir in seinem mitreißenden „French Can-Can“ (1954), während Marcel Carné in „Les enfants du paradis“ (1943-45) die Atmosphäre der Theaterwelt des 19. Jahrhunderts evoziert. Beklemmend schildert dagegen Francois Truffaut in „Le dernier métro“ (1980) die Stimmung der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs.


Diesen Rückblicken steht die Beschwörung der aktuellen Zeitstimmung in Marcel Carnés „Hôtel du Nord“ (1938) und „Le jour se léve“ (1939) gegenüber, in deren Fatalismus die Atmosphäre unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs greifbar ist.


Ganz anders fingen dagegen die jungen Regisseure der Nouvelle Vague die französische Hauptstadt ein. Mit der Handkamera filmte Jean-Luc Godard die Gangstergeschichte „Á bout de souffle“ (1959) auf den Straßen und ließ auf der Champs-Élysées den jungen Jean-Paul Belmondo auf eine von Jean Seberg gespielte amerikanische Studentin treffen. Agnes Varda folgte dagegen in „Cléo de 5 à 7“ (1961) fast dokumentarisch zwei Stunden einer Chansonsängerin, die in banger Erwartung eines ärztlichen Befunds durch das Viertel Montparnasse streift.


Unterkühlt und stilisiert wiederum ist das Paris in den Gangsterfilmen von Jean-Pierre Melville, melancholisch die nächtliche Stimmung in Louis Malles „L´ascenseur pour l´echafaud“ (1958), ein Großstadtdschungel voller Helden und Bösewichter für das frühreife Mädchen, das in Malles „Zazie dans le metro“ (1960) 36 Stunden lang allein die französische Hauptstadt erkundet.


Hinreißende Spielereien in der Tradition der Slapstick-Komödien der Stummfilmzeit konnte Malle mit diesem kindlichen Blick auf die Erwachsenenwelt entfalten, aber auch als Kulisse für spektakuläre Actionszenen kann man die Seine-Metropole und ihre Sehenswürdigkeiten bestens nutzen: Grace Jones darf in „James Bond – For Your Eyes Only“ (1981) zum kühnen Sprung vom Eiffelturm ansetzen, und fast an der Tagesordnung sind schließlich spektakuläre Verfolgungsjagden über breite Straßen, enge Gassen und holprige Treppen in Actionfilmen wie „The Bourne Identity“ (2002) oder „96 Hours“ (2008), während Roman Polanski in „Frantic“ (1988) Harrison Ford vor dieser Kulisse in einen an Hitchcock erinnernden Thriller verstrickt. - Paris ist eben nicht nur die Stadt der Liebe - sondern eine Stadt, die sich mit ihrem Charme und ihren Sehenswürdigkeiten für unterschiedlichste Filme als Kulisse eignet.


Buchtipp: Rüdiger Dirk / Claudius Sowa, Paris im Film, Belleville Verlag 2002, 472 S., 29 Euro


Filme und Spieldaten zur Filmreihe im St. Galler Kinok finden Sie hier


Trailer zu "Paris, je t´aime"