• Walter Gasperi

Die Geliebte des französischen Leutnants


Karel Reisz verbindet in seinem 1981 gedrehten Drama über Dreharbeiten an einem Kostümfilm eine in der Viktorianischen Zeit spielende Liebensgeschichte mit einer des späten 20. Jahrhunderts. – Die bildstarke und mit Meryl Streep und Jeremy Irons hervorragend besetzte Literaturverfilmung ist bei Pidax Film auf DVD erschienen.


Vom Gesicht einer Frau, die ihr Make-up im Spiegel prüft, fährt die Kamera zurück und enttarnt die Szene als Filmset. Eine in der Viktorianischen Zeit spielende Frauengeschichte wird gedreht, bei der die schwarz gekleidete Protagonistin Sarah (Meryl Streep) in der nächsten großartigen Plansequenz zunächst dem Ufer entlang und dann auf der von Gischt gepeitschten Hafenmauer unter dunklem Himmel von der Kamera weg lange in Richtung Meer geht.


Ein zentrales Bild für die Isolation Saras in der konservativen Viktorianischen Zeit ist dies. Einst hatte die junge Frau eine Affäre mit einem Franzosen und gilt nun im Küstendorf als Geliebte – oder vielmehr: Hure – des französischen Leutnants, auf den sie immer noch sehnsüchtig wartet. Der Wissenschaftler Charles (Jeremy Irons) verfällt Sara auf den ersten Blick, obwohl er gerade der Unternehmerstochter Ernestina (Lynsey Baxter) einen Heiratsantrag gemacht hat. Doch Sara lässt Charles nicht wirklich an sich heran und verschwindet plötzlich.


Parallel zu dieser historischen Ebene, bei der der Aspekt, dass dieser Film gerade gedreht wird, nur in wenigen Szenen transparent gemacht wird, kommt die Gegenwartsebene. Denn während der Dreharbeiten haben die beiden Darsteller von Sara und Charles eine Affäre miteinander. Gleichzeitig haben aber beide schon einen Partner, sodass die Chancen für eine längerfristige Beziehung gering sind.


Kunstvoll verbinden das Drehbuch von Nobelpreisträger Harold Pinter und Regisseur Karel Reisz, der Anfang der 1960er Jahre als Mitbegründer des realistischen britischen Free Cinema bekannt wurde, in ihrer Verfilmung von John Fowles 1969 erschienenem Roman die Zeitebenen. Plastisch und prägnant können sie so die Rigidität der Viktorianischen Zeit der liberalen Gesellschaft des späten 20. Jahrhunderts gegenüberstellen.


Ein kluger Kunstgriff ist dabei auch, dass die beiden Geschichten nicht parallel laufen. So liegen beispielsweise die beiden Schauspieler*innen in der Gegenwartsebene schon in der ersten gemeinsamen Szene miteinander im Bett, während sie sich als Sara und Charles im Film-im-Film noch gar nicht begegnet sind. Erst langsam stellen sich so Parallelen ein und werden Unterschiede sichtbar.


Scharfer Kontrast ergibt sich dabei auch aus der Nüchternheit der Beziehung in der Gegenwart und der Leidenschaftlichkeit und Romantik der Liebe im 19. Jahrhundert, die vielleicht gerade durch die gesellschaftlichen Zwänge und Behinderungen befeuert werden. Visuell wird dies spürbar im Gegensatz zwischen der großartigen Ausstattung und den von leuchtendem Grün dominierten Naturbildern des 19. Jahrhunderts und den kühl-sachlich ausgestatteten Räumen der Gegenwart.


Zudem gibt es auf der historischen Ebene die Opposition von Charles´ bürgerlicher Verlobten Ernestina und der impulsiven und leidenschaftlichen Sara. Während erstere sich an die gesellschaftlichen Spielregeln hält, stehen für Sara ihre Gefühle und ihr Streben nach Unabhängigkeit im Zentrum. Großartig überträgt Reisz diese Positionen auf die visuelle Ebene, wenn er Ernestina meist in gepflegten bürgerlichen Häusern zeigt, Sara dagegen immer wieder in wilder Natur und ihrem grünen Kleid Ernestinas rosa Kleid gegenüberstellt.


Gleichzeitig kommt zum Diskurs über die Liebe in unterschiedlichen Zeiten in diesem visuell betörenden und mit Meryl Streep und Jeremy Irons ideal besetzten Drama mit den Dreharbeiten an dem historischen Film auch die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Realität, nach Inszenierung und Wirklichkeit. Nie drängen sich diese Themen aber in den Vordergrund oder werden aufgesetzt behandelt, sondern schwingen in diesem atmosphärisch dichten und emotional starken Liebesdrama ganz selbstverständlich mit.


An Sprachversionen bietet die bei Pidax Film erschienene DVD die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche Untertitel. Die Extras beschränken sich auf den originalen englischen Kinotrailer und eine Bildergalerie.


Trailer zu "Die Geliebte des französischen Leutnants"