Die 1960er Jahre: Filmischer Aufbruch und jugendliches Lebensgefühl


Tausendschönchen (Vera Chytilova, 1966)

Weltweit prägte das Kino der 1960er Jahre ein Aufbruch. Oft spiegelte sich in diesen Filmen auch das Lebensgefühl der jungen Regisseur*innen und der Jugend. Das Stadtkino Basel beschwört mit einer Filmreihe diese Zeit und die ungebrochene Frische dieser Filme.


Das Kino der 1960er Jahre begann 1959 mit Jean-Luc-Godards "A bout de souffle". Raus aus dem Studio auf die Straßen von Paris ging der Mitbegründer der Nouvelle Vague, scherte sich nicht um filmische Konventionen, sondern brach mit Jump Cuts die filmischen Regeln, beschwor mit dieser Freiheit des Erzählens aber gleichzeitig die Ungebundenheit und den Freiheitswillen nicht nur seines von Jean-Paul Belmondo gespielten Protagonisten, sondern einer ganzen Generation.


Obwohl Godards damals revolutionären Regelbrüche längst Eingang ins allgemeine filmische Erzählen gefunden haben, hat "A bout de souffle" nichts von seiner Frische und Vitalität verloren. Doch die französische Nouvelle Vague war bei weitem nicht die einzige filmische Erneuerungsbewegung, die Anfang der 1960er Jahre frischen Wind ins Kino brachte.


Während in den USA der Aufbruch erst Ende der 1960er Jahren mit Filmen wie Mike Nichols "The Graduate – Die Reifeprüfung" (1967) und vor allem mit Dennis Hoppers "Easy Rider" (1969) erfolgte, formulierte in Lateinamerika das Cinema Novo den Protest gegen gesellschaftliche Missstände und in Japan meldete sich mit Regisseuren wie Shohei Imamura und Nagisa Oshima eine neue Generation zu Wort. Vor allem letzterer fing dabei in "Nackte Jugend" ("Seishun Zankoku Monogatari", 1960) das Lebensgefühl der damaligen Jugend ein.


In Europa erklärten drei Jahre nach "A bout de souffle" 26 junge deutsche Filmemacher – Frauen waren keine dabei – im Oberhausener Manifest "Papas Kino ist tot" und forderten ein neues Kino, das nicht wie die Heimat- und Schlagerfilme der 1950er Jahre in eine Traumwelt entführen, sondern sich am Alltag orientieren, Lebensgefühl und soziale sowie politische Konflikte thematisieren soll.


Einen dokumentarischen Blick auf das Leben der Arbeiterschicht warfen schon einige Jahre zuvor die Vertreter der British New Wave. In Filmen wie "Look Back in Anger" (1959), "Saturday Night and Sunday Morning" (1960) oder "This Sporting Life" (1962) schilderten Regisseure wie Tony Richardson, Karel Reisz und Lindsay Anderson ungeschönt das Leben einfacher Menschen.


Aber auch in Italien meldete sich nach den Großmeistern der 1950er Jahre wie Visconti, Fellini, Antonioni und Rossellini mit Pier-Paolo Pasolini, den Taviani-Brüdern, Ermanno Olmi, Francesco Rosi, Bernardo Bertolucci und Lina Wertmüller eine neue Generation zu Wort.

Dokumentarischer Gestus und Lebensnähe statt Studioproduktionen und Traumwelten bestimmten viele Filme dieser jungen Regisseur*innen in Westeuropa ebenso wie in Osteuropa. Agnès Varda folgt so in "Cléo de 5 à 7" (1962) beinahe in Echtzeit einer jungen Frau, die auf das Ergebnis einer Krebs-Untersuchung wartet, bei ihrem Streifzug durch Paris.


Statt in Farbe wurde vielfach auch in Schwarzweiß gedreht. Der Alltag ist eben oft trist, doch aus dieser eintönigen Welt träumt sich der junge Protagonist von John Schlesingers "Billy Liar" (1963) in eine Phantasiewelt. Nicht anders als der Büroangestellte Billy in Nordengland träumen auch die Protagonisten von Lina Wertmüllers Debüt "I Basilishi" (1963) in einem abgeschiedenen Dorf Süditaliens vom Ausbruch aus der Lethargie, kommen aber nicht dauerhaft aus ihrer Welt hinaus.


Dino Risi schickt dagegen in der Tragikomödie "Il sorpasso" ("Verliebt in scharfe Kurven", 1962) ein ungleiches Männer-Duo auf eine Fahrt von Rom nach Livorno und porträtiert dabei Italiens Wandel zur Konsumgesellschaft und das Zerbröckeln traditioneller Vorstellungen von Ehe, Familie und des Patriarchats.


Aber auch in Nordeuropa brachten die frühen 1960er Jahre einen filmischen Aufbruch. Zu Ingmar Bergman kamen nun Jan Troell und Bo Widerberg. Widerberg erzählt in seinem ersten Langspielfilm "Barnvagnen" ("Kinderwagen", 1963) von einer schwangeren jungen Frau, die zwischen zwei Männern steht, sich aber sowohl von diesen als auch von ihrer Familie befreit und ihren eigenen Weg geht.


Dieser Wunsch nach Aus- und Aufbruch aus vorgegebenen Gesellschafts- und Geschlechterrollen zieht sich auch durch das osteuropäische Kino. So mag die junge Erzsi in "Das Mädchen" (1968) der Ungarin Marta Mészaros´ zunächst noch eine unsichere Frau sein, so agiert sie doch im Zuge ihrer Erfahrungen zunehmend unabhängiger und selbstbewusster. Mit allen Konventionen brechen in Vera Chytilovas "Tausendschönchen" (1966) nicht nur die beiden Protagonistinnen, sondern auch Chytilova selbst sprengt mit ihrem surreal-anarchistischen Szenenreigen alle Grenzen.


Diesem verspielten tschechischen Film steht der quasidokumentarische Beziehungsfilm "Jahrgang 45" (1966) des ostdeutschen Regisseurs Jürgen Böttcher gegenüber. Statt eine dramatische Handlung aufzubauen, beschränkt sich Böttcher bei dieser Geschichte eines Paares, das vor der Trennung steht, auf die Beobachtung von Alltäglichem. Im unverfälschten und frischen Blick stellt sich dabei über die individuelle Geschichte hinaus das Bild einer Generation ein, die kein Interesse am Aufbau des sozialistischen Staates zeigt, sondern ihr privates Glück in den Mittelpunkt stellt. – Wenig verwunderlich ist, dass "Jahrgang 45" schon in der Rohfassung vom Ministerium für Kultur verboten wurde und erst 1990 seine Uraufführung feierte.


Von einer Generation, die sich ins Private zurückzieht, erzählt auch die Russin Marlen Khutsiev in "Juliregen" (1967), in dem sich die desillusionierte Lena von ihrem ehrgeizigen Verlobten und dessen karrieresüchtigen Freunden trennt und Trost in der Einsamkeit findet.


In Polen wiederum übte Roman Polanski in seinem Langfilmdebüt "Messer im Wasser" (1962) im Gewand einer Dreiecksgeschichte "Kritik an der Verbürgerlichung der (schein)sozialistischen Gesellschaft Polens und dem Verlust an menschlicher Substanz" (filmdienst.de).


Am Übergang zu einer anderen Zeit steht schließlich Rudolf Thomes "Rote Sonne" (1969). Im Zentrum stehen hier vier junge Frauen, die in einer Münchner Wohngemeinschaft zusammenleben und ihre wechselnden Partner töten. Gespeist ist dieser knallbunte Film – der neben "Tausendschönchen" einzige Farbfilm der Filmreihe - von Thomes Liebe zum amerikanischen Genrekino vom Western über Krimis bis zu den Komödien von Howard Hawks und spiegelt leichthändig das Lebensgefühl dieser Generation.


Nicht nur intensive Kinoerlebnisse bietet so diese Filmreihe, sondern vermittelt mit ihrer Vielfalt auch ein eindrückliches Bild der Stimmung der Jugend der 1960er Jahre diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs.



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Trailer zu "Cléo de 5 à 7"