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  • AutorenbildWalter Gasperi

Der siebte Geschworene - Le septième juré

Georges Lautner nützt eine Mordgeschichte um ein vernichtendes Bild des heuchlerischen und in Routine erstarrten französischen Kleinbürgertums zu zeichnen. – Bei Pidax Film ist der ebenso spannende wie bittere Krimi aus dem Jahr 1962 in restaurierter Fassung auf DVD erschienen.


Lange schwenkt die Kamera über einen See, über dem sich langsam der Nebel lichtet und die Sonne durchbricht. Eine Idylle mit Fischern in Ruderbooten und Kleinbürgern, die entspannt den Spätsommertag in den Lauben eines Strandcafés genießen wird beschworen. Am Ufer schläft eine junge Frau nur im Bikini-Unterteil. Aus deren Geldtasche entnimmt ihr Freund Sylvain (Jacques Riberolles) heimlich Geld und verschwindet. Durch den lichten Wald spaziert der Apotheker Duval (Bernard Blier), der von Verlangen ergriffen wird, als er die halbnackte Frau am Ufer erblickt. Wie besessen fällt er über sie her und erwürgt sie, als sie sich wehrt.


Wortlos läuft diese rund achtminütige Eröffnungsssequenz ab, bis das Voice-over Duvals einsetzt. Gibt er im inneren Monolog zunächst dem Alkohol die Schuld an der Tat, wälzt er diese bald auf das Opfer ab, das ihn mit ihrem freizügigen Leben und ihren wechselnden Männerbekanntschaften provoziert habe. Vor sich selbst rechtfertigt sich der biedere Kleinbürger, indem er das Opfer als gefährliches Element der Gesellschaft bezeichnet, das man früher als Hexe verbrannt hätte.


Mit der Rückkehr in seinen Alltag in einer Kleinstadt im Elsass bekommt man auch Einblick in ein tristes, in Monotonie erstarrtes kleinbürgerliches Leben. Im Beruf ist Duval als Apotheker angesehen, führt ein ruhiges Familienleben mit Frau und zwei fast erwachsenen Kindern und verbringt seit 18 Jahren jede Woche einen Abend mit den anderen Honoratioren der Stadt wie Untersuchungsrichter, Kommissar und Tierarzt im Stammlokal. Doch Glück und Lebensfreude sind hier nie zu spüren.


Hauptgesprächsthema im Gasthaus ist selbstverständlich der Mord und die Verhaftung des Freundes des Opfers als Hauptverdächtigem. Nur der etwas jüngere Tierarzt verhält sich zurückhaltend, ergreift Partei für das Opfer und den Beschuldigten.


Zunehmend wird so im Lauf des Films ein Generationenkonflikt sichtbar, wenn dem verknöcherten und prüden Kleinbürgertum eine junge Generation gegenübergestellt wird, die kein Problem mit Partnerwechsel hat und scheinbar auch keine Eifersucht kennt. Allein schon aufgrund dieses offeneren und freizügigeren Verhaltens ist auch der des Mords verdächtige Sylvain dem saturierten Bürgertum ein Dorn im Auge.


Mit dessen Verhaftung kommen bei Duval aber auch Schuldgefühle auf. Er reist in die Schweiz und beichtet seinen Mord einem Priester, damit dieser den Verhafteten entlaste, doch Gericht und Polizei reagieren darauf nicht.


Duval aber wird zum Prozess als Geschworener berufen. Mit wiederholten Zwischenfragen mischt er sich in die Verhandlung ein, erschüttert zunehmend die Verdachtsmomente gegen den Angeklagten, sodass dieser schließlich freigesprochen wird.


Geschickt akzentuiert Georges Lautner, der später durch die Regie bei Belmondo-Filmen wie "Der Puppenspieler" (1980) und "Der Profi" (1981) bekannt wurde, die Handlung durch kontrastreiche Schwarzweißbilder, ungewöhnliche Kameraperspektiven und extreme Unter- und Aufsichten.


Endgültig zum Gesellschaftsdrama mit kafkaesken Zügen wandelt sich dieser Krimi schließlich, wenn der Freigesprochene für die bürgerliche Gesellschaft aufgrund seines Lebensstils dennoch ein Ausgestoßener bleibt, der in dieser Umgebung keine Zukunft haben wird.


Doch auch für Duval ist der Fall damit nicht abgeschlossen. Zunehmend gefangen fühlt er sich in dieser bürgerlichen Welt, in der seine Frau unter allen Umständen die heile Fassade aufrecht erhalten will. Doch ein Entkommen und eine Erlösung von der Schuld scheint nicht möglich. Mehr als der Mord belastet ihn dabei, dass er vor rund 20 Jahren seine große Liebe verraten hat und sich in das Gefängnis einer langweiligen kleinbürgerlichen Ehe gefügt hat.


Reichlich konstruiert mag die Handlung sein, spannend bleibt "Der siebte Geschworene" dank des schonungslosen und zutiefst pessimistischen Blicks auf das heuchlerische Kleinbürgertum, der an die Filme Henri-Georges Clouzots oder Claude Chabrols erinnert, und des starken Spiels von Bernard Blier dennoch.


Zudem spiegelt sich im Aufeinandertreffen des verknöcherten Bürgertums und der vitalen Jugend, deren Lebensfreude und Offenheit nicht nur bei einem Tanz von Duvals Tochter, sondern vor allem beim Besuch eines Tanzclubs der Jugendlichen spürbar wird, auch der Aufbruch der Jugend und der Protest gegen die Elterngeneration, der in die 1968er-Bewegung münden wird.


An Sprachversionen bietet die bei Pidax Film in restaurierter Fassung erschienene DVD die französische Original- und die deutsche Synchronfassung an, aber keine Untertitel. Die Extras beschränken sich auf den originalen französischen Kinotrailer und Trailer zu zwei weiteren bei diesem Label erschienenen Filmen.


Trailer zu "Der siebte Geschworene - Le septième juré"



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