• Walter Gasperi

Copilot - Die Welt wird eine andere sein


Ganz aus der Perspektive einer deutsch-türkischen Medizinstudentin erzählt Anne Zohra Berrached in ihrem in den späten 1990er Jahre spielenden Drama von der Liebe zu einem libanesischen Kommilitonen und wie diese Liebe gegenüber der Wandlung des Partners blind macht. – Mit starkem Spiel packt der Film und weitet den Blick mit dem schockierenden Finale vom Privaten auf die Welt.


Schwierig ist es über einen Film zu schreiben, über dessen Inhalt man möglichst wenig bekannt geben sollte. Das gilt zwar im Grunde für alle Filme, besonders aber dann, wenn die Spannung daraus entsteht, dass das Publikum zusammen mit der Protagonistin erst langsam Hintergründe und Zusammenhänge entdeckt (Eine kurze Information zum realen historischen Hintergrund findet sich deshalb erst unterhalb des Trailers).


Ein Abschiedsbrief, in dem ein Mann seiner Geliebten dankt, dass sie ihn fünf Jahre begleitet und bei seinem Weg unterstützt habe, deutet zwar schon an, dass diese Geschichte nicht glücklich enden wird, doch wird gleichzeitig vieles im Dunkeln gelassen und Spannung geweckt. Nach diesem Einstieg blendet Anne Zohra Berrached zurück und erzählt in fünf, mit den Inserts "Erstes Jahr" bis "Fünftes Jahr" überschriebenen Kapiteln die in den späten 1990er Jahren spielende Geschichte dieses Paares.


Nach dem Drama "Zwei Mütter", in der ein lesbisches Paar ein Kind bekommen möchte, und "24 Stunden", in dem ein Paar vor der Frage steht, ob es ihr ungeborenes Kind, das mit einem Down-Syndrom auf die Welt kommen wird, abtreiben soll, stellt die 1982 als Tochter eines algerischen Gastarbeiters und einer Lehrerin in der DDR geborene Regisseurin mit der deutsch-türkischen Medizinstudentin Asli (Canan Kir) zum dritten Mal eine Frau ins Zentrum. Nah an ihr dran ist die dynamisch geführte Handkamera von Christopher Aoun beim Sezierkurs, auf einem Rummelplatz oder bei einer Party, auf der sie den libanesischen Studenten Saeed (Roger Azar) kennenlernt.


Rasch werden so die Zuschauer*innen ins Geschehen und ihre Perspektive hineingezogen und intensiv vermittelt Berrached die frische Liebe, wenn Asli und Saeed im Meer herumtollen. Im wahrsten Sinne des Wortes hebt die Kamera ab, wenn Saeed Asli auf dem Rücken trägt, und lässt sie fliegen. Die Szene korrespondiert dabei mit dem Wunsch Saeeds, Pilot zu werden und nur auf Wunsch seiner reichen Eltern Zahnmedizin studiert.


Gegenüber ihrer türkischen Mutter, die Araber hasst, muss Asli aber ihren Freund verheimlichen. Als die Mutter doch von der Beziehung der Tochter erfährt, kommt es zum Streit. Der Blick auf das Spannungsfeld zwischen liberaler deutscher Studentenwelt und türkischen Familientraditionen ist aber nur ein Nebenaspekt von "Copilot", im Zentrum steht die Beziehung von Asli und Saeed. Sie heiraten zwar, doch das Glück bekommt bald Risse, als Saeed Asli immer klarere Vorschriften macht, ihr das Rauchen verbietet und heimliche Telefonate und Gespräche führt, bis er für längere Zeit ganz verschwindet, nachdem er Asli das Versprechen abgerungen hat, niemandem davon zu erzählen.


Als sie allein nach Beirut reist, lernt sie dort seine ebenso reiche wie liberale Familie kennen. Saed selbst taucht nicht auf, aber irritiert erkennt sie doch, dass sich der westliche Lebensstil deutlich von dem Saeeds unterscheidet. Erst als sie wieder in Deutschland ist, steht Saeed plötzlich vor ihrer Tür und die anfängliche Wut weicht rasch der wieder aufflammenden Liebe, die auch durch einen neuen Plan Saeeds nicht erschüttert wird.


Wie Asli erfährt auch das Publikum nichts über die Gründe für die Wandlung Saeeds und seine genauen Aktionen. Ganz auf ihrem Wissensstand bleibt man und spürt durch diese Nähe und das starke Spiel Canan Kirs die intensive Liebe dieser Frau, die stärker ist als alle Bedenken und sie immer wieder zu Saeed halten und über seine Wandlung hinwegsehen lässt.


Ahnen kann man zwar schon längst, was hier abgeht, doch Gewissheit erhält man erst im Finale. Wenn hier abrupt die Weltgeschichte mit einem Ereignis, nach dem - wie Saeed schreibt und wie der deutsche Titel des Films lautet - "die Welt eine andere sein wird" in die private Beziehungsgeschichte einbricht, und sich auch für Asli quasi als Copilotin Saeeds die Frage der Mitschuld stellt, dann wirkt diese Wende und tief sitzt der Schock auch beim Publikum.


Dass Saeed dabei auch für die Zuschauer*innen so schwer zu greifen ist, ist Stärke und Schwäche des Films zugleich, denn einerseits entspricht das der Sicht Aslis, andererseits tut man sich mit einer so diffusen Figur, über die man im Grunde nichts erfährt doch schwer.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen.


Trailer zu "Copilot - Die Welt wird eine andere sein"


SPOILER: Reale Grundlage für den fiktionalen Film bildet die Biographie des libanesischen Terroristen Ziad Jarrah, der in Hamburg Flugzeugbau studierte, mit einer Medizinstudentin liiert war und als einer der Entführer des United-Airlines-Fluges 93 an den Anschlägen vom 11. September 2001 beteiligt war.